von DIRK EIDEMÜLLER
Es ist eines der für uns bedeutendsten Partikel im Reich der Materie, aber schwer zu vermessen und als Einzelteilchen nicht einmal stabil: das Neutron. Nun ist einem internationalen Team von Kernphysikern gelungen, ein Quartett aus diesen elektrisch neutralen Kernbausteinen zu erzeugen. Dieses Tetraneutron soll helfen, wichtige Fragen zur Theorie der Atomkerne zu beantworten.
Alle Atomkerne bestehen bekanntlich aus Protonen und Neutronen – außer dem leichtesten Element: Wasserstoff hat nur ein positiv geladenes Proton. Allerdings existieren auch schwerere Wasserstoff-Varianten, bei denen sich zum Proton noch ein oder sogar zwei Neutronen gesellen. Diese Isotope heißen Deuterium und Tritium. Sie besitzen die gleichen chemischen Eigenschaften wie der normale Wasserstoff; lediglich ihre Neutronenzahl unterscheidet sich.
Solche Varianten gibt es bei allen Elementen. Allerdings muss ein Atomkern Protonen und Neutronen in einem ausgewogenen Verhältnis enthalten, sonst ist er instabil, also radioaktiv, und zerfällt. Denn die Starke Wechselwirkung – die stärkste Kraft im Universum, die Atomkerne zusammenhält – wirkt zwar grundsätzlich zwischen allen Protonen und Neutronen. Aber aufgrund fundamentaler physikalischer Symmetrien „klebt“ sie nur eine Mischung aus Protonen und Neutronen stabil aneinander. Bei zwei gleichartigen Teilchen, also Paaren von entweder Protonen oder Neutronen, erzeugt sie keine dauerhafte Bindung. Deshalb existieren stabile Atomkerne wie Helium, das aus zwei Protonen und zwei Neutronen besteht – jedoch keine stabilen Gebilde aus lediglich zwei oder mehr Protonen beziehungsweise aus zwei oder mehr Neutronen.
Diese Naturgesetzmäßigkeit macht den Kernphysikern das Leben schwer: Es gibt zwar eine Reihe von theoretischen Ansätzen, um die komplizierten Zusammenhänge in Atomkernen zu erforschen. Aber sie alle benötigen eine Beschreibung von Mehrteilchen-Wechselwirkungen, um in diesem Gewirr aus Protonen und Neutronen präzise Aussagen treffen zu können.
Experimentell lassen sich bei bekannten Atomkernen zwar Wechselwirkungen zwischen zwei Protonen und einem Neutron gut charakterisieren wie auch umgekehrt, und ebenso zwischen zwei Protonen und zwei Neutronen. Doch bei schwereren Atomkernen mit vielen Neutronen spielen auch Interaktionen von drei oder mehr Neutronen eine wichtige Rolle. Bislang gab es keine Möglichkeit, dies isoliert zu erforschen.
Ein neutrales Quartett
„Ein Tetraneutron, das aus nichts weiter als vier Neutronen besteht, ist der ideale Kandidat, um dieses Verhalten zu untersuchen“, sagt Roman Gernhäuser, der als Kernphysiker an der Technischen Universität München arbeitet. Ihm und seinen Kollegen ist es erstmals gelungen, solche flüchtigen Viererpakete nachzuweisen.





