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Von der Nachwelt instrumentalisiert
Archäologie

Von der Nachwelt instrumentalisiert

Liselottes Sohn Philipp (mit blauer Schärpe) konnte sich als Regent für den Kindkönig Ludwig XV. auszeichnen (Gemälde, 18. Jahrhundert). Bridgeman Images / Photo Josse

Nach dem Tod Ludwigs XIV. erlebte das Haus Orléans eine Blüte, als Liselottes Sohn Regent für den minderjährigen Thronfolger wurde. Nach längerer Zeit der Gebrechen starb sie 1722. Seit dem 19. Jahrhundert waren es besonders nationalistische deutsche Kreise, die die Pfälzerin zu einer Zeugin für die Dekadenz des…
Autor
Redaktion
17. April 2026
Lesezeit
6 Minuten
Rubrik
Archäologie
Nach dem Tod Ludwigs XIV. erlebte das Haus Orléans eine Blüte, als Liselottes Sohn Regent für den minderjährigen Thronfolger wurde. Nach längerer Zeit der Gebrechen starb sie 1722. Seit dem 19. Jahrhundert waren es besonders nationalistische deutsche Kreise, die die Pfälzerin zu einer Zeugin für die Dekadenz des französischen Hofs machen wollten.

Elisabeth Charlotte von Orléans wollte als Witwe so lange am Hof weiterleben, wie es Ludwig XIV. beliebte. In ihren Appartements in Versailles und Marly richtete sie Kabinette ein, um in einem geregelten Wochenrhythmus ihren Korrespondenzpartnerinnen und -partnern in Europa mitunter sehr lange Briefe zu schreiben. Sie nahm weiter am höfischen Leben und auch den Jagden teil, sorgte sich um ihre Hündchen, vergrößerte ihre Bibliothek und ging ihren Interessen wie der Romanlektüre sowie der Sammlung antiker Münzen, Kupferstiche und Reiseberichte, aber auch der Mikroskopie nach.

In den ersten fünf Jahrzehnten ihres Lebens hatte Liselotte ein breites Spektrum menschlichen Glücks und Leids erlebt: von ihrer letztlich unglücklichen Ehe und den misogynen Buben ihres homosexuellen Ehemanns über den Verlust ihres ersten Sohns bis hin zur für sie schwer erträglichen Hochzeit ihres zweiten Sohns Philippe mit einer illegitimen Tochter Ludwigs XIV. aus doppeltem Ehebruch. Ihre Zuneigung und ihr Interesse vergab sie zum Teil nach Verwandtschaftsgrad, stärker noch nach Sympathie. Einen herausragenden Platz nahm dabei ihre geliebte Tante Sophie von Hannover ein: „Nichts in dießer weldt ist mir lieber, alß ma tante; meine kinder undt kindtskinder kommen da nicht bey.“ Daher ließ sie sich aus unterschiedlichsten Quellen, auch von Diplomaten, über den Gesundheitszustand ihrer Tante unterrichten.

Der Tod ihrer Tante Sophie von Hannover ist ein schwerer Schicksalsschlag

Auf Jahre der höfischen Hochzeiten und glücklichen Geburten folgten seit 1711 Zeiten des Leidens und Sterbens, verursacht durch Pocken ebenso wie medizinische Fehlbehandlungen. Von der königlichen Nachkommenschaft überlebte nur ein junger Urenkel des Sonnenkönigs, der spätere Ludwig XV. (reg. 1715–1774).

