Es scheint, als wisse man so viel über Franziskus. 1800 Seiten dick ist die beeindruckende Sammlung der „Franziskus-Quellen“, die die Franziskaner in deutscher Sprache veröffentlicht haben. Aber so dick dieses Buch auch ist, dem alle folgenden Zitate entnommen sind, so dünn bleibt doch unser Wissen.
Von Franziskus selbst ist wenig erhalten, nur schmale Spuren in seinen Werken haben autobiographischen Charakter, am stärksten seine Erinnerung: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen.“ Das sagt viel über Franz’ religiöse Motivation, aber wenig über seine Geburt, seine Eltern oder seine Jugend.
Die Viten sind mit zahlreichen Legenden ausgeschmückt
Um etwas darüber zu erfahren, ist man auf die zahlreichen Viten angewiesen, die über ihn geschrieben wurden. Sie setzten schon kurz nach seinem Tod ein und entfalteten sich über Jahrhunderte hinweg, bis hin zu den volkstümlichen „Fioretti“, den „Blümlein“ des heiligen Franziskus. Diese enthalten wunderschöne Geschichten wie die vom Wolf von Gubbio, mit dem Franziskus einen Vertrag abgeschlossen haben soll, damit das wilde Tier die Einwohner der Stadt nicht mehr bedrohte. Der Wolf schlug mit seiner Tatze in die Hand des Heiligen ein – so die Legende, die nicht mehr ist als ebendas: eine Legende.
Sie hob in schöner Ausschmückung die Friedenssehnsucht des Franziskus hervor, andere Erzählungen standen direkt im Dienste der Ordenspolitik. So machte sich der Ordensgeneral Bonaventura (gest. 1274) selbst daran, eine „Vita“ zu schreiben, die Streitigkeiten zwischen Strengen und Laxen im Orden durch ein normatives Bild des Ordensgründers schlichten sollte.
Diese „Vita“ bestimmte die Vorstellung von Franziskus, bis der Franziskus-Biograph Paul Sabatier (1854–1941) die „franziskanische Frage“ aufwarf: das Problem, dass die vielen hagiographischen, also auf Erweis der Heiligkeit ausgerichteten, Quellen zu Franziskus uns nur eine scheinbare Sicherheit vorgaukeln und uns tatsächlich auf einen höchst unsicheren Grund führen.
Das gilt auch für Texte, die noch ganz nah am Leben des Franziskus entstanden sind und damit zunächst einmal den Vorteil mit sich bringen, dass unmittelbare Erinnerung in ihnen verarbeitet ist. Schon die erste „Vita“ des Franziskus, die der Franziskaner Thomas von Celano (um 1190–um 1260) schrieb, stand im Dienst der Verehrung des rasch heiliggesprochenen Ordensgründers. Wer zu einem solchen Zweck schreibt, ist kein neutraler Berichterstatter, verfolgt andere Zwecke als moderne Historikerinnen oder Historiker. Er will, wie heutzutage ein freundlicher Beerdigungsredner, das Gute herauskehren und mögliche Schattenseiten nicht zu Worte kommen lassen oder einordnen.
Wie sehr das Celanos Anliegen war, sieht man daran, dass er auf seine erste Vita gut zwei Jahrzehnte später eine zweite folgen ließ. Das war nicht einfach eine zweite Auflage, sondern Celano korrigierte sich an manchen Stellen auch, besonders auffällig ausgerechnet bei der Kindheit des Franziskus. Hatte er in seinem ersten Anlauf die Sünden des jugendlichen Lebemannes, der angeblich in Assisi sogar eine Bande angeführt hatte, gar nicht genug ausmalen können, so verkündete er nun, dass Franz schon von Beginn an durch „magnanimitas“, Seelengröße, ausgezeichnet gewesen sei, und das in einem solchen Maße, dass die Menschen gar nicht glauben konnten, dass er der Sohn seiner Eltern war.
Die erste Erzählung betonte die Bekehrung im Leben des Franziskus, die zweite seine immer schon vorhandene Besonderheit. Und man kann nicht sagen, die Antwort liege halt in der Mitte – eher muss man registrieren: Über die Jugend dieses Heiligen wissen wir herzlich wenig.
