Das Sekret seiner Keimdrüsen entfesselt den Kerl im Mann: Testosteron kurbelt das Liebesleben an, macht Knochen hart, lässt Muskeln schwellen und Konkurrenz alt aussehen. Jetzt kommt aus Holland die Erkenntnis, dass das „Mucki-Hormon” Frauen forsch und draufgängerisch werden lässt.
Testosteron, das stärkste männliche Sexualhormon (Androgen), wird hauptsächlich in den Hoden produziert und ist für Bildung und Wartung der Geschlechtsmerkmale zuständig. Evas Töchter werden über ihre Nebennieren mit einem kleinen Schuss des männlichen Elixiers bedacht. Tierversuche in den letzten Jahren haben einige unerwartete Effekte des Testosterons auf das Verhalten gezeigt: Das Hormon mindert die Angst vor Bedrohung und Strafe und lässt Tiere eiskalt alles auf eine Karte setzen.
Die „gedopten” Tiere jagen besonders hartnäckig hinter allen Formen von Belohnungen und angenehmen Erfahrungen her, wie der Neurobiologe Jack van Honk von der Universität Utrecht ermittelte. Die Androgengabe scheint sogar süchtig zu machen: Ratten gieren förmlich nach testosteronhaltigen Injektionen.
Über die psychischen Wirkungen auf den Menschen war bislang viel weniger bekannt, räumt van Honk ein. Es gibt Hinweise, dass ein hoher Testosteronspiegel bei beiden Geschlechtern mit einer Tendenz zu aggressivem und antisozialem Verhalten einhergeht. Gewaltverbrecher mit psychopathischen Persönlichkeitsmerkmalen haben besonders viel Testosteron im Blut.
Offen war, ob der Stoff auch beim Menschen die Belohnungsabhängigkeit und die Unempfindlichkeit gegenüber Bestrafung steigert. Um diese Frage zu beantworten, verabreichte van Honk zwölf jungen Frauen eine Dosis von 0,5 Milligramm Testosteron. Das Experiment beschränkte sich auf weibliche Probanden, weil Männer einen zehn Mal höheren Testosteronspiegel als Frauen haben und deshalb oft viel schwächer auf eine zusätzliche Gabe reagieren. Bei den weiblichen Probanden verzehnfachte sich die Androgenkonzentration im Blut 15 Minuten nach Testbeginn und sank erst anderthalb Stunden später wieder auf das ursprüngliche Niveau.
Während die Moleküle der Männlichkeit durch ihren Körper zirkulierten, wurden die Testteilnehmerinnen in eine Casino ähnliche Situation versetzt. Alle hatten ein Guthaben von 2000 US-Dollar und die Aufgabe, den Einsatz durch das Ziehen von Spielkarten zu mehren. Es standen vier Kartenstapel zur Verfügung. Zwei „schlechte” Stapel warfen zunächst ein paar satte Gewinne ab, verdonnerten die Spielerinnen dann aber in unvorhersehbarer Reihenfolge zu hohen Strafzahlungen. Die Karten in den beiden anderen Stapeln schütteten zwar nur bescheidene Gewinne aus, verhängten aber auch bloß leichte Bußgelder.
Psychisch und neurologisch gesunde Spieler begreifen nach einer Weile, wie die Aktien stehen und bedienen sich am Ende nur an den guten Stapeln. Immer wenn sie zu einem schlechten Stapel greifen wollen, schießt ihre elektrische Hautreaktion, ein Signal der vegetativen Erregung, in die Höhe. Van Honk ging davon aus, dass die Frauen unter dem Einfluss von Testosteron verstärkt auf die dicken Gewinne schielen und die drohenden Verluste beiseite schieben würden.
Er behielt Recht: Das Androgen stiftete die Frauen zu einer tollkühnen Spielstrategie an. Sie griffen viel häufiger zu den unvorteilhaften Stapeln. Ihre Sensibilität für Bestrafung durch Geldverlust war offenbar herabgesetzt, während sich ihre Belohungsabhängigkeit deutlich gesteigert hatte. Wenn sie ihre Entscheidungen erklären sollten, kamen Antworten wie „Es macht Spaß, Risiken einzugehen” oder „Man weiß nie, wie die Karten fallen.” ■
Rolf Degen





