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Kakaoanbau: Vielschichtig fair
Erde & Umwelt

Kakaoanbau: Vielschichtig fair

Agroforstsysteme helfen bei der Wiederherstellung entwaldeter Flächen und sind eine gute Alternative zu Monoplantagen. · Foto: Johanna Jacobi / El Ceibo

Achtung, diese Nachricht könnte Ihnen die Laune verderben: Schokolade hat das Zeug zum Klimaschädling. Ein Kilo der zart schmelzenden Köstlichkeit schlägt über seine gesamte Produktionskette mit einem Treibhausgas-Äquivalent von 2,9 bis 4,2 Kilo CO2 zu Buche. Zum Vergleich: Bei Schweinefleisch aus Süddeutschland…
Autor
Redaktion
26. März 2026
Lesezeit
9 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt
Nachhaltiger Kakao-Anbau bietet Möglichkeiten, die globale Erwärmung und die Biodiversitätskrise zu bekämpfen. In Kolumbien werden solche Ansätze in die Praxis umgesetzt.

Text: Kurt de Swaaf

Achtung, diese Nachricht könnte Ihnen die Laune verderben: Schokolade hat das Zeug zum Klimaschädling. Ein Kilo der zart schmelzenden Köstlichkeit schlägt über seine gesamte Produktionskette mit einem Treibhausgas-Äquivalent von 2,9 bis 4,2 Kilo CO2 zu Buche. Zum Vergleich: Bei Schweinefleisch aus Süddeutschland sind es durchschnittlich fünf Kilo Kohlendioxid. Somit ist Schokolade, umwelttechnisch gesehen, nicht unbedingt eine harmlose Nascherei. Die Ursache für diesen recht großen ökologischen Fußabdruck liegt vornehmlich bei der durch Kakao-Anbau vorangetriebenen Entwaldung. Ein hoher Verbrauch an künstlichen Düngemitteln steht an zweiter Stelle.

Abholzung für Anbauflächen

„Kakao gedeiht von Natur aus nun mal im Wald“, betont die britische Biologin Isabella Steeley. Genau dieser Lebensraum wird für die Anlage neuer Plantagen oft abgeholzt, wie die an der University of Sheffield tätige Forscherin erläutert. Treiber der Zerstörung ist unter anderem die ständig steigende Nachfrage. Der globale Kakaomarkt wächst kontinuierlich mit derzeit rund 4,8 Prozent jährlich, auch angetrieben durch den zunehmenden Wohlstand in China und anderen bevölkerungsreichen Staaten. Wirtschaftsprognosen zufolge dürfte der Gesamtwert aller weltweit produzierten Kakaobohnen bis 2033 über 23 Milliarden US-Dollar betragen. Geschätzte 40 bis 50 Millionen Menschen sind für ihr Einkommen von Theobroma cacao, dem Kakaobaum, abhängig. „Es ist eine sehr signifikante Industrie“, sagt Steeley.

Die ökologischen Folgen sind vielerorts nicht zu übersehen. In eigentlich geschützten Gebieten des wichtigsten Erzeugerlands, der Elfenbeinküste, war der Kakao-Anbau zwischen 2000 und 2020 für mehr als ein Drittel sämtlicher Waldverluste verantwortlich; im Nachbarland Ghana lag diese Quote bei über 13 Prozent. Der Schwund ist nicht nur dem reinen Flächenbedarf geschuldet, erklärt Isabella Steeley. Neupflanzungen haben nämlich auch einen kurzfristigen agrartechnischen Vorteil: Vor allem kleine Kakaobauern können dadurch Düngemittel einsparen, die ihnen oft zu teuer sind. Frisch gerodete Waldböden sind von sich aus noch nährstoffreich und erzielen deshalb gute Erträge. Nach ein paar Jahrzehnten jedoch ist die Krume ausgelaugt, also wird dem nächsten Stück Wald zu Leibe gerückt. Ein gefährlicher Teufelskreis.

Die Mischung macht’s

Es gibt aber andere Möglichkeiten. Naturschutzorganisationen wie der World Wide Fund for Nature (WWF) haben sich dem Problem angenommen und engagieren sich für einen nachhaltigen Kakao-Anbau. Ziel ist es, Erhalt der Artenvielfalt und Klimaschutz mit einem soliden Einkommen für Kleinbauern unter einen Hut zu bringen, berichtet die Referentin Kerstin Weber vom WWF Deutschland. Man habe diesbezüglich in Südamerika mehrere Projekte gestartet. „Auch in Ecuador ist Kakao ein Entwaldungstreiber“, sagt die Expertin. In Kolumbien indes scheint die Lage eine andere zu sein. Für die dortigen, ebenfalls gravierenden Waldverluste waren eher die Rinderhaltung und der illegale Koka-Anbau verantwortlich. Letzterer hat zudem über viele Jahre hinweg die politische Stabilität des Landes untergraben – mal abgesehen von der brutalen Gewalt durch Kartellkriminalität.

