Die Ergebnisse der beiden Wissenschaftler widersprechen bisherigen Vermutungen, nach denen sich das Gehör bildete, um das Summen von Insekten besser wahrzunehmen. Denn die neu untersuchten Reptilien lebten mehrere Millionen Jahre zu früh, um die schnelle Ausbreitung der Insekten bereits miterlebt zu haben. Müller und Tsuji vermuten deshalb, dass das Gehör den Reptilien half, auch an Orten zu überleben, an die wenig Licht gelangte. Dass heutige nachtaktive Tiere wie Eulen oder Katzen ein besonders scharfes Gehör besitzen, spreche ebenfalls für ihre Theorie, so die Forscher. Die Reptilien könnten sich mit Hilfe ihrer Ohren neuen Lebensraum erschlossen haben, wodurch die Entwicklung neuer Arten vorangetrieben wurde.
Reptilien konnten schon vor 260 Millionen Jahren gut hören. Die ersten Ohren entstanden somit schon 60 Millionen Jahre früher als bisher angenommen. Das haben die Paläontologen Johannes Müller und Linda Tsuji von der Humboldt-Universität Berlin bei Untersuchungen von versteinerten Reptilien aus dem Nordwesten Russlands herausgefunden, deren Ohren schon genauso aufgebaut waren wie die heutiger Landwirbeltiere. Das Hören könnte den Reptilien geholfen haben, auch Orte, an die wenig Licht gelangte, zu besiedeln, vermuten die Forscher.
Die Wissenschaftler untersuchten die Fossilien sechs verschiedener eng verwandter Reptilienarten, die in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nahe des Flusses Mezen in Russland gefunden worden waren. Alle Tiere besaßen nicht nur ein Trommelfell, ähnlich dem heutiger Landwirbeltiere, sondern auch schon die Gehörknöchelchen des Mittelohrs. Müller und Tsuji maßen die Größe des Trommelfells und verglichen diese mit der Länge des Steigbügels, einem der drei Gehörknöchelchen. Das Verhältnis der beiden stimme genau mit dem heutiger Wirbeltiere überein, erklären die Forscher. Das zeige, dass die damaligen Reptilien wirklich durch Luft übertragene Geräusche wahrnehmen konnten.
Johannes Müller und Linda Tsuji (Humboldt-Universität Berlin): PLoS ONE, Band 9, e899 ddp/wissenschaft.de ? Anja Basters





