Das verheerende Erdbeben am 26. Dezember 2004 in Asien war noch stärker als bislang angenommen: Nach aktuellen Abschätzungen amerikanischer Geophysiker erschütterte das Sumatra-Beben die Region fast dreimal stärker als bisher berechnet. Seit der Aufzeichnung von Erderschütterung war nur noch das Chilebeben 1960 mit einem Wert von Magnitude 9,5 auf der Richter-Skala gewaltiger.
“Das Beben letzten Dezember war etwa 2,5-mal stärker, als es in ersten Abschätzungen berichtet wurde”, schreiben Seth Stein und Emile Okal in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift
Nature (Vol. 434, S. 582). Die Wissenschaftler vom
Department of Geological Sciences der Northwestern University in Evanston stuften damit den Wert von Magnitude 9,0 auf fast 9,3 hoch. Grundlage ihrer neuen Berechnung sind Oberflächenschwingungen, zu denen das Sumatra-Beben die Erde angeregt hatte. Noch Tage nach dem Beben konnten diese Vibrationen ? eine Mode der Eigenschwingungen der Erde ? mit einer Periode von 300 Sekunden in den weltweit verteilten Erdbebenstationen aufgezeichnet werden. Ausgehend von der Höhe der Tsunami-Wellen von bis zu 25 Metern schließen die Wissenschaftler auf eine vertikale Verschiedbung der Erdplatten um 12 bis 15 Metern.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Region von Aceh kurzfristig wieder zu einem Beben dieser Stärke komme, schätzen die Forscher als gering ein. Etwas alle 400 Jahre wäre mit einer vergleichbaren Spannungsentladung zwischen der Indischen Platte und der Birma-Mikroplatte zu rechnen.
Gerade das erneute starke Erdbeben von dieser Woche, das nach Schätzungen bis zu 2.000 Todesopfer forderte, zeige, dass verlässliche Voraussagen von Erschütterungen trotz jahrelanger Forschung noch immer nicht möglich sind. Allerdings erhoffen sich Geophysiker von einem ambitionierten Bohrprojekt in Kalifornien genauere Informationen zu genau diesem Zweck. Erstmals in der Geschichte der Bebenforschung treiben die Wissenschaftler hier eine Bohrung zum San-Andreas-Graben voran, bei der Bohrkerne direkt aus den Erdbebenherden in einer Verwerfung gewonnen werden sollen.
Jan Oliver Löfken