Der WWF verfolgt in Kolumbien, unterstützt durch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), einen doppelten Ansatz. Einerseits soll Kakao den Bauern als wertvolle und vor allem legale Alternative zu Koka dienen. Parallel dazu arbeitet die Organisation an einer deutlich verbesserten Ökobilanz des braunen Goldes.

Sogenannte Agroforstsysteme spielen dabei eine entscheidende Rolle. Diese naturnahe Anbaumethode unterscheidet sich grundlegend von den vielerorts üblichen Plantagen, in denen die Kakaobäume in Monokultur bewirtschaftet werden. Theobroma cacao wächst hier direkt neben anderen Gehölzen wie Ölpalmen, Kaffeesträuchern oder Bananenstauden. Eine solche Durchmischung bietet gleich mehrere Vorteile: Sie fördert die Bodenqualität, verbessert das Mikroklima, kann Biodiversität schützen, verringert Schädlingsbefall und erweitert die Produktpalette der Bauern. Die Vielfalt macht den Unterschied.

Agroforst ist allerdings nicht gleich Agroforst. Es gibt sie in vielerlei Ausprägungen, von einfachen Mischkulturen mit nur wenigen Nutzpflanzenspezies bis hin zu den Multischicht-Systemen, deren Strukturen praktisch einen Naturwald nachbilden – heimische, normalerweise wild wachsende Arten inklusive. Welche Form die Bauern wählen, hängt von ihrer Zielsetzung ab, erklärt Kerstin Weber. Besonders Ambitionierte setzen zum Beispiel auf den dynamischen Agroforst. „Das ist die Königsdisziplin, und sehr zukunftsträchtig“, meint Weber. Der Hintergrund: In der dynamischen Agroforstwirtschaft wird bewusst die Anreicherung von Biomasse vorangetrieben. Falllaub, Totholz und anderes organisches Material verbleiben im System; sie werden nicht verbrannt oder entfernt, wie es in herkömmlichen Plantagen üblich ist. Mit der Zeit führt dies zur Speicherung von immer mehr Kohlenstoff, vor allem im Untergrund. Dem Klimaschutz kommt das sehr zugute. Und die Bodenfruchtbarkeit steigt.

Ein starker heimischer Markt

Die Umstellung auf Agroforste bedeutet in vielen Fällen praktisch eine komplette Neugestaltung der ausgewählten Flächen, vor allem in Kolumbien. Die WWF-Ernährungs- und Landwirtschaftskoordinatorin Camila Cammaert berichtet über solche Unterfangen in den Departements Caquetá, Putumayo und Guaviare – im Amazonasbecken am Ostrand der Anden. „Früher gab es in dieser Region illegalen Koka-Anbau“, erklärt die Ökologin. Doch vor etwa 20 Jahren begann die Wende hin zum Kakao. Zunächst wurde dabei auf Konsumsorten gesetzt, wie Cammaert erläutert. Denn in Kolumbien gebe es für Kakaobohnen de facto eine garantierte Abnahme. „Die beiden großen Produzenten hier kaufen alles.“ Das liege am starken heimischen Markt. „Trinkschokolade ist in Kolumbien ein großes Ding“, ergänzt Kerstin Weber. Deshalb wird der Löwenanteil der Kakao-Ernte im Land selbst konsumiert.

Die in Monokulturen gepflanzten Zuchtvarianten sind allerdings nicht optimal für Agroforste geeignet, fährt Weber fort. Und für einen nachhaltigen Anbau möchte man sowieso weg von den Einheitsplantagen. Anspruchsvollere Edelkakaos, deren Bäume unter anderem Beschattung benötigen, wären langfristig wohl die bessere Alternative – auch weil sie im Verkauf pro Kilo mehr Geld einbringen. Zusätzlich möchte der WWF die Erzeugung und Zertifizierung von Biokakao voranbringen. Dieser Prozess stockt momentan, berichtet Camila Cammaert. Durch die stark gestiegenen Weltmarktpreise der letzten Jahre werden die Bauern auch für „konventionell“ produzierten Kakao schon besser bezahlt. Die Zertifizierung bedeutet zudem extra Kosten, betont Cammaert. Darauf verzichten viele Landwirte lieber.

