“Einen ähnlichen Sarkophag wird man in Fukushima auch bauen müssen, daran geht wohl kein Weg vorbei”, sagt Helmut Fischer, Leiter der Landesmessstelle für Radioaktivität in Bremen. Die Kosten dafür dürften ebenfalls in die Milliarden gehen. Das zeigt auch ein Vergleich mit dem havarierten US-Reaktor Three Mile Island in Harrisburg. Dort wurden nach dem Unfall mit Teil-Kernschmelze 1979 etwa 150 Tonnen kontaminiertes Material in ein Zwischenlager verfrachtet. Die Aufräumarbeiten endeten 1993, sie hatten also 14 Jahre gedauert und eine Milliarde Dollar gekostet. In Japan hat man es nun freilich gleich mit vier zerstörten Reaktoren auf einmal zu tun, die mehr als tausend Tonnen Brennstäbe enthalten. Wie stark diese beschädigt sind und ob sie geschmolzen sind, ist nach wie vor unklar. Als Sofortmaßnahme erwägt die japanische Regierung, eine Art Harz über das Gelände zu sprühen, meldet das britische Wissenschaftsmagazin New Scientist. So soll radioaktiver Staub gebunden werden, der sich durch die Explosionen auf den Ruinen verteilt hat und den Arbeitern das Leben schwer macht. Der Betreiber Tepco ist bei seinen Überlegungen derweil noch ein paar Schritt zurück. Am Mittwoch gab das Unternehmen bekannt, dass die vier zerstörten Reaktoren nie wieder in Betrieb gehen sollen.
Welche Auswirkungen die ausgetretene Radioaktivität für die japanische Bevölkerung haben wird, wird man wohl erst sagen können, wenn die Reaktoren keine weiteren Emissionen mehr freisetzen. Viele derzeit veröffentlichte Messwerte tragen eher zur Verwirrung bei, weil sie nur die Situation an einzelnen Punkten wiedergeben. Luftmessungen des US Department of Energy vom 17. bis 19. März liefern allerdings erstmals ein flächendeckendes Bild: Die Dosismessungen belegen, dass sich auf einem 3 mal 30 Kilometer großen Streifen nordwestlich von Fukushima erhebliche Mengen radioaktiver Isotope auf dem Boden abgesetzt haben. “In Deutschland könnten diese Werte bedeuten, dass die Gegend längerfristig nicht besiedelt werden darf”, sagt Helmut Fischer. Das größte Problem sei das Isotop Cäsium-137, das mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren zerfällt. Das heißt, nach 30 Jahren ist noch die Hälfte des Stoffes da, erst nach 300 Jahren sind 99,9 Prozent zerfallen. Fischer hat ausgerechnet, dass die Cäsium-137-Werte in dem hochbelasteten Streifen vermutlich ein ähnliches Niveau haben, wie sie in einem Umkreis von etwa hundert Kilometern um Tschernobyl gemessen wurden.
Ob es Möglichkeiten zur Sanierung gibt, werde man diskutieren müssen, sagt Fischer. Es sei zum Beispiel denkbar, den Boden umzupflügen, um das Cäsium zu vergraben, so dass es weniger Schaden durch direkte Strahlung anrichten kann. Bislang, so sagt der Forscher, habe die japanische Regierung die richtigen Sofortmaßnahmen ergriffen: Evakuierung, Verteilung von Jodtabletten und das Verkaufsverbot für kontaminierte Lebensmittel. In Tschernobyl funktionierte das weniger gut. Dort evakuierte man die Bevölkerung der nächstgelegenen Stadt Prypjat erst einen Tag nach der Explosion am 26. April 1986. Kinder durften sogar noch draußen spielen, während nebenan der Reaktorkern brannte. Eine 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl wurde erst am 6. Mai geräumt, einen Tag, nachdem der Brand gelöscht werden konnte. Jodtabletten wurden nicht verteilt. Etwa 5.000 Kinder erkrankten in den folgenden Jahren zusätzlich an Schilddrüsenkrebs, weil sie radioaktiv verseuchte Milch getrunken hatten. “Weil man die Menschen dort nicht schnell über die Gefahren der Strahlung aufgeklärt hat, wurden sie einer höheren Strahlungsdosis ausgesetzt als nötig”, sagte Jim Smith von der University of Portsmouth in Nature. Welche langfristigen Folgen Tschernobyl für die Bevölkerung in den ehemaligen Sowjetrepubliken und in Europa insgesamt hatte, ist dennoch nicht genau bekannt ? auch, weil es keine koordinierten Studien in Europa gab, heißt es in Nature. Die erneute Aufmerksamkeit durch das Unglück in Japan könne nun helfen, einige seit langem geplante Untersuchungen endlich auf den Weg zu bringen.





