Der Weltraum-Tourismus beginnt zehn Jahre, nachdem die Leute aufgehört haben, über die Idee zu lachen.” Das sagte David Ashford, Leiter der englischen Firma Bristol Spaceplanes – vor zwei Jahren. Inzwischen flaut das Gelächter langsam ab: So veröffentlichte die NASA im März letzten Jahres erstmals ein Papier zu dem Thema, in dem die Autoren resümieren: “Weltraum-Tourismus ist heute ein realistisches Ziel.”
Ein paar Monate später lobte der Keidanren, Japans größter Industrie- und Wirtschaftsverband, in einer Publikation mit dem Titel “Japan im Weltraum” den Urlaub im All als Projekt mit besten Kommerzialisierungs-Chancen. Und für das deutsche Raumfahrtunternehmen DASA sind Ferien im All “keine Sciencefiction mehr, sondern ein machbares Konzept´” – so formulierte ein Sprecher der Firma Ende April auf dem 2. Internationalen Symposium für Weltraumtourismus (ISST) in Bremen.
Ingenieure der japanischen Baufirma Shimizu waren die ersten, die sich ernsthaft mit dem Weltraum-Tourismus befaßten. Sie stellten Anfang der neunziger Jahre ein “Space-Hotel” vor, das in 450 Kilometer Höhe alle vier bis fünf Stunden die Erde umkreisen und rund 100 Gästen Platz bieten sollte.
Der Komplex ähnelt einem Riesenkreisel: Um eine 240 Meter lange Zentralachse gruppieren sich Wohnräume, öffentlicher Bereich und Versorgungseinrichtungen. Dreimal pro Minute dreht sich der Komplex um seine Achse und erzeugt dadurch eine künstliche Schwerkraft, die nach außen hin zunimmt. Schon Regisseur Stanley Kubrick benutzte diesen Trick in seinem berühmten Film “2001: Odyssee im Weltraum” und ließ die Raumstation nach Walzermusik kreisen.
Im Shimizus Weltraum- Hotel liegen die Zimmer auf einem Ring von 140 Meter Durchmesser und sind so ausgerichtet, daß die Rotation den Besucher mit 70 Prozent der irdischen Schwerkraft am Boden hält. Der Gast wird sich noch angenehm leicht fühlen, kann aber duschen und ohne Anschnallgurt schlafen. Wer will, kann aber auch nahe der Zentralachse in annähernder Schwerelosigkeit wohnen. Eng wird es in jedem Fall sein, denn im Weltraum ist umbauter Raum teuer. Zwölf Quadratmeter Wohnfläche – damit muß sich der Gast begnügen.
Was zieht Touristen in den Weltraum? “Vor allem eine neue Sicht der Erde, der Blick auf einen wunderschönen Planeten ohne Grenzen”, meinte auf der Bremer Konferenz Richard Gordon, Astronaut von Apollo-12. Jesco von Puttkamer, Chefplaner bei der NASA, ist überzeugt, daß ein solcher Urlaub zum “größten Moment im Leben vieler Amerikaner wird”.
Die Fürsprecher des Weltraum-Tourismus erwarten laut Umfragen in den USA, Japan und Deutschland einen großen Markt: 60 Prozent der Amerikaner würden sofort ins All reisen, bei den unter 40jährigen sogar 75 Prozent. Ein Drittel der Amerikaner und die Hälfte der Japaner wären bereit, drei Monatsgehälter dafür auf den Tisch zu legen. 10 bis 20 Prozent würden für einen Ausflug zu den Sternen sogar ein halbes Jahresgehalt hinblättern.
Etwa 100 Amerikaner haben sich bereits für eine Reise ins All vormerken lassen – zu Ticketpreisen von einigen Hunderttausend Dollar. Die Preise müßten allerdings deutlich sinken, wenn der Weltraum-Tourismus jemals zu einem lebensfähigen Industriezweig werden soll. Ermöglichen könnten das neue Raumtransporter für den bemannten Flug, die das amerikanische Space Shuttle und die russische Sojus ablösen.
Amerikaner, Japaner und auch Europäer arbeiten derzeit an Raumfahrzeugen, die in einigen Jahrzehnten Menschen sicher, zuverlässig und vor allem billig ins All bringen können. Allen Fahrzeugen gemeinsam ist, daß sie vollständig wiederverwendbar sein sollen.
