Die Kinderstimmen im hallenden Foyer sind verklungen. Am Abend kehrt Ruhe ein im Gießener Mathematikum, Deutschlands einzigem reinen Mathematikmuseum. Nach dem Motto „Der Letzte macht das Licht aus” kommt der Museumdirektor Albrecht Beutelspacher persönlich an der Garderobe im Erdgeschoss vorbei und schließt die Gitterdeckel der großen Holzkästen, in denen tagsüber die Rucksäcke der Schüler lagern.
Der nächste Morgen beginnt unterm Dach, wo altes Fachwerk die moderne Einrichtung umrahmt. Vor zwei Jahren wurde dieses oberste Stockwerk des alten Hauptzollamts und ehemaligen Gefängnisses zu Besprechungszimmern ausgebaut – das Mathematikum wächst. „Wir sind hier auf der Etage des Gefängnisdirektors”, erklärt Beutelspacher schmunzelnd. Beim heutigen Meeting ist er aber eher der Hahn im Korb: Fünf Volontärinnen hat Beutelspacher um sich versammelt. Die hohe Frauenquote bei den Mitarbeitern entspreche – trotz der Mathematik – dem allgemeinen Trend in den pädagogischen Berufen, meint er.
Das Gespräch verläuft locker. Es geht um die bevorstehende Sonderausstellung „Naturtalente”, bei der erstmals lebende Mathematik-Exponate gezeigt werden: von wachsenden Bohnen bis zu einer wuselnden Ameisenkolonie. Ein weiterer wichtiger Punkt: 2012 wird das Mathematikum zehn Jahre alt. Das Jubiläum möchte Beutelspacher nicht ungenutzt verstreichen lassen und bald mit einem Museumsberater über eine Neugestaltung sprechen. Welchen Stellenwert das Mathematikum von Anfang an hatte, belegt die Tatsache, dass der damalige Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung kam. Beutelspacher erinnert sich: „Es hieß, der Bundespräsident habe am 19. November 2002 genau eine Stunde Zeit. Damit war der Eröffnungstermin fix. Unser Architekt hat zwar erst geschluckt, dann ist aber doch alles pünktlich fertig geworden.”
Die Besprechungsrunde löst sich gegen 9.45 Uhr auf. Es geht einen Stock tiefer in die Büros, wo weitere Gespräche stattfinden. Zu meiner Überraschung sitzt der Chef nicht allein im Zimmer, zwei Volontärinnen leisten ihm Gesellschaft. Durch drei große gekippte Fenster zum Hof dringt permanent Kinderlärm herauf. „Anrufer fragen mich manchmal, ob ich im Schwimmbad sitze, so höre sich das an”, erzählt Beutelspacher. Den ältesten von sechs Brüdern stört das nicht. Seine Ruhe und Ausgeglichenheit sind bemerkenswert, wie eine Mitarbeiterin meint: „Er wird nie laut, selbst wenn etwas schief geht.” Auch seinen Optimismus bewundere sie, und sie zitiert den Chef: „Klar mögen Menschen Mathe! Es wird einfach nicht regnen! Der schafft das schon!”
Schneller als erwartet bekommen wir die Bohnenzuchtkästen zu Gesicht: Ein Mitarbeiter aus der hauseigenen Werkstatt hat angerufen, er habe Gesprächsbedarf. Der Weg zu ihm führt mitten durchs Mathematikum, wo Dutzende Kinder herumtoben und die Exponate ausprobieren. „Kinder haben bei uns immer Vorfahrt”, sagt Beutelspacher und macht einen Schlenker um eine kleine Meute. „Ich beneide die Betreuer, die jeden Tag mit ihnen arbeiten dürfen.” Besonders begehrt ist die übermannshohe Seifenblasenmaschine. Die Kinder gehen nicht gerade zimperlich mit der Apparatur um. Doch der Hausherr meint: „Ich bin erstaunt, wie wenig kaputt gemacht und geklaut wird. Nicht einmal unser kleinstes Holzquadrat ist bisher verschwunden.” Auffällig ist: Nirgendwo im Mathematikum findet man Formeln oder langwierige Erklärungen. Keine Belehrung durch die Hintertür, sondern eigenständiges Erfahren und Begreifen – das ist die Philosophie des Hauses. Und die ist Teil des Erfolgsrezepts, das sich mittlerweile bis ins Ausland herumgesprochen hat: Vor Kurzem war eine türkische Delegation da, die in Istanbul ein Mathe-Museum nach deutschem Vorbild eröffnen will.
