Eine Mischung aus Befremden und Faszination – so lassen sich wohl die Reaktionen der griechischen und römischen Autoren zusammenfassen, die über die Völkerschaften an der östlichen Adriaküste – Liburner, Illyrer und Epiroten – vom 4. Jahrhundert v. Chr. an bis in die römische Zeit berichten. Denn deren Frauen waren für die Autoren ungewöhnlich präsent und tatkräftig. Sie bewegten sich ungezwungen in ihrer Gesellschaft und sollen diese geradezu beherrscht haben.
Männer auf See, Frauen am Ruder?
Die Männer wiederum begegnen in den Quellen überwiegend als Seefahrer und Seeräuber, Hirten oder Söldner – Tätigkeiten, mit denen sie für ihren Lebensunterhalt sorgten, für die sie aber in die Ferne ziehen mussten und daher für längere Zeit von ihren Familien getrennt waren. Hängt die prominente Position der Frauen mit diesem Umstand zusammen? Inwiefern bedingten sich Wirtschaftsweisen und soziale Strukturen der ostadriatischen Völkerschaften?
Die vorliegende Studie untersucht ebendiese Wechselwirkungen. Denn nicht nur die antiken Autoren erwähnen die Frauen in ihren Werken, auch die Inschriften, die von der Ostadriaküste erhalten sind und aus konkreten lebensweltlichen Situationen stammen, weisen eine hohe Präsenz von Frauen auf. Sie zeigen sie in wichtigen Positionen in ihren Familien und Haushalten sowie als handlungsmächtige Akteurinnen bei verschiedenen Tätigkeiten in ökonomischen und rechtlichen Kontexten.
Da sind beispielsweise Stratonika und Hadista, die als Haushaltsvorstand auftreten, obwohl sie einen Ehemann bzw. einen Sohn haben. Oder Philista und Phaino, die das Bürgerrecht eines epirotischen Stammes verliehen bekommen. Eirana, die beim Orakelheiligtum in Dodona die Gottheit zu den Erträgen aus ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit befragt. Aber auch Octavia Secunda, die einen Grabstein für sich und ihre Angehörigen herstellen lässt und dabei sich selbst, ihre Tochter und ihre Enkelin vor den Männern ihrer Familie nennt, obwohl diese Männer hohe politische Ämter in ihrem Heimatort ausübten.
Eine systematische – das heißt eine regelmäßig und jeweils über längere Zeiträume stattfindende – Abwesenheit der Männer zog mehrere Aspekte nach sich, die deren Familien kompensieren mussten: Ohne die (körperlich fitten) Männer waren es die erwachsenen Frauen, welche die hauptsächlichen Arbeitskräfte eines Haushalts stellten und diesen in der Zwischenzeit am Leben erhalten mussten.
Seefahrer, Söldner sowie Viehzüchter, die angesichts der von hohen und schroffen Gebirgszügen dominierten Landschaft der Ostadriaküste je nach Jahreszeit zwischen Weiden auf den verschiedenen Höhenlagen der Berge hin- und herwechselten, konnten nicht jeden Abend ihre erwirtschafteten Gewinne oder Beutestücke bei ihrer Familie abliefern – die an der Wohnstatt bleibenden Familienmitglieder mussten also durch eigene ökonomische Tätigkeit ihre Versorgung sicherstellen.
Wenn die Frauen einer solchen nachgingen, mussten sie zugleich die Betreuung ihrer Kinder gewährleisten. Dafür benötigten sie unterstützende Strukturen – etwa indem sie mit weiteren Verwandten zusammenlebten, sodass ältere Familienmitglieder diese und andere körperlich weniger anspruchsvolle Aufgaben übernehmen konnten. Weiterhin müssen die Frauen eine gewisse Geschäftsfähigkeit besessen haben, um die Handlungsfähigkeit der Familie nach außen hin zu bewahren, auch dann, wenn den Männern unterwegs etwas zustoßen sollte.
In der Tat weisen die literarischen und inschriftlichen Quellen einschlägige Anhaltspunkte auf, welche die Frauen in genau diesen drei Bereichen der Arbeitskraft, der Haushaltsstruktur und der Geschäftsfähigkeit zeigen.
