Text: Elena Bernard
Wenig Nahrung, kaum Wasser und eine schier unerträgliche Hitze: Wüsten fordern ihren tierischen Bewohnern alles ab. Wer sich hier behaupten kann, muss ausgeklügelte Strategien entwickelt haben – und wer diese bemerkenswerten Tiere finden will, muss genau hinschauen. Denn abseits von ikonischen Arten wie Kamelen sind die meisten Lebewesen in den trockensten Regionen der Erde eher klein. Zudem wagen sich nur die wenigsten von ihnen tagsüber an die heiße Oberfläche. Stattdessen überdauern sie die sonnenintensivsten Stunden in Bauen tief unter der Erde. Wenn sie die sichere Behausung doch einmal verlassen müssen, ist Schnelligkeit gefragt. Nicht umsonst stammen viele tierische Rekordhalter in Sachen Geschwindigkeit aus Wüstenregionen.
Die Silberameise
Geht es um das Fortbewegungstempo im Verhältnis zur Körpergröße, schlägt die in der Sahara heimische Silberameise (Cataglyphis bombycina) problemlos Geparden und Co: Obwohl sie nur etwa einen Zentimeter misst, kann sie rund 85 Zentimeter pro Sekunde zurücklegen. Zum Vergleich: Um diesen Rekord zu knacken, müsste es ein 1,30 Meter langer Gepard auf rund 400 Stundenkilometer bringen. Doch das schnellste Landtier der Welt schafft gerade einmal etwa 120. Je heißer der Sand ist, desto schneller rennen die Ameisen. Jeder einzelne Fuß berührt dabei jeweils nur für wenige Millisekunden den Boden. Bei hoher Geschwindigkeit verfallen die Tiere in eine Art Galopp, bei dem phasenweise alle sechs Beine gleichzeitig in der Luft sind.
Auf diese Weise kann die Silberameise selbst in der heißen Mittagssonne der Sahara auf Nahrungssuche gehen. Und das lohnt sich. Denn gerade in den wärmsten Stunden des Tages verenden zahlreiche andere Insekten in der Wüste. Auch wenn sich die meisten Tiere zu dieser Zeit in ihren Bauten verstecken, gibt es immer wieder einige unvorsichtige Exemplare, die sich dennoch hinausgewagt oder es nicht rechtzeitig zurückgeschafft haben. Oft werden auch Fluginsekten in das heiß-trockene Gebiet geweht und sterben dort. Das sechsbeinige Aufräumkommando kann diese Leichname dann innerhalb kürzester Zeit bergen und zum Verzehr in den eigenen Bau transportieren – lange, bevor sich die Konkurrenz in den kühleren Abendstunden wieder hervorwagt.
Doch Geschwindigkeit ist dabei nicht alles: Um bei Bodentemperaturen von teilweise über 60 Grad Celsius unterwegs zu sein, hat die Silberameise eine Reihe weiterer Anpassungen entwickelt. Ihre langen Beine helfen ihr, ihren Körper möglichst weit vom heißen Wüstensand entfernt zu halten. Um zudem möglichst viel Hitze zu reflektieren, ist ihr gesamter Körper mit feinen, silbrig glänzenden Härchen bedeckt, die der Ameise auch ihren Namen eingebracht haben.
Trotz all dieser Maßnahmen kommt es jedoch häufig vor, dass die Körpertemperatur der kleinen Wüstenbewohner auf über 50 Grad Celsius steigt. Für beinahe jedes andere Tier der Erde wäre das tödlich. Denn bei diesen Temperaturen denaturieren lebenswichtige Eiweiße im Körper und verlieren damit unwiederbringlich ihre Funktion.
Doch die Silberameise hat vorgesorgt: Schon bevor sie ihren Bau verlässt, produziert ihr Körper sogenannte Hitzeschockproteine. Diese lagern sich an andere Proteine an und verhindern, dass sie ihre Struktur verlieren und verklumpen.
