von THOMAS BÜHRKE
Astronomen beobachten schon lange heiße Gasblasen in unserer Milchstraße. Diese Gebilde sind einige Hundert Lichtjahre groß und verleihen der Galaxis eine Struktur ähnlich der eines Schweizer Käses. Auch in anderen Galaxien wie der Großen Magellan’schen Wolke finden sich solche Bubbles. Ausgerechnet die Beobachtung der uns am nächsten gelegenen Blase gestaltet sich als besonders schwierig. Denn wir befinden uns mitten in ihr – nah dem Zentrum.
Das Gas in dieser Lokalen Blase ist bis zu eine Million Grad heiß, hat aber nur etwa ein Zehntel der durchschnittlichen Dichte des interstellaren Mediums. Ihre Form ähnelt einem Rugby-Ball, der senkrecht zur Milchstraßenebene schwebt. Diese Blase wurde von Supernovae erzeugt: Die sich ausdehnenden Explosionswolken schoben die interstellare Materie vor sich her wie ein Pflug, hinterließen einen fast leeren Raum und verdichteten Gas und Staub auf dem Blasenrand.
Dieses bereits in Lehrbüchern beschriebene Wissen hat nun ein internationales Forscherteam um Catherine Zucker vom Space Telescope Science Institute im US-amerikanischen Baltimore um eine bedeutende Erkenntnis erweitert: Sämtliche Sternhaufen mit Distanzen von bis etwa 600 Lichtjahren zur Sonne liegen auf der Oberfläche der Lokalen Blase. Offenbar sind sie in der komprimierten Materie entstanden. Eine sterbende Sterngeneration verursachte also die Geburt einer neuen.
Auch diese Idee ist nicht neu, erhält aber durch die jüngsten Beobachtungen eine überzeugende Bestätigung. Entscheidend hierfür waren aktuelle Beobachtungen des europäischen Astrometriesatelliten Gaia. Er liefert seit einigen Jahren von mehr als einer Milliarde Sternen in der Milchstraße Positionen, Bewegungen und Entfernungen mit bislang unerreichter Genauigkeit. Das ermöglichte es dem Team, die räumliche Verteilung der jungen Sterne exakt zu lokalisieren. Dabei stellten die Forscher fest, dass diese Sterne zusammen mit den sie umgebenden Staubwolken nicht nur auf der Oberfläche der Lokalen Blase liegen, sondern sich auch überwiegend senkrecht zu deren Oberfläche nach außen bewegen. Dies ist eine Folge der Ausdehnung der Lokalen Blase mit heute etwa sieben Kilometern pro Sekunde. Der Studie zufolge hat die Explosionswolke an ihrem Rand Materie mit etwa 1,5 Millionen Sonnenmassen zusammengeschoben.
Explosive Geschichte
Aus dem Alter der jungen Sternhaufen und deren Geschwindigkeit im All ließ sich die stellare Entwicklungsgeschichte rekonstruieren. Demnach entstand die Lokale Blase vor 14 Millionen Jahren durch die erste Supernova.
„Es waren dann aber weitere etwa 14 Supernovae nötig, um die Bubble zu ihrer heutigen Größe aufzublasen“, sagt der zum Forscherteam gehörende Andreas Burkert von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Explosionswolken dehnten sich aus und verdichteten das interstellare Medium an ihrer Außenseite. Darin bildeten sich in mehreren Schüben vor etwa zehn, sechs und zwei Millionen Jahren neue Sterne. „Heute beobachten wir die aktuelle Verteilung von dichtem sternbildenden, molekularen Gas, das die Lokale Blase umhüllt“, schreiben Zucker und ihre Kollegen.