Die Amerikaner entwickeln die “Venture Star”, einen einstufigen Raumtransporter, der wie eine Rakete startet und wie ein Flugzeug landet. Bei einem Startgewicht von 1000 Tonnen soll er eine Nutzlast von 25 Tonnen in den Erdorbit bringen. Der erste Testflug, so hoffen die Konstrukteure, wird um 2010 erfolgen. Das Design ist futuristisch: Bei 40 Meter Länge und 40 Meter Breite sieht der Venture Star aus wie ein geflügeltes Dreieck.
Weniger visionär ist eine europäische Konstruktion mit dem vorläufigen Namen “Hopper”. Das Gefährt, Startgewicht etwa 300 Tonnen, startet und landet horizontal. Um Gewicht zu sparen, erfolgt der Start mit einem Schlitten. Der Raumflieger soll sieben Tonnen Nutzlast ins All hieven können. Damit würde er etwa 100 Passagieren Platz bieten.
Doch das dauert noch. “Zunächst einmal kommt es darauf an, die unbemannte Version des Fahrzeuges zu realisieren”, sagt Dr. Heribert Kuczera, der bei der DASA das Programm für fortgeschrittene Transportsysteme leitet. Dann erst könne man an ein Gerät denken, das Menschen befördert.
Aus Japan stammt der Entwurf zu einem Gefährt speziell für den Transport von Touristen. Es heißt “Kankoo-Maru” (Touristenschiff) und wurde von Ingenieuren der Firma Kawasaki entworfen. Das flügellose runde Gefährt ähnelt einer überdimensionierten Raumkapsel. Mit Hilfe von vier Stelzenbeinen startet und landet es senkrecht. Bei 500 Tonnen Startgewicht, einem Durchmesser von 18 Metern und einer Höhe von 24 Metern könnte Kankoo-Maru 60 Passagiere aufnehmen.
Das Touristenschiff soll nicht nur Menschen zu einem Raumhotel bringen und wieder abholen. Auch dreistündige Ausflüge in den Weltraum, auf denen Kankoo-Maru die Erde zweimal umrundet, sind denkbar.
Nach einer Studie des Japanischen Raketenvereins (JRS) würde es zehn Jahre dauern, um ein Fahrzeug wie Kankoo-Maru zu entwickeln, zu bauen und zu testen. Eine äußerst optimistische Einschätzung, denn allein zur Erprobung müßten vier Testfahrzeuge je 300mal fliegen.
Experten weisen zudem darauf hin, daß ein vertikaler Einstufer sehr schwer zu fliegen ist und die Stabilität und Trimmung große Probleme bereiten werden.
Fraglich ist auch, wer die hohen Entwicklungskosten von vielen Milliarden Mark tragen soll. Weil Weltraum-Tourismus kommerziell sei, so Jesco von Puttkamer, könne die NASA nichts damit zu tun haben. Puttkamer betont: “Die Regierung kann allenfalls neue Technologien für den Antrieb entwikkeln. Das Fahrzeug selbst aber muß von der Industrie gebaut werden.”
Zu welchen Dimensionen sich der Weltraum-Tourismus entwickeln könnte, verraten japanische Studien. Danach würden im Jahr 2030 fünf bis zehn Millionen Menschen pro Jahr ins All fliegen – für 20000 Dollar pro Ticket. 100mal am Tage müß-ten Touristenschiffe aufsteigen, um Menschen und Güter ins All zu hieven und zur Erde zurückzubringen. Etwa 100 Milliarden Dollar an Umsatz soll dieser Wirtschaftszweig dann bringen.
Die meisten Fachleute halten derartige Zahlenwerte für äußerst spekulativ. “Von 20000 Dollar pro Flug auszugehen, ist Quatsch,” sagt etwa Kuczera, “und auch die anvisierten Zeiträume sind illusorisch.” Dennoch ist er überzeugt, daß der Weltraum-Tourismus einen “riesigen potentiellen Markt” bildet, den man schrittweise erschließen müsse.
Ein erste Möglichkeit könnte die Internationale Raumstation (IST) bieten, die 2004 ihren Betrieb aufnehmen soll. Von Puttkamer kann sich durchaus vorstellen, daß Touristenmodule an der Station andocken – “finanziert und betrieben etwa von Neckermann oder TUI”. Immerhin untersuchen Ingenieure im Bremer Werk der DASA bereits seit einem Jahr, wie sich das für die Raumstation vorgesehene Columbusmodul zum Touristenappartement umbauen ließe.
Heinz Horeis