In der Werkstatt empfängt uns inmitten großer Maschinen Thorsten Theisinger, einer von drei Exponatebauern. Er will mit dem Chef letzte Absprachen für die „Natur- talente”-Sonderschau treffen. Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Beutelspacher ist uneitel – er hat es nicht nötig, seinen Professorentitel vor sich her zu tragen. Generell ist die Hierarchie im Haus flach. Was auch Nachteile hat: Der Chef kümmert sich um fast alles selbst. Zurück im Büro geht Beutelspacher persönlich ans Telefon und erledigt seine elektronische Post. Langfristig soll ihm jemand zumindest 50 Prozent der Mails abnehmen, wünscht er sich. Und in Zukunft soll es auch einen Leiter oder Geschäftsführer für das Mathematikum geben. Der 60-Jährige weiß: Irgendwann muss sein Museum auch ohne ihn laufen.
Melanie Schmidt aus dem Museumsshop ist nach oben gekommen, um über neue Produkte zu sprechen. Sie gehen gemeinsam Spiele- und Buchkataloge durch: Dieses Holzspielzeug nicht, jenes Puzzle zur Probe bestellen. Produkte, die sich nicht gut verkauft haben, werden aussortiert. Beutelspacher zeigt sich als Geschäftsmann. Es ärgert ihn, dass ein Kollege ein Buch mit dem Titel „Warum Mathe glücklich macht” herausgebracht hat. Mathe und Glück – das empfindet der mehrfach preisgekrönte Kommunikator als sein Revier. Er regt an, die entsprechenden Domains im Internet sofort zu reservieren.
Verständlich: Um erfolgreich zu sein, muss er in Geschäftsmodellen denken, schließlich steckt hinter dem launigen Mitmachmuseum ein mittelständischer Betrieb mit rund 90 Angestellten. Derzeit befindet sich das Haus in der Konsolidierung, zwei Drittel der Schulden sind abbezahlt. In fünf Jahren soll es schuldenfrei sein. Die 100 000 D-Mark, die Beutelspacher im Jahr 2000 mit dem Communicator-Preis, dem Medienpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, erhielt, hat er ohne Zögern ins Museum gesteckt. Privates Geld ist auch in die Anschaffung von Exponaten geflossen: Bei dreistelligen Beträgen habe er nicht lange Anträge geschrieben, sondern in die eigene Tasche gegriffen, erzählt Beutelspacher.
Mittlerweile ist es nach 14 Uhr. Von Mittagspause keine Spur. Nur ein angebissenes Käsebrötchen zeugt von so etwas wie einem Mittagessen. „Mir reichen auch mal ein paar Kekse”, meint Beutelspacher lapidar. Wir nutzen den angebrochenen Nachmittag für ein längeres Gespräch.
Herr Professor Beutelspacher, Sie haben sich aus der Forschung weitgehend zurückgezogen. Gibt es Fachkollegen, die Sie als netten „Museumsonkel” abstempeln?
Ich habe mir und anderen mit Lehrbüchern und Fachpublikationen bewiesen, was ich kann. Nach den ersten Ausstellungen kam einfach ein solcher emotionaler Wärmestrom zurück – da war klar: Das ist meine Aufgabe.
Wie gehen die Kollegen mit Ihrer Medien-Präsenz um?
Manche unterstützen mich, andere machen ihr eigenes Ding. Die Neidphase ist überwunden. Nur manchmal meint einer, jetzt wäre sein Gebiet mal an der Reihe. Doch viele wissen nicht, dass Medien nicht so funktionieren.