Auch andere Lebewesen einschließlich uns Menschen besitzen solche Hitzeschockproteine. Normalerweise werden diese jedoch erst als Reaktion auf Hitzestress produziert und nicht schon prophylaktisch. Bei der extremen Hitze der Wüste wäre das aber bereits zu spät. Nur durch die Vorsorge kann die Silberameise Körpertemperaturen zwischen 53 und 54 Grad Celsius tolerieren.
Die Ägyptische Dornschwanzagame
Auch die Ägyptische Dornschwanzagame (Uromastyx aegyptia), die unter anderem in den Wüsten Ägyptens lebt, kann außergewöhnlich hohe Körpertemperaturen erdulden. Mit 47 Grad Celsius kommt sie zwar nicht an die Silberameise heran, liegt aber für Reptilien im oberen Bereich. Um ihre Körpertemperatur zu regulieren, hat auch sie eine clevere Strategie entwickelt. Statt auf silberne Härchen setzt sie auf einen flexiblen Farbwechsel. Um morgens auf Betriebstemperatur zu kommen, färbt sich die Dornschwanzagame dunkel und nimmt so besonders viel Sonnenenergie auf. Sobald die Sonne jedoch höher steigt und heißer brennt, wird die wechselwarme Verwandlungskünstlerin immer heller und erhitzt sich dadurch langsamer.
Zur Mittagszeit genügt allerdings auch dieser Trick nicht mehr und die Dornschwanzagame muss sich in schattige Verstecke zurückziehen. Dazu gräbt sie bis zu vier Meter tiefe Baue, in denen die Temperaturen auch tagsüber angenehm bleiben. Mehrere Ausgänge garantieren, dass sie auch bei Angriffen sicher entkommen kann. Doch Fressfeinde vergreifen sich nur selten an der kräftigen Echse. Denn auch wenn sie als reiner Pflanzenfresser von eher friedlichem Gemüt ist und lieber flüchtet als kämpft, kann sie sich im Notfall wirksam verteidigen. Dabei nutzt sie ihren kräftigen, mit Dornen besetzten Schwanz, der ihr ihren Namen eingebracht hat. Doch der Schwanz ist viel mehr als nur eine Waffe: Er dient als wichtiger Energiespeicher, in dem die Echse in guten Zeiten reichlich Fett einlagert. Darauf kann sie zurückgreifen, wenn die Nahrung knapp wird.
Die Dornschwanzagame ist eine Pflanzenfresserin und deckt ihren Flüssigkeitsbedarf vor allem durch das in den Pflanzen gespeicherte Wasser. Auf Trinken verzichtet sie dagegen weitgehend, muss sich also nicht auf die schwierige Suche nach Wasserstellen begeben. Stattdessen geht sie mit dem aus der Nahrung aufgenommenen Wasser extrem sparsam um. Ihre Ausscheidungen sind sehr konzentriert und um überschüssiges Salz loszuwerden, besitzt sie spezielle Drüsen an der Nase. Einen kleinen Teil ihres Flüssigkeitsbedarfs kann sie sogar ganz ohne extern aufgenommenes Wasser decken: Denn ähnlich wie ein Verbrennungsmotor Oxidationswasser freisetzt, entsteht auch bei der Verbrennung von Fett Wasser.
Die Merriam-Kängururatte
Während dieses sogenannte metabolische Wasser für die Dornschwanzagame nur einen kleinen Teil zum Flüssigkeitshaushalt beiträgt, hat ein anderes Wüstentier die Nutzung perfektioniert: Die Merriam-Kängururatte (Dipodomys merriami) deckt fast ihren gesamten Wasserbedarf auf diese Weise. Das kleine Säugetier, das zur Familie der Taschenmäuse gehört und unter anderem in der Chihuahua-Wüste an der Grenze zwischen den USA und Mexiko vorkommt, ernährt sich überwiegend von Samen, die zwar von Natur aus nur wenig Wasser, dafür aber viel Energie enthalten. Durch die Verbrennung der Nährstoffe kann die Merriam-Kängururatte aus einem Gramm Fett etwa einen Milliliter Wasser gewinnen. Ein Gramm Kohlenhydrate bringt immerhin 0,6 Milliliter an Stoffwechselwasser.