Manche entwickeln dennoch eine Menge Eigeninitiative. Ein weiterer Vorteil von Agroforstsystemen ist, dass sie sogar auf komplett kahlen, geschädigten Flächen errichtet werden können. Camila Cammaert kennt ein gutes Beispiel aus der Umgebung der Kleinstadt San José del Fragua im Westen Caquetás. „Das Gebiet war ein Brennpunkt der Entwaldung in Kolumbien“, sagt die Ökologin. Heute sei die Region das wichtigste Zentrum der Milchwirtschaft im Land. Wo einst üppiger Regenwald gedieh, breiten sich jetzt zahlreiche Kuhweiden aus. Einige lokale Bauern bauten früher Koka an, bekamen dann aber Probleme mit Drogenkriminellen und wandelten ihre illegalen Plantagen in Grasland für Vieh um. Das ging jedoch nicht lange gut. „Die Böden im Amazonasbecken sind sehr arm“, erklärt die WWF-Expertin. Schon bald begann die Scholle auszulaugen. Auf der Suche nach einer Lösung beschloss einer der Landwirte nun, sowohl Kakao als auch Nahrungsmittel zu produzieren. Er pflanzte verschiedene Kakaovarianten, Edelsorten und moderne Hochertragszüchtungen, und dazwischen Mangos, Mais, Maniok, die für Kolumbien typischen Guama-Bäume, sowie 15 weitere Nutzpflanzenarten. Vielfalt schafft eben Stabilität, auch im Einkommen. Fällt die Ernte einer Spezies aus, bleiben noch mehrere andere übrig.

Sonnenschutz und Naturdünger

Ein zweiter Bauer in der Nachbarkommune Belén de los Andaquies geht in Sachen naturnahem Agroforst noch einen großen Schritt weiter. Der Mann hat im Regenwald wilde Gehölze gesammelt und seine Kakaoplantage damit „angereichert“, wie Camila Cammaert berichtet. Eine davon ist Couroupita guianensis, bekannt unter dem Namen Kanonenkugelbaum. Blätter und Früchte dieser bis zu 35 Meter hohen Gewächse finden in der traditionellen Volksmedizin Verwendung. Viel wichtiger sind diese Bäume allerdings als Schattenspender. Werden die unteren Etagen einer Pflanzung von der Sonne abgeschirmt, bleibt es dort feuchter und kühler. Der Untergrund trocknet nicht aus, was der gesamten Vegetation zugutekommt. Und dem Bodenleben: Pilze, Bakterien und kleine Wirbellose können dank der Beschattung Laubstreu und anderes organisches Material besser in Humus umwandeln – ein essenzieller Bestandteil von Agroforstsystemen.

Die ebenfalls als Sonnenschutz eingesetzten, meist schnellwüchsigen Bäume aus der Gattung Inga bieten noch einen zusätzlichen Vorteil. Sie gehören zu den Leguminosen (Fabaceae) und sind somit in der Lage, mithilfe spezialisierter sogenannter Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft zu binden und diesen biologisch verfügbar zu machen. Homo sapiens geht für die Herstellung von Kunstdünger einen ähnlichen Weg, benötigt dafür aber die sehr energieintensive Ammoniaksynthese nach dem Haber-Bosch-Verfahren. Ingas Helferlein, in Verdickungen der Wurzeln untergebracht, versorgen nicht nur ihren eigenen Wirt mit lebenswichtigem Stickstoff, sondern reichern längerfristig auch den Boden damit an. Umweltfreundliche Zusatzdüngung zum Nulltarif. Abgesehen davon sind die Hülsenfrüchte von Inga edulis, dem oben genannten Guama-Baum, eine beliebte Speise. Das Fruchtfleisch soll nach Vanilleeis schmecken, die Samen werden gekocht verzehrt.

Vielfalt – auch in der Fauna

Auch der naturbegeisterte Landwirt aus Belén de los Andaquies hat seine Plantage laut Camila Cammaert zufolge auf einer ehemaligen Weidefläche angelegt. „Jetzt sieht es dort aus wie ein natürlicher Wald.“ Für die Tierwelt sind solche Umwandlungen ein Segen. Die Agroforste können diverse Arten von Ersatzlebensräumen bieten. In den naturnahen Kakaoplantagen werden zum Beispiel auch gefährdete Wollaffen (Lagothrix lagotricha) beobachtet, und Totenkopfaffen der Gattung Saimiri gehen dort auf Ameisenjagd.