Bereits beim Namen ergeben sich Fragen
Der Vater, Pietro di Bernardone, so viel ist immerhin sicher, war ein reicher Kaufmann in Assisi. Die Mutter hieß wohl Pica, auch wenn der Name selten erwähnt wird. Sie war es nach einigen Berichten auch, die ihrem Sohn zunächst den Namen Giovanni (Johannes) gab. Der Vater war da wohl gerade auf Geschäftsreise – und soll den Sohn dann nach seiner Rückkehr umbenannt haben. Francesco hieß er nun.
Das ist eine interessante, vielfach nacherzählte Geschichte, an der aber vielleicht gar nichts dran ist. Allzu sehr erinnert diese Erzählung an die Geschichte von einem anderen Johannes, Johannes dem Täufer, in welcher der mit Stummheit geschlagene Vater entgegen dem Bestreben, seinen Sohn nach ihm Zacharias zu nennen, den Namen Johannes wählte. Die Geschichte von den zwei Namen könnte also die in Erzählung verpackte theologische Deutung transportieren, dass da in Assisi der Prophet geboren wurde, der wie einst der Täufer das Kommen Christi ankündigte.
Nicht nur an dieser Stelle kommt der Versuch historischer Rekonstruktion bald an seine Grenzen. Schaut man auf die für Franz’ Jugend geschilderten Ereignisse, so gewinnt man hier und da sicheren Grund, an anderen Stellen kann man ziemlich gewiss von Erfindungen der Biographen ausgehen.
Recht zuverlässig scheint der Bericht, dass Franz 1202 im Krieg seiner Heimatstadt gegen Perugia in Gefangenschaft geriet. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass er zeitlebens eine angeschlagene Gesundheit hatte, unmittelbar wohl auch dazu, dass er sich danach sehnte, dem bürgerlichen Elternhaus zu entfliehen.
Vielleicht hatte ihn gerade der offenkundige militärische Misserfolg, der in die Gefangenschaft gemündet war, dazu animiert, wenig später einen neuen Versuch zu unternehmen, sich im Krieg zu bewähren. Dabei schwang aber anscheinend auch die Hoffnung auf sozialen Aufstieg in die Ritterschaft mit. Beides schlug fehl, zurück blieb ein innerlich zutiefst zerrissener Franziskus.
„Geh hin und stell mein Haus wieder her“
Franziskus war nicht der Heilige, dem schlagartig alles klar wurde, wie es die nach und nach in die Viten einsickernde Erzählung vom Kreuz von San Damiano suggeriert. Hiernach habe ein Kruzifix in der kleinen Kirche am Abhang Assisis ihn angesprochen und aufgefordert: „Franziskus, geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!“
Zu der Erzählung gehört, dass Franziskus diese Aufforderung missverstanden habe. Er dachte, er solle das Kirchengebäude, in dem ihm dies widerfuhr, reparieren – tatsächlich aber, so klärte sich im Laufe seines Lebens, wollte Christus von ihm, dass er die ganze Institution Kirche wieder in Ordnung bringe. Das passt theologisch zu gut und spielt zu sehr mit anderen Szenen in den Viten zusammen, als dass man es für historisch glaubwürdig halten kann.
Tatsächlich musste Franziskus um seinen Weg ringen. Am Anfang stand nicht Klarheit über die Richtung, die er einschlagen wollte, sondern die Erfahrung von Diskrepanz im Blick auf sein Elternhaus. Die frühen Viten und auch die späten historischen Erzählungen waren nicht immer fair mit Pietro, dem Vater. Er erscheint als hartherzig und verständnislos. Dabei war er nach allem, was wir sagen können, nach Maßstäben seiner Zeit ein guter Christ.
Dazu gehörte zum Beispiel die Unterstützung von Leprösen, den „Aussätzigen“, die außerhalb der Stadt leben mussten, um niemanden anzustecken. Man sandte ihnen durch Boten Geld, blieb selbst aber auf Distanz. Nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie wissen wir sehr genau: Ein solches Verhalten war nicht unvernünftig, und es war auch nicht feindselig. Der Spender schützte sich und half doch den Kranken.
Dem Sohn, Franziskus, aber war es zu distanziert, ein aseptisches Verhalten, dem es an echter Zuwendung zu Gottes Ebenbild in dem Kranken fehlte. So stieg er bei dem Leprosen vom Pferd und gab ihm nicht nur selbst das Geld, sondern auch einen Friedenskuss: einen Hauch auf die Lippen des anderen, die man gerade so nicht berührte.