Sie kennen die Medien gut. Haben Sie auch schon schlechte Erfahrungen gemacht?
Überhaupt nicht. Nur manchmal wird die Öffentlichkeitsarbeit einfach zu viel. Etwa 2008, im Jahr der Mathematik: Da habe ich nach meinem Urlaub in den Kalender geschaut und festgestellt, dass ich an den nächsten 100 Tagen bis Dezember täglich irgendwo in der Republik einen Vortrag halte. Ich habe mich gefragt, wie ich das schaffen soll. Doch dann war jeder Auftritt gut. Das liegt auch daran, dass die Stimmung immer gut ist. Es wird ja nie kontrovers diskutiert wie bei Gentechnik oder ADHS.
Ihnen widerspricht keiner …
… genau, bei mir sind alle Leute glücklich.
Kann man Schüler mit Mathe glücklich machen?
Lernforscher haben herausgefunden, dass es besser ist, wenn man konstruktiv lernt, also sich das Wissen selbst erarbeitet. Die Schüler sollten sich also mit dem Lernstoff identifizieren können. Das muss nicht alles sein, im Deutschunterricht würde auch niemand sagen, „Kommaregeln sind genau mein Ding”. Aber es lassen sich Anknüpfungspunkte finden in Alltag und Natur. Mathe macht den Kindern Spaß, wenn sie merken, dass sie einen Nutzen hat. Ohne sie würde nichts funktionieren: kein Handy, keine CD, kein Navigationsgerät.
Wie gut steht die Chance eines Einser-Mathe-Abiturienten auf ein gutes Mathe-Examen?
Das ist eine knifflige Frage. Man kann eine Eins in Mathe haben, weil man die Prüfungsfragen beherrscht. Das befähigt aber noch nicht zum Studium. Auch gute Schüler können an der Uni nach zwei Wochen vor einer Betonmauer stehen. Mathematik ist keine Rezeptwissenschaft. Man muss auch mal mehrere Nachmittage knobeln können. Durchhalten ist wichtig.
Wo haben Mathe-Absolventen Chancen auf dem Arbeitsmarkt?
Überall – und damit meine ich nicht als Taxifahrer oder Kellner. Zum Beispiel in der Sicherheitstechnik, in der Raumfahrt oder bei der Erstellung von Fahrplänen für die Bahn. Mathe ist eine Schlüsselwissenschaft, die überall vorkommt, wo neue Produkte generiert werden.
Braucht man eine bestimmte Begabung, um in Mathe gut zu sein?
Es kommt drauf an, auf welchem Niveau man das Fach betreiben möchte. ‚Ich bin in Mathe nicht begabt‘ halte ich für eine Ausrede. Es ist auch nicht jeder sprachbegabt, trotzdem würde man erwarten, dass ein normal intelligenter Schüler in Englisch eine Drei kriegt. Wenn es um Spitzenleistung geht, braucht man wohl eine gewisse Disposition, wie in anderen Disziplinen auch. Ich bin kein Supersportler geworden, obwohl ich als Teenager unglaublich viel Sport getrieben habe.
Wie kam es zu Ihrem Entschluss, Mathematik zu studieren?
In der Oberstufe hat mir das Fach gut gefallen, überhaupt die Naturwissenschaften. Früher habe ich auf unserem Dachboden mit Schwefel gezündelt, bis die Socken durchlöchert waren. Zum Glück haben wir alle überlebt und das Haus steht noch! Später habe ich viel gelesen und war drauf und dran, Germanistik zu studieren. Dann habe ich beim Arbeitsamt einen Test gemacht, aus dem klar hervorging: Begabt bin ich in Mathe. Das war die entscheidende Hilfe.
Haben Sie mathematische Vorbilder?