Ein ihr bestens bekannter Diplomat und Spion des Spanischen Erbfolgekriegs namens Daniel de Martine überbrachte Liselotte im Sommer 1714 plötzlich einen Brief des Kurfürsten von Hannover, in dem die traurige Nachricht vom Ableben ihrer Tante übermittelt wurde. Monatelang konnte Madame nur mit großer Mühe bei Hofe ihre tiefe Trauer verbergen und versank immer wieder in trüben Gedanken: „Ma tante war mein eintziger trost …, sie hatt mir dadurch bißher daß leben erhalten. Zudem vor waß solle ich mich conserviren?“

Mit dem Tod Ludwigs XIV. 1715 hörte nicht nur das höfische Leben in Versailles, Marly und Fontainebleau auf, sondern endete spürbar eine Epoche. Zugleich schlug jedoch die Stunde des Hauses Orléans, als sich Liselottes Sohn Philippe als Regent Frankreichs die entscheidende Stellung und damit eine stärkere Position verschaffen konnte als im Testament Ludwigs XIV. vorgesehen, sehr zum Leidwesen seiner Rivalen.

Seine Mutter wohnte in nächster Nähe in seinen Schlössern Palais Royal in Paris und Saint-Cloud. Der Regent ehrte sie und besuchte sie regelmäßig. Nicht ohne Bedrohungen durch Intrigen und Verschwörungen regierte er von 1715 bis zu seinem Tode 1723, ohne jedoch dabei seiner alternden Mutter Staatsgeheimnisse anzuvertrauen. Hätte Liselotte Einfluss auf politisch relevante Entscheidungen ihres Sohnes oder auf Karrieren gehabt, dann wäre dem wichtigsten Minister jener Zeit, Guillaume Dubois, den sie für die Mesalliance ihres Sohnes verantwortlich machte und verteufelte, gewiss kein kometenhafter Aufstieg beschert gewesen.

Nach dem Tod ihrer skandalumwitterten Enkelin Marie Louise Élisabeth, Witwe eines legitimen Enkels Ludwigs XIV., war Liselotte von 1719 bis zu ihrem Tod 1722 wieder erste Dame der königlichen Familie, so wie zwischen 1690 und 1696. Sie empfing Diplomaten und deutsche Adlige, empfahl manche weiter und interessierte sich, wenn auch ohne tieferes Verständnis, noch im fortgeschrittenen Alter für dynastische wie politische Entwicklungen, ob in England, im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) oder in der Finanzpolitik John Laws in Frankreich.

Beständig wiederholte sie ihre Behauptung, sich in nichts einzumischen. Nichtsdestoweniger beförderte sie manches Anliegen von Staatsmännern oder Fürsten durch Rücksprache mit ihrem Sohn. Aus den Quellen Daniel de Martines wird ersichtlich, dass sie sich auf diese Gespräche sogar mit Notizen (petits mémoires) vorbereitete.

Den fortschreitenden Verfall ihres Körpers nahm Liselotte als unausweichliches Schicksal irdischen Daseins hin. Sie kommentierte ärztliche Maßnahmen und Medizin mit Lob und Tadel. Im Jahr 1720 schrieb sie an ihre Halbschwester Louise über ihren Arzt: „drumb purgirt mich monsieur Teray jetz[t] offt mit dem grünen safft von brunenkreß, körbel und chicorée. Ich habe vergeßen, wie man dieß letzte auff Teütsch heist; wo mir recht, heist es wegerich. Ich wils alleweil in dem teütschen botanicum nachsuchen undt es wider lernen; da habe ichs, es heist wegwart, wegweiß“.

Stürze, Blutstürze und Schläfrigkeit blieben ihr ebenso wenig erspart wie Aderlässe, von denen ihr manche vorsorglich verschrieben wurden und sie einer nahezu verbluten ließ. Elisabeth Charlotte von Orléans starb nach ihrer letzten anstrengenden Reise zur Salbung Ludwigs XV. in Reims, zu der sie noch vier Prinzen aus dem Alten Reich Zugang verschafft hatte, am 8. Dezember 1722 im Alter von 70 Jahren in ihrem geliebten Saint-Cloud, von vielen betrauert und bitterlich beweint von ihrem Sohn.

Zu Liselottes Eigenschaften zählten eine natürliche Ausdrucksweise, Interesse an Gelehrsamkeit, Bestehen auf Sittlichkeit und dynastisches Bewusstsein. Die von ihr empfangenen Briefe wurden verbrannt, doch das gewaltige Korpus ihrer überlieferten abgeschickten Briefe hat seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert großes Interesse geweckt.