Bei einem gut strukturierten, artenreichen Baumkronendach können Agroforste ähnlich viele Vogelspezies beherbergen wie natürlicher Regenwald. Der normalerweise nachtaktive Ozelot (Leopardus pardalis) nutzt die menschengemachten Wäldchen gerne als geschützte Wanderkorridore. Gerade in stark fragmentierten Landschaften sind Agroforste wichtige Verbindungselemente. Trittstein-Biotope nennen Fachleute sie dann.

Für die Bauern indes ist die Artenvielfalt ein handfester Produktivitätsfaktor, denn sie sichert die Bestäubung. Zwar debattieren Biologen noch immer darüber, welche Insekten nun tatsächlich für die Pollenübertragung zwischen den Kakaoblüten sorgen (siehe Seite 17), doch so viel steht fest: ohne fliegendes oder krabbelndes Kleingetier keine Fruchtbildung. Dann bliebe nur die zeitaufwendige Handbestäubung mit Pinsel und Pinzette. Eine ausgewogene Insektenfauna hilft zudem dabei, Plagen in Schach zu halten. So dezimieren unter anderem Ameisen schädliche Weichwanzen (Miridae). Die Natur kann selbst eingreifen, wenn man sie lässt.

Nachhaltige Produktion und Vermarktung

Kolumbianische Kakaobauern sind oft in Kooperativen organisiert; der WWF arbeitet mit neun solcher Genossenschaften zusammen und leistet diesbezüglich auch Hilfe zur Selbsthilfe. In „Farmer-Feldschulen“ wird gezeigt, wie die Landwirte mit simplen Mitteln kostengünstig organischen Dünger herstellen können, berichtet Camila Cammaert. Rezept: 50 Kilo frischen Kuhmist mit zehn Kilo Waldmulch, fünf Kilo Melasse, Mineralsalz und einem Liter Milch in einem großen Bottich mischen; Wasser zugeben und dann mit 500 Gramm Hefe 20 Minuten lang zu einer homogenen Jauche verrühren. Anschließend abgedeckt 35 Tage lang gären lassen, dabei jeden Morgen und jeden Abend einmal kräftig durchquirlen. Fertig ist der absolut umweltfreundliche Kakaodünger.

Neben der nachhaltigen Nährstoffversorgung soll natürlich auch die Humusbildung gefördert werden. Der WWF rät daher seinen Kooperationspartnern zum Einsatz von Kompost und Holzkohle, um den Anteil an organischem Material im Erdreich zu erhöhen. Man bildet zudem Bauern für das Sammeln von Wurmproben in Kakaoplantagen aus, wie Camila Cammaert erläutert. Die Inventarisierung dieser wühlenden Tiere dient dem Monitoring; ihr Artenspektrum und ihre Populationsdichten können Einblick in die Entwicklung des Bodens bieten, zu der sie selbst kräftig beitragen. „Wir wollen herausfinden, welchen Nutzen die Anwendung von Biodünger für das Wurmwachstum hat“, erklärt die Koordinatorin. Belastbare Ergebnisse liegen allerdings noch nicht vor. Es fehlen die Vergleichswerte zur Bodenqualität vor Projektbeginn.

Nachhaltige Produktion ist gleichwohl nur eine Seite der Medaille; eine optimale Vermarktung des so erzeugten Kakaos die andere. „Die beteiligten Kooperativen sind schon gut entwickelt und haben nationale Abnehmer“, sagt Kerstin Weber. Auch internationale Kontakte bestünden bereits.

Wichtig wäre jedoch, den Kakao auf einem differenzierten Markt anbieten zu können – für Kunden, die Wert auf ökologische und soziale Verbesserungen legen. Dann bekämen die Landwirte höhere Erlöse für ihre Ware. Mehr Wertschöpfung vor Ort würde ebenfalls zur Einkommenssteigerung beitragen. „Im kleinen Stil betreiben manche Kooperativen schon eine eigene Weiterverarbeitung“, berichtet die Referentin. Die Genossenschaften stellen Kakaomasse und geringe Mengen an Schokolade her, die allerdings noch nicht in den Export gelangen. „Neue Lieferketten zu etablieren, ist eine große Herausforderung“, betont Weber. Wir alle können als Konsumenten durch unser Kaufverhalten dabei helfen. //

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