Prägend war eine Hochschullehrerin. Eine bescheidene Frau aus Serbien, die dort, dann in Italien und in England studiert hat. Sie kam ins verschnarchte Tübingen und brachte einen Hauch von Welt hinein. Sie gab mir ein Diplomarbeitsthema, an dem schon einige große Mathematiker verzweifelt waren. Ich wusste das nicht und habe mich einfach drangesetzt. Es ging um eine Verallgemeinerung der Parallelität in höherdimensionalen Räumen. Das wurde die beste Arbeit, die ich je geschrieben habe.
Sie schreiben seit zehn Jahren für bild der wissenschaft eine Kolumne, in der häufig Ihre Familie vorkommt. Wie viel haben die echte und die Mathe-Familie gemeinsam?
Es sind die gleichen Namen und ein bisschen vereinfacht auch die Charaktere meiner Kinder Maria und Christoph, die heute Mitte und Ende 20 sind. Zum Teil basieren die Geschichten auf realen Erlebnissen. Am Anfang hab ich den Kindern den Text noch vorgelegt, das mache ich inzwischen nicht mehr.
Sie sind viel beschäftigt. Schreiben Sie wirklich jede Kolumne selbst?
Jeden Buchstaben! Und meistens sogar zweimal, weil ich erst einmal alles falsch schreibe. Spaß beiseite: Das Persönliche ist es doch, was die Leser mögen.
Wann kommen Ihnen die Ideen?
Immer in letzter Sekunde. Wenn ich zweimal gemahnt bin, entsteht der kreativitätsfördernde Druck (lacht). Auf Vorrat schreiben kann ich leider nicht.
Machen Sie sich Sorgen, dass Ihnen irgendwann die Ideen ausgehen?
Immer! Am Anfang habe ich mir eine Liste gemacht und kam schon bei Nummer elf ins Stocken. Ich weiß nie, was die nächste Kolumne ist. Aber bisher hat es immer geklappt.
Eine entspannte Haltung, die offenbar zum Lebensprinzip des Mathematikers gehört: Nach unserem Gespräch kündigt Beutelspacher an, er müsse sich eben noch ein paar Fragen für seinen Abend-Gast überlegen. Denn es ist wieder Zeit für „Beutelspachers Sofa”, das hauseigene monatliche Talk-Format, das es seit fünf Jahren gibt. Das Konzept: Beutelspacher schlüpft in die Rolle des Interviewers und befragt einen anderen Mathematiker zu dessen Tätigkeit. „Ich lade nur Leute ein, von denen ich weiß, dass sie eloquent sind”, sagt Beutelspacher. Denn mit einem einsilbigen Mathe-Journalisten habe er Schiffbruch erlitten. An diesem Abend erwartet er Günter Schmidt, einen pensionierten Gymnasiallehrer und Buchautor.
Trotz Fußball-WM und schönem Wetter haben um 19.30 Uhr rund 50 Zuhörer im Veranstaltungssaal des Mathematikums Platz genommen. Beutelspacher sitzt mit seinem Gast auf dem sechseckigen Podium, neben dem roten Ledersofa steht ein dreieckiger Tisch – ein Tag mit dem Mathematiker schult den geometrischen Blick. Beutelspacher zeigt sich nicht nur als guter Zuhörer, sondern auch als Entertainer. Er lässt das Manuskript links liegen, redet frei, ohne sich zu verzetteln, scherzt mit Publikum und Gast. Und all das, ohne dem anderen die Show zu stehlen. Sie plaudern über pädagogische Fehltritte, gute und schlechte Schüler und mathematische Frusterlebnisse. Beutelspacher gesteht, dass er als Student selbst in mancher Vorlesung nichts verstanden habe.
Nach einer kurzweiligen Stunde ist das Gespräch vorüber. Der Professor unterhält sich noch mit einer Reporterin des Gießener Anzeigers, die sich als Beutelspachers „Satellit” bezeichnet. Der Kommunikationsprofi ist in den Medien stets präsent. Den Beweis liefert überraschend das abendliche Fernsehprogramm: Soeben vom Mathe-Meister verabschiedet und im Hotel einquartiert, lächelt er mir in der hr-Sendung „Bilderbogen” entgegen.
