Vermutlich ja. Dafür gibt es verschiedene Modelle, die einander nicht gegenseitig ausschließen.
· Wenn unser Urknall eine Zufallsschwankung in einem Urvakuum war, dann muss es immer wieder „urknallen” – im Prinzip bis heute. Somit existieren unzählige andere Universen anderswo, die aber auf ewig voneinander getrennt sind. Diese Universen könnten ganz unterschiedliche Naturgesetze und -konstanten haben (bild der wissenschaft 8/2006, „Mysteriöses Universum”). Viele wären wohl lebensfeindliche Totgeburten. Und manche würden überhaupt nicht „groß und stark” werden, sondern sofort wieder in sich zusammenstürzen und ins Urvakuum zurückkehren.
· Dem Szenario der Kosmischen Inflation zufolge war der Urknall eine Art Phasenübergang in einem rasant expandierenden „ falschen Vakuum”. Wie eine Gasblase im kochenden Wasser schnürte sich lokal eine Insel aus einem „wahren”, das heißt energieärmeren Vakuum ab, und die Reste des falschen Vakuums darin wandelten sich in die Elementarteilchen um – der Geburtsblitz der Materie. Demnach war der Urknall nicht der Beginn von Raum und Zeit, sondern nur unseres Vakuums mit seinen als Naturgesetze und -konstanten beschriebenen Eigenschaften und der Materie. Auch anderswo im falschen Vakuum hätten sich unzählige andere Big Bangs ereignet, die zu mehr oder weniger isolierten Universen führten – und sie werden es noch in alle Ewigkeit tun.
Aber auch aus unserem eigenen Universum treiben vielleicht neue Universen aus wie Knospen.
· Aus jedem Zentrum eines Schwarzen Lochs könnte ein neues Universum entspringen, wie etwa John A. Wheeler und Lee Smolin spekuliert haben. Diesen Physikern zufolge wäre der Kollaps eines ausgebrannten massereichen Sterns gleichbedeutend mit einem Urknall – einem Weißen Loch, dem raumzeitlichen Eingangstor einer neuen Welt. Dann wäre wohl auch unser eigenes Universum so entstanden (siehe Grafik „Universale Verzweigung”).
· Eine andere Möglichkeit einer Neuschöpfung der Natur geht nicht von einer monströsen Schwerkraftfalle aus, sondern von dem nichtigsten Nichts. Denn das Vakuum des Raums ist wohl gar nicht leer, sondern enthält eine größere Energiedichte als alle Materie zusammengenommen (bild der wissenschaft 10/2006, „Abscheu vor dem Nichts”). Auf eine solche mysteriöse „Dunkle Energie” deuten etliche Messungen der letzten zehn Jahre hin. Gibt es sie, dann muss die Kraft des Vakuums gemäß der Quantenphysik in sehr langen Zeiträumen immer wieder neue Big Bangs hervorbringen. Die Kosmologen Alexander Vilenkin und Jaume Garriga haben ein detailliertes Modell eines solchen „Recycling-Universums” ausgearbeitet. Doch keine Angst: Ein derartiger Neustart würde nicht in unser Universum hinein explodieren und es zerstören, sondern er würde sich seinen eigenen Raum schaffen. Wahrscheinlich würde nicht einmal jemand etwas davon merken.
· Theoretisch könnte sogar künstlich eine überkritische Menge von Energie an einem Ort konzentriert werden und dann einen neuen Urknall zünden. „Die hohe Kunst der Erschaffung von Universen”, wie es der Kosmologe Andrei Linde provokant formulierte (bild der wissenschaft 11/2005, „Mr. Universum”). Linde hat berechnet, dass kosmische Ingenieure nur wenige Hundertstel Milligramm Materie so weit verdichten müssten, dass die Partikel auf Ruheenergien von 1015 Gigaelektronenvolt kommen – und schon würde ein Schwarzes Miniloch entstehen. Dessen Inneres könnte dann exponentiell zu expandieren beginnen. Ein Tochter-Universum mit eigener Raumzeit entstünde, das sich von unserem Universum rasch abnabeln würde.





