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Versunkene Welt der Pharmazie
Archäologie

Versunkene Welt der Pharmazie

Zeitreise in die Pharmaziegeschichte: Die rund 140 Jahre alte Offizin der ehemaligen Remscheider Löwen-Apotheke bildet das Herzstück des Apotheken-Museums in Dortmund. Apotheken-Museum Dortmund

„… fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke“: Passend zum presto heruntergerasselten Schlusssatz der Medikamentenreklame fungiert die Apotheke von heute als Umschlagplatz für standardisierte Großserienprodukte. Doch das war sie keineswegs immer. Ein aus privater Leidenschaft aufgebautes Museum…
Autor
Redaktion
15. Mai 2026
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Archäologie
„… fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke“: Passend zum presto heruntergerasselten Schlusssatz der Medikamentenreklame fungiert die Apotheke von heute als Umschlagplatz für standardisierte Großserienprodukte. Doch das war sie keineswegs immer. Ein aus privater Leidenschaft aufgebautes Museum entführt in eine ganz andere Welt.

Es ist ein höchst prosaischer Neubau in der Dortmunder Fußgängerzone, in dem das Apotheken-Museum residiert. Hinter der gläsernen Eingangstür in der vierten Etage aber beginnt die Zeitreise: Historische Verkaufsräume, ganze Labors, Vorratsräume, kunstvoll gestaltete Aufbewahrungsgefäße und hölzerne Giftschränke – die abenteuerliche Vergangenheit der Apotheke hat man hier buchstäblich begehbar und be-greif-bar vor sich.

Es war die Begeisterung für die Pharmazie, die den Wittener Medikamentenhersteller Julius Ausbüttel vor 75 Jahren dazu trieb, erste historische Gegenstände zusammenzutragen. Standgefäße für pharmazeutische Substanzen, Mörser zum Zerkleinern, Maschinen zur Herstellung von Tabletten oder Salben – was damals bei der Modernisierung von Apotheken häufig auf den Müll wanderte, das begann Ausbüttel zu sammeln. Er verlieh es an Apotheker, die damit den einen oder anderen nostalgischen Akzent in ihrem Schaufenster setzen wollten.

Die Familie Ausbüttel ist heute eine Apothekerdynastie in Dortmund, und es war Julius’ Sohn Hermann, auf den die Leidenschaft des Vaters überging: Hermann Ausbüttel begann gemeinsam mit seiner Ehefrau Ursula, den Bestand auszubauen. Heute umfasst er über 15 000 Stücke von der Antike bis ins 20. Jahrhundert – die größte private Sammlung dieser Art in Deutschland und eine der größten in Europa.

Im Jahre 2000 dann tat Ausbüttel den großen Schritt: Er richtete in den Tiefkellerräumen seiner damaligen Apotheke ein Museum ein. Nach dem Umzug in den besagten Neubau wurde es erweitert und umfasst nun 13 Räume mit einer Fläche von 300 Quadratmetern.

Den roten Faden bilden die klassischen Orte, an denen eine Apothekerin oder ein Apotheker vor 70 oder auch 170 Jahren wirkte: zunächst die Offizin, der eigentliche Verkaufsraum. Gleich mehrere komplette Einrichtungen konnte das Museum mit der Zeit übernehmen: Wandhohe, etliche Meter lange Regale aus dunklem Holz mit Hunderten Gefäßen prägen die 140 Jahre alte Offizin der Remscheider Löwen-Apotheke, die den Museumsbesucher empfängt – davor die Verkaufstheke mit historischer Waage und Registrierkasse.

Auf der Theke, in den Regalen und Schubladen stehen und liegen Utensilien, wie sie vor Jahrzehnten zum Alltag der Apotheke gehörten. Noch massiver und weitläufiger steht einige Räume weiter die Offizin der Viktoria-Apotheke aus Wuppertal von 1864. Auch sie wirkt, als sei gerade noch in ihr gearbeitet worden.