Auch der nächste Tag steht ganz im Zeichen der Medien. Es geht nach Mainz auf den Lerchenberg: Das ZDF hat den Mathe-Professor um 13 Uhr zur Livesendung „Mittagsmagazin” eingeladen. Für ihn eine willkommene Gelegenheit, sein neues Buch „Kleines Mathematikum” vorzustellen, das noch etwas Verkaufsförderung vertragen kann. Für den Termin lässt Beutelspacher die erste Stunde seiner vierstündigen Block-Vorlesung „Analytische Geometrie und lineare Algebra” sausen, die eigentlich um 14 Uhr beginnt. Die Beschäftigung der Studenten ist organisiert.
Um 11 Uhr steigen wir in seinen silbergrauen Audi und erreichen mit Richtgeschwindigkeit pünktlich um 5 vor 12 die Sendeanstalt. Die Pförtnerin ist etwas unwirsch – kein Grund für Beutelspacher, seinen guten Ton zu vergessen. Schließlich werden wir von einer quirligen Blondine abgeholt. Auch von ihr lässt der Profi sich nicht aus der Ruhe bringen. Dann ist alles durchorganisiert. Beutelspacher wird von einer Vorbereitungsstation zur nächsten gelotst. Sogar der Toilettengang ist eingetaktet. Der Professor lässt alles mit dem Gleichmut eines buddhistischen Mönchs über sich ergehen.
Beim Licht-Check werfen wir einen ersten Blick in das topmoderne grüne Studio, in dem seit Januar Petra Gerster & Co die „heute”-Nachrichten zelebrieren. Nächste Station: die Maske. Das ist die Gelegenheit für eine akustische Verschnaufpause, denn die Visagistin ist nicht an Smalltalk interessiert. Ein bisschen Puder hier und da – fertig. Im VIP-Raum angekommen, schneit die Moderatorin der Sendung Susanne Conrad herein. Sie erzählt im Eiltempo, wie Mathe für sie in der Schule war – und ist auch schon wieder verschwunden. Beutelspacher ist es gewohnt, dass ihm jeder sein Verhältnis zur Mathematik offenbart oder gar mit der eigenen mathematischen Unkenntnis kokettiert.
Sekunden vor dem Auftritt: Selbst der Routinier bekommt nun leicht feuchte Hände. Leise summt er vor sich hin, um die Stimmbänder zu „ölen”. Dann ist es so weit: Kamera an – Lächeln auch. Susanne Conrad stellt Beutelspacher als Professor für Diskrete Mathematik und Geometrie vor und schließt die Frage an, was denn an Mathematik diskret sei. Er geht kurz und gekonnt darauf ein, vergeudet aber keine Zeit, um den Bogen zu seinem Thema zu schlagen: „Mathe soll Spaß machen!” Es folgt ein lebendiges Zehn-Minuten-Gespräch über Schule, Mathe und Frauen, Sudoku und die Feststellung, dass Beutelspacher offenbar anders ticke als andere Menschen. Jeder Satz sitzt. Seine Medienkompetenz hat der Tausendsassa perfektioniert – und das ohne jemals ein Medientraining absolviert zu haben. Die quirlige Betreuerin, die anschließend wieder zur Stelle ist, findet auch, dass es gut geklappt habe, und plaudert über die Moderatorin aus: „Mit Männern kann sie einfach besser.” Charmant-schelmisch gibt Beutelspacher zurück: „Ich kann auch besser mit Frauen.”
Kurz darauf sitzen wir wieder im Auto Richtung Gießen. Ob es ihm nichts ausmache, derart von einem Termin zum nächsten zu hetzen? „Nein. Ich bin gut darin, schnell von einer Sache zur anderen umzuschalten.” Zudem empfinde er die Vorlesung als Erholung. Dann lässt er kurz das Erlebte Revue passieren: „Das ist schon komisch, wenn man jemanden nie getroffen hat und dann plötzlich auf einen Meter mit ihm zusammensitzt und interagieren muss. Da merkt man sofort, ob’s funktioniert.”
