Vor 525 Millionen Jahren, in der Mitte des Erdzeitalters Kambrium, lebten allerhand eigenartige Tiere: Riesenkrebse mit einem Mund wie ein Schredder, Gliederfüßer mit sieben Stielaugen, Würmer, die aussahen wie eine Flaschenbürste. Nun fügen Paläontologen um Xian-Guang Hou der Liste der Merkwürdigkeiten eine weitere hinzu: Kleine Krebse schlossen sich im kambrischen Urmeer zu Ketten aus bis zu 20 Individuen zusammen. Es handelt sich um den frühesten Hinweise Gruppenverhalten bei irdischen Tieren, berichten die Forscher.
Hou und seine Kollegen entdeckten die Krebs-Ketten in Gesteinen der berühmten Chengjiang-Lagerstätte in der chinesischen Provinz Yunnan. Diese Gesteine sind bekannt für besonders gut erhaltene Fossilien aus dem Abschnitt der Erdgeschichte, in dem sich erstmals komplexe Tiere in großer Zahl auf der Erde verbreiteten. Die einzelnen Krebse waren etwa 1,5 Zentimeter lang und ähnelten einem anderen kambrischen Krustentier namens Waptia, berichten die Forscher: Sie besaßen einen breiten Kopfpanzer, sechs Segmente am Hinterleib und einen gefurchten Schwanz, ähnlich wie ein Hummer. Gliedmaßen konnten die Forscher nicht erkennen.
In den Gesteinen fanden die Forscher insgesamt 22 Ketten der Krebstiere, die aus zwei bis 20 Individuen bestanden, außerdem ein etwas größeres einzelnes Tier. Alle Tiere hatten ihren Kopf in die gleiche Richtung orientiert, und es bestand offenbar eine feste Verbindung zwischen den einzelnen Krebsen. Wahrscheinlich waren ihre Fühler oder Gliedmaßen verhakt, die aber nicht erhalten blieben.
Nun rätseln die Paläontologen um Hou, warum die Krebse diese lebende Kette bildeten. Bislang war ein solches Verhalten weder bei lebenden noch bei fossilen Krebsen oder ihren Verwandten aus dem Stamm der Gliederfüßer bekannt. Manche Raupen, Hummer oder Ameisen laufen zwar hintereinander her, sind dabei aber nicht wie die Glieder einer Kette miteinander verzahnt.
Hou und seine Kollegen spekulieren, dass die Verkettung dazu gedient haben könnte, Feinde abzuschrecken. Sie halten es auch für möglich, dass die Tiere derart verbunden durchs Meer schwammen und dadurch womöglich schneller vorwärts kamen. Dass das Krebs-Kollektiv Vorteile bei der Nahrungsaufnahme hatte, glauben die Forscher nicht ? schließlich blockierte der Schwanz des jeweiligen Vordermanns die Mundöffnung der Tiere. Auch der Vermehrung diente das seltsame Verhalten wohl kaum, schreiben die Forscher: “Es wäre radikal zu behaupten, dass die Krebse eine solche grundlegende Fortpflanzungsstrategie im Laufe der Evolution wieder verloren hätten.”
Xian-Guang Hou (Yunnan Universität, China) et al.: Science, Bd. 332, S. 224 Ute Kehse