Was die Quellen über die Rolle von Frauen verraten
Der römische Geschichtsschreiber M. Terentius Varro, der während eines Feldzugs wahrscheinlich persönlich vor Ort war, staunt über die schwer arbeitenden illyrischen und liburnischen Frauen, die – mit zu stillenden Kindern im Schlepptau – Holz sammelten oder Werkzeuge instand hielten. Sklavinnen und Sklaven arbeiteten häufig an ihrer Seite und befanden sich oftmals im Besitz der Frauen oder der gesamten Familie.
Und erhaltene Texte auf Bleitäfelchen, auf denen Besucherinnen und Besucher das Orakel in Dodona über Alltagssorgen und zu treffende Entscheidungen befragten, zeigen Frauen, die wirtschaftliche Überlegungen anstellen, legen aber auch nahe, dass sich etliche Familien nicht nur auf ein Standbein verließen, um Einkommen zu erzielen, sondern für mehrere und parallel auszuübende Tätigkeiten offen waren.
Was die Haushaltsstrukturen angeht, führen zahlreiche Grabinschriften und solche, welche die Freilassung von Sklavinnen und Sklaven durch ihre Besitzerfamilien dokumentieren, Familien vor Augen, die nicht nur aus der Kernfamilie – Mutter, Vater, Kinder – bestanden, sondern auch Verwandte des erweiterten Familienkreises umfassten. Mitunter sind regelrechte „Patchworkfamilien“ zu erkennen.
Interessant ist, dass die Familien wiederholt ein matrilokales Residenzmuster aufweisen, das heißt, dass Männer nach ihrer Eheschließung zur Familie ihrer Ehefrau zogen. Entlang der gesamten Ostadriaküste kommt dieses Muster auch dann vor, wenn eine Familie nicht nur Töchter, sondern auch Söhne besaß, die den Haushalt hätten weiterführen können. Das spricht dafür, dass Matrilokalität kein Notfallmechanismus bei fehlendem männlichen Nachwuchs war, sondern in Wechselwirkung mit wirtschaftlichen Tätigkeiten der Familienmitglieder gewählt werden konnte. Waren die Männer abwesend, konnte es für die Frauen sinnvoller gewesen sein, bei ihrer Herkunftsfamilie wohnen zu bleiben und gemeinsam mit dieser für Lebensunterhalt und Kinderbetreuung zu sorgen.
In Bezug auf die Geschäftsfähigkeit der Frauen ist anhand der Quellen ersichtlich, dass sie ohne Vormund besitz- und vermögensfähig waren, Besitz veräußerten, erbten und vererbten sowie Kauf- und Mietverträge abschlossen. Viele von ihnen besaßen eigene Sklavinnen und Sklaven und waren maßgeblich für die Gestaltung von Familiengrabsteinen und damit für die Repräsentation der Familie in der Nachwelt verantwortlich.
Auch dass die illyrischen Frauen nach Auskunft der antiken Autoren an außerfamiliären Gastmählern teilnahmen und erst spät – mit 20 Jahren – heirateten, spricht für eine Sozialisierung, die Frauen auf eine mündige Rolle in der Gemeinschaft vorbereitete, die sie ausfüllen mussten, wenn ihre Männer häufig abwesend waren.
Die Quellen zeigen: Es gab nicht die eine Familien- oder Sozialstruktur oder die organisatorische Lösung für die Herausforderungen, die bestimmte Wirtschaftsweisen mit sich brachten. Vielmehr wählten verschiedene Familien unterschiedliche Strategien, um ihnen zu begegnen – sie reagierten mithin flexibel auf ihre jeweiligen Lebensumstände, anstatt an starren Traditionen festzuhalten.
Deutlich wird zudem, dass ökonomische Tätigkeiten für Familien und Haushalte praktisch durchführbar sein mussten und soziale Strukturen dem Rechnung tragen konnten. Mobile Wirtschaftsweisen wie Seefahrt, Viehzucht oder ein „hauptberufliches“ Kriegerdasein, denen vor allem Männer nachgingen, waren häufig erst auf der Grundlage der Arbeit ihrer Frauen und weiterer Angehöriger durchführbar, deren ökonomische Bedeutung nicht länger unterschätzt oder kleingeredet werden sollte.
Autorin: Dr. Rebecca Kreßner
Literatur
Rebecca Kreßner, Männliche Mobilität, weibliche Handlungsmacht. Soziale Organisation und ökonomische Praxis an der Ostadriaküste in hellenistischer und römischer Zeit. Berlin/Boston 2026.