Das Interessanteste aber spielte sich in alten Apotheken hinter den Kulissen ab: im Labor. Dort wurden ärztlich verordnete Heilmittel hergestellt, wurden Substanzen auf ihre Reinheit geprüft; oder es wurde ein Blutzuckerwert bestimmt. Eine Vielzahl von Laborgeräten hat das Museum gesammelt: Ein hüfthoher, runder Metallofen wurde mit Kohle beheizt und diente vor 120 Jahren dazu, Flüssigkeiten zu destillieren. Mit einem empfindlichen Polarisationsapparat wurde 1935 Harn analysiert. Groß wie eine Salatschüssel ist die maschinell betriebene Reibschale aus Porzellan, in der eine Stuttgarter Apotheke im großen Stil Salben herstellte.

Ein paar Räume weiter steht eine ganze Batterie historischer Präzisionswaagen aus Messing – einige wurden im großen Glaskasten betrieben, denn kein Lufthauch durfte den Wägevorgang stören; es ging schließlich um kleinste Mengen. Medikamente stellte man 1970 in der motorbetriebenen Tablettenpresse her; Dragees wiederum überzog man in seltsam geformten Dragierkesseln mit einer zuckrigen Hülle, die den Wirkstoff vor der Säure des Magens schützte und erst im Darm freigab.

Aber auch historische Lagerräume der Apotheke kann man durchwandern, bis hin zur Kräuterkammer: Denn die manuell hergestellten Heilmittel basierten häufig auf Pflanzen, die Apotheker selbst zusammengetragen hatten. Einen Akzent setzen hier die blaugrünen Holzregale aus der Kräuterkammer der Gelnhausener Einhorn-Apotheke: Sie stammen teilweise noch aus dem 16. Jahrhundert.

Gerade die Tausende kleiner Exponate machen den Charme des Museums aus: die unterschiedlichen Standgefäße etwa – blau-weiß handbemalt aus dem Spanien des 18. Jahrhunderts, sachlich in braunem Glas mit ovalem weißen Etikett aus der Weimarer Republik. Spektakulär präsentiert sich die 125 Jahre alte Taschenapotheke aus China, deren blaue, eckige Flaschen ziehharmonikaartig auseinandergezogen werden. Etwas jünger ist die kleine „Nasen-Douche“ namens „Frisch und frei“ aus weißem Porzellan.

Auch Trends einer Epoche schlugen sich im Apothekenalltag nieder: 1914 hatte eine deutsche Apotheke Mörser aus wertvoller Bronze benutzt. Kurz darauf waren diese Mörser in der Rüstungsindustrie eingeschmolzen worden; an ihre Stelle traten „Kriegs-Mörser“ aus weißem Porzellan. 1918 waren selbst diese Mörser rar geworden; Apotheker behalfen sich mit abgesägten Kartuschen verschossener Artilleriegranaten.

Das Museum durchzieht der Wandel der Pharmazie, zumal seit der Frühen Neuzeit: Der Apotheker, vor Jahrhunderten ein versierter Do-it-yourself-Pharmazeut, oftmals mit individuellen, handgeschriebenen Rezeptbüchern – wie sie hier auch zu sehen sind –, wandelte sich zum Spezialisten, der mit hochpräzisen Methoden nach wissenschaftlichen Standards arbeitete. Im letzten Jahrhundert dann wichen die im Apothekenlabor hergestellten Medikamente der Ware aus industrieller Großproduktion. Wie viel Forschung, Tüftelei und Kreativität Generationen von Apothekern aufbringen mussten, um den hohen Standard der heutigen Pharmazie zu erreichen – das ist im Dortmunder Museum mit Händen zu greifen.

Autor: Dr. Michael Kuhlmann

Infos zum Museum

Wißstraße 11
44137 Dortmund
Tel.: +49 (0)231 84010076
info@apotheken-museum.de
www.apotheken-museum.de

Öffnungszeiten: Führungen an jedem letzten Donnerstag im Monat um 17 Uhr; individuelle Termine für Gruppen auf Anmeldung

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