Scharfe Scheren, viele Beine
Äußerlich gleicht das neue Fossil einigen typischen Vertretern der Fauna dieser Zeit: Es besitzt einen segmentierten Körper mit rund einem Dutzend Beinpaaren, die mit ihren leicht verbreiterten Anhängen sowohl zum Krabbeln auf dem Meeresgrund als auch zum Schwimmen geeignet waren. Beiderseits des Kopfes sitzt je ein Paar großer Komplexaugen. Am auffallendsten aber ist ein Paar großer, scherenartiger Kopfanhänge, deren scharfe Klauen durch ein Gelenk gegeneinander beweglich waren. Ihnen verdankt diese Gruppe früher Gliederfüßer auch ihren Namen: Megacheira – “große Hände”. Solche scherenartigen Anhänge besitzen heute auch Krebse und Spinnentiere. Trotz ihres sehr ähnlichen Aussehens sind diese allerdings unterschiedlichen Ursprungs: Bei Krebsen entsprechen die Scheren dem ersten Beinpaar, sie bilden sich bei den Embryos zunächst hinter der Mundöffnung und rücken dann nach vorne. Anders bei den Spinnen, Pfeilschwanzkrebsen und Skorpionen: Bei diesen werden die Scheren vor der Mundöffnung gebildet und entsprechend den zweiten Antennen der Krebse.
Die große Schwierigkeit: Bei einem fossilen Gliederfüßer wie dem Alalcomenaeus ist die Embryonalentwicklung nicht mehr nachvollziehbar. Rein anhand der äußerlichen Merkmale ist daher oft nur schwer auszumachen, ob die Scheren eher vom Krebstyp oder vom Spinnentyp sind. Das macht auch zu Zuordnung des Ur-Arthropoden zu einer der beiden großen Gruppen schwierig. Doch im Fall des neuen Fossils kam den Forscher ein glücklicher Umstand zu Hilfe: Der Urzeit-Gliederfüßer aus dem Kambrium ist so gut erhalten, dass sogar sein Gehirn und Nervensystem noch weitgehend intakt konserviert ist. Durch eine Kombination aus Computertomografie und einer Laser-Scanning Technik gelang es den Forschern, die Form und den Verlauf der Nervenbahnen bei Alalcomenaeus sichtbar zu machen.
Gehirn wie ein Spinnentier
Das Ergebnis dieser Durchleuchtung beseitigte alle Zweifel: Der Ur-Gliederfüßer zeigte bereits eindeutige Merkmale der Spinnentiere. Das Gehirn von Alalcomenaeus besteht aus einem paarigen Sehzentrum, gefolgt von einer Art Vorhirn und dann dem aus vier Nervenknoten verschmolzenen Gehirn. Das Wichtigste aber: Die großen, paarigen Scheren des Urzeit-Gliederfüßers wurden vom gleichen Hirnteil kontrolliert wie bei den heutigen Spinnen, Pfeilschwanzkrebsen und Skorpionen. “Wir haben nun erstmals direkte Belege dafür, von welchem Gehirnsegment aus Nerven in diese Anhänge ziehen”, erklärt Koautor Greg Edgecombe vom Museum of Natural History in London. Das ermögliche erstmals eine klare Einordnung der Megacheira: Sie sind die bisher ältesten bekannten Vorfahren der heutigen Spinnentiere. “Wir können nun eindeutig sagen, dass sich die scherenartigen Mundwerkzeuge der Spinnen und ihrer Verwandten aus den Anhängen dieser Urzeit-Tiere entwickelten”, ergänzt Seniorautor Nicholas Strausfeld von der University of Arizona in Tucson.