An der Universität angekommen, ist von seiner Fernsehprominenz nichts mehr zu spüren. Eben noch im VIP-Raum des ZDF, stellt der Professor seinen Wagen wie jeder andere auf dem Schotterparkplatz hinter den mit Graffiti dekorierten Siebzigerjahre-Hörsälen ab. Auch die etwa 70 Lehramts- und Bachelorstudenten schenken ihm keine besondere Aufmerksamkeit, als er den Hörsaal betritt. Er krempelt die Ärmel hoch, wischt die Tafel, ein kurzes Handytelefonat. Dann wendet sich Beutelspacher den Studenten zu und schickt ein energisches „So” durchs Mikro. Er bedankt sich für das selbstständige Arbeiten in der ersten Stunde. Warum er später kommt, wird nicht thematisiert. Sein Doppelleben als Prominenter trägt er nicht in den Unterricht.
In der Vorlesung geht es heute um Skalarprodukte und Vektorräume. Die Studenten sollen U-senkrecht und U-doppelsenkrecht ausrechnen, die Bilinearform eines Vektorraums. „Die Standardbilinearform eines reellen Vektorraums ist ein Skalarprodukt”, steht an die Wand projiziert. Und schnell ist die Tafel mit Formeln voll, wie es sich viele in ihren düstersten Mathe-Albträumen vorstellen. Wie schlägt sich einer, der stets bekömmlichen Matheunterricht propagiert? Auch er muss den schwierigen Stoff in kurzer Zeit durchnehmen. Und er weiß, dass der Grat zwischen Er- und Entmutigung in den ersten Semestern schmal ist. Deshalb lässt er es sich nicht nehmen, Fragen der Studenten freundlich zu beantworten.
Da dem Professor in der letzten Vorlesung aufgefallen war, dass bestimmte Grundbegriffe nicht sitzen, hat er für diese Woche einen Multiple-Choice-Test mitgebracht. Für mich eine gute Gelegenheit, vorzeitig zu entwischen – was der Mathe-Meister versteht: „Was wir hier machen, ist zwar kein Hexenwerk, aber eben doch etwas für Eingeweihte.” Wie vereinbart, wartet sein Sohn Christoph mit dem Auto vor dem Unigebäude. Der junge Mann ist freilich nicht mehr der kesse Bub aus der bdw-Kolumne. Er ist in den Museumsbetrieb des Vaters eingestiegen und kümmert sich um die Gestaltung der hauseigenen Produkte, das Jahresprogramm, große Anschaffungen und die Besucherstatistik. Nein, an viele Episoden könne er sich nicht mehr erinnern. Doch er würde immer wieder danach gefragt. Der Weg zum Bahnhof ist kürzer als gedacht, und so habe ich keine Gelegenheit für indiskrete Fragen.
von Cornelia Varwig (Text) und Tim Wegner (Fotos)
DAS MATHEMATIKUM UND SEIN DIREKTOR IN ZAHLEN
DAS MATHEMATIKUM
Gründung: 2002
Mitarbeiter: 90 Teilzeitstellen (entsprechend 25 Vollzeitstellen)
Exponate: über 150
Quadratmeter: 1200
Besucher: 150 000 jährlich
Umsatz: über 1 Million Euro jährlich
außerdem: 21 734 Kilogramm Stahl wurden zur Stabilisierung des Hauses verbaut, außerdem 2089 Eimer Asphalt, 21 Kilometer Kabel und 350 Steckdosen
ALBRECHT BEUTELSPACHER
geboren: 5.6.1950 in Tübingen
Geschwister: 6 Brüder
Kinder: 2
Lieblingszahl: 8
Körpergröße: 1,80 m
Studiensemester: 8
Jahre als Professor: 22
Wochenarbeitsstunden: ungezählt
Doktoranden: 39
wissenschaftliche Veröffentlichungen: über 150
populäre Veröffentlichungen: 26 Bücher und über 100 bdw-Kolumnen
Preise: 7
INTERNET
www.mathematikum.de
LESEN
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MULTIMEDIA
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