Die Mollusken sind eine der erfolgreichsten Tiergruppen der Erde. Im Laufe der Evolution haben sie verschiedenste Variationen des Weichtier-Grundbauplans hervorgebracht und sich über die gesamte Welt ausgebreitet – von der Tiefsee bis ins Innere der Kontinente. „Mollusken bevölkern fast jeden Lebensraum unseres Planeten – von winzigen Schnecken, die man kaum mit dem bloßen Auge erkennt, bis zu riesigen Tintenfischen, die zu den größten wirbellosen Tieren der Erde zählen“, erklärt. Julia Sigwart vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.
So funktioniert die Wahl zum Weichtier des Jahres
Um die Vielfalt und ökologische Bedeutung der Mollusken bekannter zu machen, veranstaltet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gemeinsam mit der internationalen Fachgesellschaft für Molluskenforschung (Unitas Malacologica) in diesem Jahr schon zum sechsten Mal eine öffentliche Online-Abstimmung zum Weichtier des Jahres. „Mit der Wahl zur ‚Internationalen Molluske des Jahres‘ möchten wir die erstaunliche Vielfalt und Einzigartigkeit dieser Tiergruppe hervorheben und gleichzeitig auf ihre Bedeutung und ihren Schutzbedarf aufmerksam machen“, sagt Sigwart.
Noch bis 26. April können alle Weichtier-Fans auf der Website https://sgn.one/moty2026 ihre Stimme für den persönlichen Favoriten abgeben und mehr über die Kandidaten erfahren. Zur Wahl stehen in diesem Jahr drei Schnecken und zwei Muscheln. Eine internationale Jury der beiden Organisationen hat diese Kandidaten aus zahlreichen Nominierungen der globalen Weichtier-Community ausgewählt. „Die große Vielfalt an Einreichungen aus aller Welt hat uns erneut begeistert – entsprechend anspruchsvoll war es, die fünf Finalisten auszuwählen“, sagt Carola Greve vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Jede der nominierten Arten überzeugt durch ihre eigene Geschichte und besondere, einzigartige Merkmale.“

Das sind die fünf Kandidaten
Der erste Kandidat ist die Pferdeschnecke Triplofusus giganteus. Mit einer Länge von bis zu 60 Zentimetern ist sie die größte Meeresschnecke im Atlantik und eine der größten Schnecken weltweit. Und sie ist ein Raubtier: Die Riesenschnecke jagt in Seegraswiesen des tropischen Westatlantiks nach kleineren Weichtieren, die sie mit ihrem massiven Fuß umklammert und dann tötet. Jüngste Forschungen zeigen, dass die Pferdeschnecke etwa 16 Jahre alt wird und erst im Alter von sechs oder sieben Jahren mit der Fortpflanzung beginnt.
Auch die zweite Nominierte ist alles andere als harmlos: Die Vampirschnecke Cumia intertexta lebt im Mittelmeer und saugt nachts das Blut ruhender Fische. Dafür pirscht sie sich an und durchbohrt dann die Haut des Fisches mit einem scharfen Zahn an der Spitze ihres Rüssels. Ähnlich wie Mücken oder Zecken an Land injiziert sie einen Cocktail aus Gerinnungshemmern und Schmerzmitteln, um dann das Blut des Fisches zu saugen. Nach der Blutmahlzeit bleibt der Fisch etwas geschwächt, aber ansonsten unversehrt zurück.

Der dritte Kandidat ist eines der ungewöhnlichsten, je entdeckten Weichtiere: die in einem Fluss auf den Philippinen vorkommende Muschel Lithoredo abatanica. Diese Verwandte der holzfressenden Schiffsbohrwürmer ist das erste bekannte Tier, das Gestein frisst. Die Muschel bohrt sich mit ihrer gezackten Schale durch Kalkstein und frisst das Gesteinsmehl. Wie sie daraus Nährstoffe bezieht, ist jedoch noch ein Rätsel.
Der vierte Kandidat ist eine Muschel, die auf den ersten Blick eher einer Schnecke gleicht. Denn die im Meer vor Südaustralien vorkommende Mondmuschel Ephippodonta lunata hat ihre Schalen in dauerhaft aufgeklappte, dicht mit Sinneszellen besetze „Flügel“ umgewandelt. Auf ihrem muskulösen Fuß bewegt sich diese Muscheln über den Meeresgrund und hält sich dabei bevorzugt in den Gängen von Garnelen oder sogar dem Inneren von Schwämmen auf.
Das fünfte nominierte Weichtier ist so selten, dass es vor einigen Jahren sogar als ausgestorben galt. Denn die kleine Landschnecke Filicaulis seychellensis kommt nur auf einer einzigen Insel der Seychellen vor. Dort bewohnt sie die ebenfalls weltweit einmalige Seychellenpalme. Diese Palmenart produziert mit der zehn bis 25 Kilogramm schweren und bis 50 Zentimeter großen Coco de Mer die größten Samen des Pflanzenreichs.
Der Gewinner bekommt eine Genom-Sequenzierung
Für alle fünf Kandidaten gilt: Wenn sie gewinnen, werden Forschende erstmals ihr Genom sequenzieren. „Weichtiere verfügen über eine beeindruckende genomische Vielfalt, doch bisher wurden vergleichsweise wenige Genome vollständig entschlüsselt“, erklärt Greve. Eine solche Sequenzierung könnte mehr über die ungewöhnlichen Anpassungen und Lebensweisen der fünf Nominierten verraten. „Wir sind gespannt, welche Art in diesem Jahr den Titel erhält – und welche bislang verborgenen genomischen Geheimnisse sie preisgibt!“, so Greve. Welche Molluskenart den Titel des Jahres 2026 gewinnt, wird am 30. April bekannt gegeben.
Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung; Website der Abstimmung





