Der Mond wendet der Erde immer dieselbe Seite zu. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, vielen anderen Planeten geht es mit ihren Trabanten ebenso. Die Mondrückseite war eines der vielen Terrae incognitae im Sonnensystem, bevor 1959 die sowjetische Sonde Lunik 3 sie erstmals ablichtete. Die Lunik-Fotos boten den Forschern dann eine handfeste Überraschung: Die Rückseite sah völlig anders aus als die Vorderseite. Auf der erdzugewandten Seite gibt es große dunkle Gebiete, von frühen Mondforschern „ Mare” genannt. Zusammen mit den hellen Hochländern bilden sie das vertraute Mondgesicht. Anders auf der gesichtslosen Rückseite: Dort fehlen die „Meere” fast völlig. Im Lauf der Jahrzehnte hatten insgesamt 73 bemannte und unbemannte Missionen den Erdbegleiter zum Ziel. Daher wissen die Planetologen, dass sich die beiden Seiten noch in anderen Eigenschaften unterscheiden. In weiten Teilen erscheint die Rückseite älter, denn sie ist stärker von Kratern zernarbt. Auch die chemische Zusammensetzung ist unterschiedlich: Radioaktive Elemente wie Thorium wurden vor allem auf der Vorderseite gefunden, und auch die vulkanische Aktivität ist dort stärker.
glühendes Meer aus Magma
Der Grund für diese Zweiteilung ist weitgehend unbekannt. Eine wichtige Rolle dürfte ein riesiger „Ozean” gespielt haben, der niemals Wasser führte: Als sich der Mond nämlich aus den Trümmern des Rieseneinschlags eines marsgroßen Himmelskörpers bildete, war er so heiß, dass seine äußerste Gesteinsschicht flüssig war. Der globale Ozean aus Magma reichte Schätzungen zufolge über 500 Kilometer tief. Da die Vorderseite durch die Zerfallswärme der radioaktiven Elemente langsamer abkühlte, erstarrte das steinerne Meer zuerst auf der Rückseite. Anfangs trieben dort kleinere „ Steinberge” umher – ähnlich wie Eisberge in irdischen Polarmeeren. Im Lauf der Zeit wuchsen diese Berge zu einem großen Kontinent zusammen, dem Herzstück der heutigen Rückseite.
Als die Kruste überall erstarrt war, schwirrten immer noch große Brocken aus der Entstehungszeit des Sonnensystems im All herum. Einige davon trafen die Mondoberfläche und erzeugten dabei die großen Einschlagsbecken, die man heute sieht. Der Riesenmeteorit, der das Aitken-Becken schuf, war ein besonders schwerer Schlag: Er stanzte ein etwa 2500 Kilometer weites und fast 13 Kilometer tiefes Loch in die Südpolregion.
IST DIE MONDKRUSTE HINTEN DICKER?
Auf der Vorderseite drang später Magma durch Risse im Untergrund nach oben und sammelte sich in den Becken. Noch heute prägt dunkles vulkanisches Basaltgestein das sichtbare Antlitz des Mondes. Warum dies nicht in gleichem Umfang auf der Rückseite passierte, ist selbst fünf Jahrzehnte nach dem ersten Luna-Foto noch ein Rätsel. „Vielleicht liegt es ganz simpel an der dickeren Kruste auf der Rückseite”, spekuliert der Planetologe Harald Hiesinger aus Münster. Klarheit schaffen könnten zwei für 2011 geplante Mondsatelliten der NASA. Sie sollen durch genaue Messungen des Schwerefelds unter anderem die Krustendicke erkunden. ■