Wie bei den meisten Wüstenbewohnern arbeiten die Nieren der Kängururatte sehr effizient, sodass nur sehr wenig wertvolle Flüssigkeit mit dem Urin ausgeschieden wird. Ein kaum vermeidbares Wasserleck ist dagegen die Atmung. Denn so sparsam ein Wüstentier auch ist, atmet es mit jedem Atemzug auch Wasserdampf aus. Doch selbst dafür hat die Merriam-Kängururatte eine clevere Rückgewinnungsstrategie entwickelt: In ihren unterirdischen Bauten lagert sie in eigens dafür angelegten Kammern Samen ein, die die verfügbare Luftfeuchtigkeit aufnehmen. Beim späteren Verzehr der Samen nehmen die Tiere das zuvor ausgeatmete Wasser somit teilweise wieder zu sich. Damit die Luftfeuchtigkeit im Bau nicht entweicht und es außerdem nicht zu warm wird, verschließt die kleine Einzelgängerin tagsüber alle Eingänge.
Ihre Nahrungssuche an der Oberfläche beschränkt die Merriam-Kängururatte auf die Nachtstunden. Auf zwei Beinen hüpft sie dann schnell durch die Dunkelheit, stets auf der Hut vor Fressfeinden wie Eulen, Füchsen und Schlangen. Findet sie Pflanzensamen, stopft sie sich damit ähnlich wie ein Hamster die Backen voll. Daheim im sicheren Bau entleert sie ihre Backentaschen, um die Ausbeute zu verzehren oder einzulagern.
Wasserstellen oder durch Regen entstandene Pfützen ignoriert die Kängururatte. Sie kann auf Trinken verzichten und das Verweilen an einer Wasserstelle würde ein unnötiges Risiko bergen, einem Beutegreifer zum Opfer zu fallen.
Der Wasserreservoirfrosch
Für den Wasserreservoirfrosch (Cyclorana platycephala) ist frisch vom Himmel gefallenes Wasser der einzige Grund, überhaupt zum Leben zu erwachen.
Obwohl es wohl kaum eine Gruppe von Landtieren gibt, für die Wüsten ungünstiger sind als für Amphibien, hat sich der Wasserreservoirfrosch perfekt an ein Leben in den Wüsten Australiens angepasst. Tief vergraben im Boden unter ausgetrockneten Flussläufen und nur saisonal vorhandenen Tümpeln, kann er bis zu fünf Jahre überdauern, bis endlich wieder Regen fällt, den Boden durchdringt und den Frosch aus seiner Starre erweckt. Dann beginnt für ihn die Zeit seines Lebens: Er frisst sich mit Würmern, Insekten und kleineren Fröschen voll, trinkt nach Herzenslust und begibt sich auf Brautschau. Mit lang gezogenen Rufen, die an ein startendes Motorrad erinnern, lockt er Weibchen an.
Nach erfolgreicher Paarung legt das Weibchen in die nur wenige Wochen existierenden Gewässer seine Eier. Für den Nachwuchs gilt es, keine Zeit zu verlieren. Während das Heranwachsen von der Kaulquappe bis zum erwachsenen Tier bei den meisten Froscharten etwa drei Monate dauert, sind die Jungtiere des Wasserreservoirfroschs bereits nach einem Monat voll entwickelt – meist gerade rechtzeitig, bevor sich ihre Kinderstube wieder in trockenen Wüstenboden verwandelt.
Wenn das Wasser zu schwinden beginnt, bereiten sich junge und alte Wasserreservoirfrösche darauf vor, erneut für unbestimmte Zeit unter der Erdoberfläche zu verschwinden. Ein letztes Mal trinken sie, so viel sie können, und lagern dabei große Mengen Wasser in ihrer riesigen Harnblase sowie in Taschen unter ihrer Haut ein. Dann graben sie sich mithilfe ihrer kräftigen Beine und ihrer mit spaten-artigen Strukturen ausgestatteten Füße tief in den Boden. Bis zum nächsten Regen bleibt ihr Körper in einem energiesparenden Ruhezustand. Abgestorbene äußere Hautschichten bilden eine Art wasserdichten Kokon, der die Tiere vor der Austrocknung bewahrt.