Trotz „Liselottekultus“ gibt es nur unvollständige Briefeditionen

Schon 1912 stellte der Historiker Michael Strich einen regelrechten „Liselottekultus“ fest. Umso bemerkenswerter ist, dass ein Großteil der Briefe bis heute nur in unvollständigen, nicht mehr wissenschaftliche Standards erfüllenden Editionen aus dem 19. Jahrhundert veröffentlicht ist. Ihre Lektüre ermöglicht eine Annäherung an den Hof Ludwigs XIV. durch eine bewusste „Plauderei“ und eine von feiner Selbst- und Fremdkenntnis geprägte Konversationskunst.

Höfisches, dynastisches, aber auch politisches Leben erscheint in den buntesten Farben und meinungsstarkem Ausdruck, oft in Form von Superlativen. So seien etwa ihre Diener die dümmsten der Welt, die Engländer die widerlichste Nation, habe die Tochter Tante Sophies die schönste Haut, die man erblicken könne, und biete der Park von Saint-Cloud die schönste Aussicht der Welt.

Derartige Stilmittel und Bemerkungen verleiteten seit dem 19. Jahrhundert dazu, Zitate aus dem vertraulichen Entstehungskontext herauszugreifen, Wahrnehmungen zu überhöhen und Hassgefühle zu isolieren, um eine „deutsche“ oder „pfälzische“ Liselotte zu kreieren, diese als tugendhaften Fremdkörper abzugrenzen und als Gewährsfrau für die Bigotterie und Verkommenheit französischen Hoflebens heranzuziehen.

Die Propaganda des Ersten Weltkrieges zog Nutzen daraus, als zum Beispiel Jakob Wille, Leiter der Universitätsbibliothek Heidelberg, Liselotte in einem Soldatenbüchlein von 1917 für Stimmungsmache gegen Kriegsgegner zu vereinnahmen und nationalistisch abzugrenzen versuchte. Sie sei ihrem Vaterland „auch in einer fremden Welt innerlich treu geblieben“. Dazu listete er Zitate mit Liselottes negativsten Einschätzungen der englischen Nation auf, etwa einen Satz von 1715: „Ein rechter aufrichtiger Teutscher ist besser als alle Engländer miteinander.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb in Deutschland und Frankreich ein allgemeines wie wissenschaftliches Grundinteresse an Liselotte bestehen, das sich in weiteren Biographien und Ausstellungen manifestierte. Zuletzt wurden ihr 2020/21 eine Ausstellung in Saint-Cloud und 2022 eine Fachtagung in Heidelberg und Versailles gewidmet. Mit der Biographie Dirk Van der Cruysses, die bis heute als Referenz der Liselotte-Forschung gelten kann, und weiteren Forschungen wurde Liselotte aus den Zerrbildern der Vergangenheit geholt und im Kontext ihrer Zeit betrachtet: nicht als isolierte, sondern vielmehr als dynastisch und brieflich in Europa und der Fürstengesellschaft („société des princes“, Lucien Bély) vernetzte Hochadlige und Angehörige des Hofs Ludwigs XIV. und der Régence.

Autor: Florian Pfeiffer

ist Akademischer Mitarbeiter an der Professur für Neuere Geschichte (Frühe Neuzeit) der Universität Heidelberg.

Literatur

Emmanuelle Le Bail/Aurélie Chatenet-Calyste (Hrsg.), La princesse Palatine. 1652–1722. La plume et le soleil. Saint-Cloud 2020.
Sigrun Paas/Hélène Alexander Adda (Hrsg.), Liselotte von der Pfalz. Madame am Hofe des Sonnenkönigs. Heidelberg 1996.
Dirk Van der Cruysse, „Madame sein ist ein ellendes Handwerck.“ Liselotte von der Pfalz. Eine deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs. München/Zürich 2017.

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