Um endlich eine verlässliche Angabe zu erhalten, verglichen die Forscher nun mehrere unterschiedliche Messmethoden. Die Massenbilanz der Eisschilde lässt sich zum Beispiel über Höhenmessungen ermitteln. Dafür wird die Topographie von Satelliten aus mit unterschiedlichen Methoden ? Radar-Höhenmessung, Laser-Höhenmessung und Radar-Interferometrie ? abgetastet. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die sich ändernde Schwerkraft der Eisschilde mit Spezialsatelliten zu vermessen. So lassen sich Massenverluste oder -gewinne aufspüren. Eine dritte Messmethode modelliert das Schmelzen und Anwachsen des Eises anhand von Wetterdaten.
Um endlich ?Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen?, wie der Glaziologe Ian Joughin von der University of Washington sagt, wählte das Team um Shepherd aus den Datenmengen bestimmte Zeiträume und Regionen aus. Sie stellten fest, dass die Ergebnisse der verschiedenen Methoden recht gut übereinstimmten. ?Der Erfolg unseres Unternehmens ist der Bereitstellung präziser Satellitendaten durch die Weltraumagenturen zu verdanken?, sagt der Forscher. Nun sei man endlich in der Lage, verlässliche Angaben zur Veränderung der Eisschilde zu machen und die jahrelange Unsicherheit zu beenden.
Neben der absoluten Zahl ? der jährliche Eisverlust betrug demnach durchschnittlich 344 Milliarden Tonnen, was einem Meeresspiegelanstieg von 0,6 Millimetern entspricht ? stellte das Team auch regionale Trends fest. So stammten drei Viertel des polaren Schmelzwassers aus Grönland. ?In Grönland hat sich die Rate des Eisverlustes seit Mitte der 1990er Jahre fast verfünffacht?, sagt Co-Autor Erik Ivins vom Jet Propulsion Laboratory der NASA. Auch in der Westantarktis und auf der Antarktischen Halbinsel schmilzt das Eis immer schneller. Lediglich in der Ostantarktis, dem größten Teil des Kontinents, ist die Bilanz positiv. Dort ist der Eisschild in den letzten 20 Jahren etwas gewachsen. Allerdings konnte der Gewinn in der Ostantarktis die Verluste im westlichen Teil des Kontinents nicht ausgleichen: Insgesamt verlor auch die Antarktis 90 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr.
Warum das Eis immer schneller schmilzt, ist unklar. ?Wir verstehen es nicht vollständig”, sagt Ian Joughin. ?Wir brauchen noch längere Datenreihen, um bessere Vorhersagen zu machen.? Einige Beobachtungen deuten darauf hin, dass warmes Meerwasser von unten an einigen schwimmenden Eisschilden nagt und damit auch den Zerfall des Inlandeises beschleunigt. In seinem letzten Bericht von 2007 verzichtete der Weltklimarat IPCC darauf, eine obere Grenze für den Anstieg des Meeresspiegels bis zum Ende des Jahrhunderts anzugeben. Die neuen Daten sollen nun eine bessere Prognose erlauben.





