Das Influenza-Virus sorgt nicht nur für die alljährlichen Grippewellen beim Menschen – auch unter Vögeln grassieren zahlreiche, oft tödliche Grippeviren. Vor allem in Asien entstehen durch die Massentierhaltung von Geflügel immer wieder neue Vogelgrippe-Varianten, die dann über Zugvögel bis nach Europa und darüber hinaus verbreitet werden. Während die von Natur aus unter Wildvögeln grassierenden Vogelgrippe-Varianten wenig aggressiv sind und eine Infektion daher meist harmlos verläuft, ist dies bei den Virenvarianten aus dem Nutzgeflügel oft anders: Sie sind meist hochpathogen und töten bis zu 100 Prozent der infizierten Vögel.
Eine tödliche Vogelgrippe breitet sich aus
Eine solche tödliche Variante des Grippevirenstamms H5N1 hat sich im Jahr 2021 in Asien entwickelt und seither fast weltweit ausgebreitet. Diese Virusmutante ist ein Abkömmling der schon vor einigen Jahren stark verbreiteten H5N1-Influenza, ist aber leicht verändert und noch ansteckender und aggressiver. Allein bis Anfang 2022 waren schon mehr als 15 Millionen Wildvögel an dieser Vogelgrippe-Variante verendet. Auch Säugetiere, darunter vor allem Meeressäuger wie Robben und Seelöwen haben sich in Massen infiziert und starben. “Die aktuelle Welle der Vogelgrippe H5N1 ist beispiellos in ihrer rasanten Ausbreitung und der extrem hohen Frequenz von Ausbrüchen in Geflügel und Wildvögeln“, warnte bereits Anfang 2022 die Weltgesundheitsorganisation WHO.
Seit Herbst 2022 breitet sich diese hochpathogene H5N1-Vogelgrippe auch Südamerika aus, sie wurde inzwischen selbst bei Vögeln an der Spitze von Feuerland nachgewiesen. “Seit Ankunft in Südamerika sind mehr als 500.000 Seevögel an H5N1 gestorben, darunter vor allem Pelikane, Tölpel, Kormorane und Pinguine”, berichteten Meagan Dewar vom Antarctic Wildlife Health Network und ihre Kollegen im Sommer 2023. Das weckte schon damals Befürchtungen, dass als nächstes auch die Antarktis betroffen sein könnte. Denn viele antarktische Vogelartenhalten sich im Polarwinter auf den Falklandinseln und im Südteil von Südamerika auf. “Arten wie die Dominikanermöwe oder die Braunen Skuas wechseln zwischen Südamerika und der antarktischen Halbinsel hin und her und gelten daher schon länger als wichtige Vektoren für die Einschleppung der hochpathogenen Vogelgrippe in die Antarktisregion”, erklären Dewar und ihr Team.
Erster Nachweis bei antarktischen Raubmöwen
Genau dies ist offenbar jetzt passiert: Im Oktober 2023 haben Biologen des British Antarctic Survey (BAS) die hochpathogene Variante von H5N1 erstmals bei Vögeln auf der antarktischen Insel Bird Island nachgewiesen. Mehrere Braune Skuas (Stercorarius antarcticus), eine subantarktische Raubmöwenart, wurden positiv auf H5N1 getestet. “Das sind die ersten bekannten Fälle in der Antarktis-Region”, so das British Antarctic Survey. Bird Island gehört Südgeorgien, einer Inselgruppe, die vor der Spitze der westantarktischen Halbinsel im Südatlantik liegt. Auf diesen Inseln leben viele Kolonien subantarktischer und antarktischer Seevögel sowie Meeressäuger. “Die Präsenz des hochpathogenen Influenza-Virus auf diesen Inseln könnte schwerwiegende Folgen für die hiesigen Seevogelkolonien haben”, warnt das BAS.