Vor natürlichen Feinden ist der Wasserreservoirfrosch in seinem tief unter der Erde gelegenen Ruhequartier üblicherweise sicher. Doch ausgerechnet seine Fähigkeit, Wasser zu speichern, kann ihm zum Verhängnis werden: In besonders trockenen Zeiten nutzen die australischen Ureinwohner die Amphibien als Wasserquelle. Sie graben die Frösche aus und bringen sie durch leichten Druck mit der Hand dazu, ihr gespeichertes Wasser abzugeben. Danach werden die Frösche vorsichtig wieder in die Freiheit entlassen – wo ihre Überlebenschancen ohne ihre Wasserreserven allerdings gering sind.
Das Fleckenflughuhn
Auch das Fleckenflughuhn (Pterocles burchelli) ist für die Aufzucht seiner Jungtiere auf Wasser angewiesen. Doch das ist in weiten Teilen seines Lebensraums in der Kalahari-Wüste Mangelware. Erwachsene Vögel fliegen deshalb oft viele Kilometer, um das nächste Wasserloch zu erreichen. Der neu geschlüpfte Nachwuchs ist dazu jedoch nicht in der Lage. Diese Einschränkung hindert das Flughuhn aber nicht daran, sein Nest in Gebieten zu bauen, in denen weit und breit kein Wasser zu finden ist.
Damit die Küken etwas zu trinken bekommen, nimmt der Vogelvater lange Reisen auf sich. Während das Weibchen beim Nest bleibt, fliegt er bis zu 30 Kilometer zur nächsten Wasserstelle. Dort legt er sich bäuchlings in die Nässe, sodass sich sein Gefieder mit Wasser vollsaugt. Seine Federn haben dafür eine spezielle Struktur: An der Außenseite sind sie weich mit fransigen Rändern, die Wasser schnell aufnehmen. Die innere Struktur ist im trockenen Zustand eng gewunden und entfaltet sich zu einer dichten Matte, sobald sie Wasser aufnimmt. Dadurch wirken die Federn wie ein Schwamm. Etwa 25 Milliliter Wasser kann ein einzelnes Männchen so in seinem Brustgefieder speichern – etwa 15 Prozent seines Körpergewichts.
Die Struktur der Federn sorgt auch dafür, dass die wertvolle Fracht auf dem kilometerlangen Rückweg durch die trockene Wüstenluft gut geschützt ist und so wenig wie möglich verdunstet. Am Nest angekommen, bietet der Vogelvater seinen Küken die Brust dar. Mit ihren kleinen Schnäbeln saugen sie geschickt das Wasser aus seinem Gefieder und stillen so ihren Durst.
Leben in perfekter Anpassung
So lebensfeindlich Wüsten auf den ersten Blick erscheinen, so eindrucksvoll zeigen ihre Bewohner, wozu die Evolution fähig ist. Jede der vorgestellten Arten hat auf ihre eigene Weise Lösungen für dieselben Grundprobleme gefunden: Hitze, Wassermangel und knappe Nahrung. Manche setzen auf Tempo, andere auf Sparsamkeit, wieder andere auf Geduld. Dabei wird deutlich: Es gibt nicht die eine perfekte Anpassung an die Wüste. Stattdessen existiert eine Vielzahl von Strategien, die nebeneinander funktionieren. So entstehen ganz unterschiedliche ökologische Nischen.
Gerade in Zeiten globaler Umweltveränderungen lohnt sich der Blick auf diese kleinen Überlebenskünstler. Sie zeigen, wie flexibel Leben sein kann – aber auch, wie eng diese Anpassungen an bestimmte Bedingungen geknüpft sind. Denn so robust Wüstentiere wirken mögen: Schon kleine Veränderungen in Niederschlagsmustern oder Temperaturen können ihre fein austarierten Strategien ins Wanken bringen. Die Wüsten unserer Erde sind damit nicht nur Orte des Überlebens am Rande des Möglichen, sondern auch faszinierende Ökosysteme in einem sensiblen Gleichgewicht, das es zu schützen gilt.






