“Das wahrnehmbare All bildet einen ungeordneten Sternhaufen aus Sternhaufen”, schrieb Edgar Allan Poe 1848 in seinem Essay “Eureka”. Doch Sternhaufen sind durchaus geordnet, wie man inzwischen weiß. Daß sich diese Ordnung aber auflösen kann, haben Astronomen der Europäischen Südsternwarte (ESO) nun erstmals beobachtet.
Manche Kugelsternhaufen bestehen aus weit über einer Million Sterne. Mit einem Alter von 12 bis 14 Milliarden Jahren sind sie kosmische Fossilien. Sie haben sich wahrscheinlich als erstes aus der Urgaswolke gebildet, aus der später auch unsere Galaxis entstand.
Einen dieser Kugelsternhaufen nahmen jetzt Guido De Marchi, Francesco Paresce, Bruno Leibundgut und Luigi Pulone von der ESO in Garching mit dem 8,2-Meter-Teleskop auf dem Cerro Paranal in Chile ins Visier. NGC 6712 befindet sich am Südhimmel im Sternbild Schild, in der Nähe des galaktischen Zentrums, und ist etwa 23000 Lichtjahre von uns entfernt. Seine elliptische Bahn führt ihn immer wieder durch die Milchstraßenebene – zuletzt vor einigen Millionen Jahren.
Die neuen Aufnahmen haben eine so hohe Auflösung, daß die Astronomen das Zahlenverhältnis der einzelnen Sterntypen statistisch erfassen können. “Normalerweise sind in Kugelsternhaufen die Sterne mit einem Drittel der Masse unserer Sonne mindestens viermal häufiger als sonnenähnliche Sterne. Aber in NGC 6712 gibt es nicht einmal halb so viele”, faßt Guido De Marchi die Beobachtungsergebnisse zusammen.
Im Vergleich zu typischen Kugelsternhaufen hat NGC 6712 nur wenige massearme Sterne. Da Kugelsternhaufen aber immer mit viel mehr leichten als schweren Sternen entstehen, muß NGC 6712 einen großen Teil seiner Sterne verloren haben.
Dafür sind wohl die Gezeiteneffekte der Milchstraße verantwortlich. Wenn sich ein Kugelsternhaufen durch die galaktische Ebene bewegt, zerrt die Schwerkraft an ihm und stört seine innere Stabilität. Dadurch “verdampft” er allmählich: Vor allem die massearmen Sterne gehen verloren. Sie treiben nun vereinzelt im galaktischen Halo herum, einer gewaltigen, lichtschwachen sphärischen Hülle aus Sternen, Gas und bislang unbekannter Dunkler Materie, in die die Spiralscheibe der Milchstraße eingebettet ist.
Rüdiger Vaas