Das war brandgefährlich – für Franziskus war es ein Zeichen der brennenden Liebe für den Nächsten, eine Symbolhandlung, in der sich zeigen sollte: Wer Christus wahrhaft folgen will, ist bei den Außenseitern der Gesellschaft. Mit ihnen also fing es an, ganz so wie er sich später erinnerte: Er fühlte sich gesandt zu den Aussätzigen – erst später weitete sich seine Perspektive auf die Armen insgesamt.
Das war ein spätes Resultat dessen, dass er sich immer unwohler fühlte in seinem Dasein als Kaufmannssohn, bestimmt, einmal das Erbe des Vaters anzutreten, für den er auch auf Handelsreisen ging. So verkaufte er im Auftrag Pietros kostbaren Scharlachstoff in Foligno, nicht weit von Assisi, und gleich noch dazu, weil sich wohl eine günstige Gelegenheit ergab, sein Pferd.
Schon das war spontan. Was er danach tat, war das erst recht, und hier kommt nun tatsächlich San Damiano ins Spiel. Dort nämlich führte ihn sein Heimweg vorbei. Er traf in der Kirche einen Priester an und drängte ihm das Geld auf, das er erhandelt hatte. Der Priester aber ahnte wohl, dass ihn das in Konflikt mit dem reichen Vater dieses Jünglings bringen konnte. Er weigerte sich, das Geld anzunehmen – und Franz schleuderte es in eine Fensternische.
Bald aber dämmerte ihm, dass das nach irdischen Maßstäben nicht gut ausgehen und sein Vater ihn bestrafen würde. Er versteckte sich in einer Höhle. Vier Wochen lang verließ er sie kaum – man kann erahnen, wie zerrüttet er danach aussah, vom Geruch ganz zu schweigen. In diesem Zustand krabbelte er dann wieder aus der Höhle heraus und kehrte in seine Vaterstadt zurück.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie das auf die Einwohner wirken musste. Da war ein reicher Kaufmannssohn hoch zu Ross ausgezogen. Zurück kam ein zerzauster, stinkender Außenseiter. Nun hatte er tatsächlich die bürgerliche Gesellschaft verlassen, aber nicht nach oben, sondern nach unten. Zu dem Ärger über das verschwendete Geld kam für den Vater die Schande hinzu. Diesen Sohn musste er zur Räson bringen, und er tat das, wie es viele in seiner Zeit für richtig befunden hätten. Er sperrte ihn ein, prügelte ihn, misshandelte ihn. Die Mutter musste das lange mitansehen – schließlich nutzte sie die Abwesenheit Pietros, um ihren Sohn freizulassen.
Der Vater zieht gegen den Sohn vor Gericht
Aber das beendete den Konflikt nicht. Der Vater zog gegen den eigenen Sohn vor Gericht, um wenigstens sein Geld wiederzuerlangen – und weil die weltlichen Behörden Angst bekamen, diesen Streit zu entscheiden, der wegen der Geschehnisse in San Damiano doch irgendwie auch etwas mit Kirche und Religion zu tun hatte, musste er den Bischof anrufen.
Das wurde der eigentliche Wendepunkt in Franz’ Leben. Bischof Guido II. löste das Problem auf eine geradezu salomonische Weise: Franz musste das Geld zurückgeben, aber der Bischof machte klar, dass das Geld auch deswegen nicht für gottgemäße Zwecke verwendet werden sollte, weil es womöglich auf unrechte Weise erworben worden sei. Rechtlich also stabilisierte er den Besitz, religiös-moralisch aber schlug er sich auf die Seite des jungen Rebellen.
Und Franz setzte diesen Spruch mit all seiner Begabung für symbolische Handlungen um. Er schleuderte dem Vater nicht allein das Geld vor die Füße, sondern auch noch alle seine Kleider, die er ja dem unrechtmäßigen frühkapitalistischen Wirtschaften im Hause Bernardone verdankte. Nackt stand er da – lange ehe er die Lebensaufgabe gefunden hatte, „nackt dem Nackten zu folgen“. Der Bischof war es, der ihn mit seinem Mantel umhüllte.
