“Die Spannung stieg aufs höchste – einen letzten Blick tat ich noch in das Sternrohr: so schmal, wie mit der Schneide eines Federmessers in das Dunkel geritzt, stand nur mehr die glühende Sonnensichel da, jeden Augenblick zum Erlöschen. Und wie der letzte Funke eines erlöschenden Dochtes, schmolz eben auch der letzte Sonnenfunken weg. Deckend stand nun Scheibe auf Scheibe – und dieser Moment war es eigentlich, der wahrhaft herzzermalmend wirkte. Totenstille, es war der Moment, da Gott redete, und die Menschen horchten.”
Am 11. August dieses Jahres 1999 werden auch Skeptiker zugeben müssen, daß Stifter nicht übertrieben hat.
Die erste partielle Phase der Finsternis beginnt mit dem 1. Kontakt. Im Laufe von 1 Stunde und 20 Minuten wird die Sonne immer kleiner, bis nur noch eine schmale Sichel an der linken Seite übrig ist. Während dieser Zeit gerät man leicht in Versuchung, das Herannahen des großen Augenblicks mit auf die Sonne gerichtetem Blick zu beobachten – ein gefährliches Unterfangen, denn auch wenn nur noch eine schmale Sonnensichel übrig ist, strahlt die Sonne hier mit unverminderter Helligkeit und könnte schwere Netzhautschäden verursachen. In den Wartezimmern der Augenärzte herrscht nach Sonnenfinsternissen oft Hochbetrieb. Man sollte auf gar keinen Fall mit ungeschützten Augen in die Sonne schauen, natürlich erst recht nicht mit dem Feldstecher.
Es werden vielfach Schutzbrillen mit einer metallbedampften Folie angeboten, durch die man ungestraft schauen kann. Es gibt zwar auch einfachere Mittel, zum Beispiel zwei aufeinandergeklebte schwarze Dias – wie sie immer nach der Entwicklung eines Diafilms an seinem Anfang oder Ende anfallen – doch bieten sie keinen sicheren Schutz, man sollte damit nur kurz in die Sonne schauen. Im übrigen reicht auch ein kurzer Blick, um zu sehen, wie weit der Mond inzwischen vor die Sonne gewandert ist.
Völlig unzureichend ist eine normale Sonnenbrille. Sie dämpft das Licht in einer sonnenbeschienenen Landschaft, für die Sonne selbst müßte sie vieltausendmal dunkler sein.
Durch einen Feldstecher dürfen Sie auch nicht mit Schutzbrille zur Sonne schauen: Die konzentrierte Sonnenwärme könnte ein Loch in die Folie brennen, und im gleichen Moment trifft die geballte Sonnenglut auf ihre Netzhaut.
Der Mond ist keine glatte Kugel, er hat Tiefebenen und Gebirge, Täler und Bergspitzen. Wenn der glatte Sonnenrand hinter dieser buckligen Mondkante versinkt, blitzt die Sonne zuletzt noch aus einigen Mondtälern heraus. Die letzten Sonnenstrahlen liegen wie Perlen auf einer Kette aufgereiht um ein Stück Mond herum: Nur einen kurzen Moment lang leuchtet die “Perlschnur” auf – ein bezaubernder Anblick, den man nicht versäumen sollte. Einen Sekundenbruchteil später erlischt die letzte Sonnenperle an der linken Seite des Mondes. Im gleichen Moment ist es dunkel. Nun ist keinerlei Augenschutz mehr nötig – mit ihm würde man auch nichts sehen von dem grandiosen Anblick, den der Himmel nun bietet, den Sie mit bloßem Auge und sogar mit dem Feldstecher bewundern können: Wo gerade noch die Sonne vom Himmel leuchtete, steht eine pechschwarze Scheibe, umgeben vom silbrig schimmernden Glorienschein der Korona. An seinem inneren Rand sieht man die roten Flammenzungen der Protuberanzen: Hier schießen gigantische Wasserstoff-Fontänen aus der Sonne hoch.
Die totale Verfinsterung dauert im Zentrum des Streifens bei Stuttgart 2 Minuten 17 Sekunden, bei München 2 Minuten 19 Sekunden, bei Salzburg 2 Minuten 21 Sekunden. Mit zunehmender Entfernung von der Zentrallinie wird die Dauer der Totalität kürzer. Nun blitzt an der rechten Seite des Mondes der erste Sonnenstrahl wieder auf – etwa da, wo beim 1. Kontakt der Mond die Sonne zum ersten Mal berührte. Im gleichen Moment wird es wieder hell auf der Erde. Die zweite partielle Phase hat begonnen, die etwa 1 Stunde und 21 Minuten dauert. Der Mond gibt immer mehr von der Sonne wieder preis, bis – beim 4. Kontakt – die letzte Delle an der linken Seite der Sonnenscheibe verschwindet. Mond und Sonne sind nun wieder getrennt: Die Sonnenfinsternis ist zu Ende.
Nicht nur am Himmel, auch auf der Erde sind erstaunliche Phänomene zu beobachten. Während sich der Mond allmählich vor die Sonne schiebt, wird es merklich kühler, die Temperatur sinkt fast gleichmäßig um rund sechs Grad ab. Durch den Temperaturunterschied wird es auch windig.
Wie dunkel es wird, läßt sich schwer voraussagen. Auf jeden Fall sollte die Dunkelheit ausreichen, daß wenigstens die helleren Sterne des Himmels zu sehen sind, zum Beispiel Arkturus, Hauptstern des “Bärentreibers” Bootes, und Capella, der hellste Stern im Fuhrmann. In direkter Sonnenumgebung findet man auf jeden Fall die helle Venus links unterhalb der Sonne und den Merkur etwas weiter rechts oberhalb von ihr. Venus wird meist schon lange vor Eintritt der Totalität als erster “Stern” am immer dunkler werdenden Himmel sichtbar.
Spannend wird es, wenn die Sonne kurz vor dem 2. Kontakt wegschmilzt. Jetzt, in den letzten Sekunden vor der totalen Finsternis, sollte man auch einen Blick nach Westen werfen: Mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit kommt der Schatten angerast – wie eine riesige dunkle Gewitterwand, von der man überrannt zu werden droht. Mancher hat darüber schon die Perlschnur verpaßt. Es ist furchtbar aufregend, vielleicht starren Sie nur gebannt zum Himmel und vergessen die ganze Welt um sich, um den Strahlenkranz der Korona aufleuchten zu sehen. Nun ist die große Zeit für die vielleicht kostbarsten Fotos gekommen, die Sie in Ihrem Leben machen. Kein Karlsruher, Stuttgarter, Münchner oder Salzburger wird eine solch faszinierend finstere Zeit wie die am 11. August 1999 noch einmal zu Hause erleben.
Etwas Ähnliches wie vor Beginn der totalen Verfinsterung ereignet sich an ihrem Ende: An der rechten Seite erscheint die Sonne plötzlich wieder in Form eines ersten Lichtblitzes am tiefsten Einschnitt am Mondrand. Unmittelbar danach gesellen sich daneben noch ein paar Lichtblitze dazu. Doch nach aller Erfahrung denkt jetzt kaum noch jemand ans Fotografieren. Fast jeder ist erfüllt von dem wundervollen Erlebnis, und oft beschließt ein Freudenfest das große Ereignis.