Das war ein Wechsel der sozialen Haltepunkte: „Bis jetzt habe ich Pietro di Bernardone meinen Vater genannt; aber weil ich mir vorgenommen habe, Gott zu dienen, gebe ich ihm das Geld zurück, um dessentwillen er so aufgeregt ist, und alle Kleider, die ich von ihm habe. Von nun an will ich sagen: ‚Vater unser, der du bist im Himmel‘, nicht mehr Vater Pietro di Bernardone.“
Dieser Vater im Himmel hatte einen oder mehrere Repräsentanten auf Erden: den Bischof in Assisi, die anderen Bischöfe und letztlich den Papst. Für uns Heutige ist es schwer verständlich, dass Franz sich in seinem Furor gegen den Reichtum unbeirrt auf die machtvolle, reiche Kirche unter Papst Innozenz III. einließ. Hier, im Konflikt mit dem irdischen Vater, hatte er ihren Schutz erlebt, und dabei blieb er auch, als sich sein Ruf für ihn immer mehr klärte.
In Armut leben als angestrebtes Ideal
Das geschah etappenweise. Besonders wichtig wurde die Begegnung mit einem Priester an der Portiuncula. Das ist eine kleine Kapelle im Tal unterhalb von Assisi, an der Franziskus und seine Mitstreiter, nach einem Aufenthalt im nahen Rivotorto, dauerhaft Quartier nahmen. Hier hörte er wohl am 24. Februar des Jahres 1208 oder 1209 einen Bibeltext aus der Rede, mit der Jesus seine Jünger aussandte: „Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt“ (Matthäus 10,9f.).
Eigentlich beschrieb das die ärmliche Lebensweise, die er und seine Gefährten ohnehin schon gewählt hatten, aber nun wurde Franz zur Gewissheit, dass genau das dem Auftrag Jesu Christi entsprach, und der Priester an der Portiuncula setzte ihm auch noch näher auseinander, wie dieser Text zu verstehen war. Nach seinem späteren Testament fühlte Franz sich unmittelbar von Gott berufen – den Ruf aber hörte er durch den Bibeltext hindurch. Hier formte sich der Gedanke: Wer Jesus Christus so nachfolgen will, wie seine Apostel ihm nachgefolgt sind, muss in Armut leben. Deutlicher konnte die Diskrepanz, die er zu seinem reichen Elternhaus empfunden hatte, gar nicht Ausdruck finden. Ein neuer Lebensentwurf formte sich, und er formte sich mithilfe der Kirche und eines Priesters.
Das verstärkt noch einmal jene Zuwendung zu Papst und Kirche, die im Nachhinein so erstaunlich wirkt. Der „Poverello“, der kleine Arme aus Assisi, der einst reich gewesen war, machte sich nun auf, um Anerkennung ausgerechnet durch Innozenz III. zu gewinnen. Die Berichte sind sich nicht einig, ob er 1209 mit elf Gefährten nach Rom zog oder mit zwölf. Das ist mehr als ein rechnerisches Problem. Zwölf Apostel waren Jesus gefolgt. Und genau das spricht für die erste Zahlenangabe. Dann waren es nämlich, unter Einschluss von Franziskus selbst, eben genauso viele Brüder wie einst Apostel, die sich auf den Weg machten. Franz führte sie nicht als neuer Christus an, sondern er ging mit ihnen zu dem Papst, der so viel Wert darauf legte, dass er der Stellvertreter Christi auf Erden war.
Der folgende Artikel wird noch näher auf die Episode des Besuchs von Franziskus in Rom eingehen. Doch das Ergebnis können wir hier schon vorwegnehmen.
Laut späteren Legenden war Innozenz III. durch einen Traum vorbereitet worden, in dem er sah, wie die päpstliche Lateranbasilika fast in Ruinen lag und durch ein ärmliches Männlein gerettet wurde, das der Papst dann in Franziskus wiedererkannt habe. Es ist leicht ersichtlich, dass hier dieselbe theologische Deutung spricht wie in der Erzählung vom Kruzifix in San Damiano.
Das reale Geschehen war nüchterner. Innozenz merkte wohl recht gut, dass er diesen Mann aus Assisi brauchen konnte, um das apostolische Leben, das viele Menschen in den Häresien außerhalb suchten, in den Schoß der Kirche zurückzuholen. Wenn das irgendwie gelingen konnte, dann mit diesem Menschen, der so überzeugt war, den Ruf Christi gehört zu haben – und der ein so gehorsames Kind der Kirche war.
So gab Innozenz der Gemeinschaft seinen Segen: „Brüder, geht mit dem Herrn, und wie es euch der Herr einzugeben sich würdigte, predigt allen Buße“. Franz hatte nach allen Spannungen, allem Ärger, allem Suchen seinen Ort gefunden.






