Wirkt sich die Raumfahrt auch auf unseren Alltag aus? Würden wir es spüren, wenn alle Satelliten und Raumsonden plötzlich abgeschaltet werden?
Oberflächlich gesehen würde sich wenig ändern. Wir könnten nach wie vor auf dem Fernseher das laufende Programm verfolgen – vorausgesetzt wir empfangen nicht über eine Satellitenschüssel. Schon bei der Nachrichtensendung würden wir merken, dass die Mitteilungen nicht mehr ganz so aktuell sind. Wir sind gewohnt, Informationen aus den fernsten Winkeln der Welt innerhalb weniger Stunden als Filmbeiträge auf dem Bildschirm zu sehen. Das geht nur, wenn schnelle Kommunikationskanäle auch dort zur Verfügung stehen, wo das Land nicht mit Glasfaserkabeln vernetzt ist. Aber selbst hier bei uns ist es für die TV-Stationen am einfachsten, einen Übertragungswagen einzusetzen und über Satelliten zu kommunizieren. Der Wetterbericht fiele deutlich knapper aus, mit einer gezeichneten Wetterkarte, wo sonst das Satellitenbild erscheint. Statt einer Vorhersage von drei bis fünf Tagen, die besonders in der Landwirtschaft, Seefahrt oder Luftfahrt mit hoher Zuverlässigkeit benötigt wird, gäbe es nur vage Aussagen mit geringer Trefferquote.
Bei der Fahrt im Auto würde die bequeme Satellitennavigation nicht zur Verfügung stehen, und die Staus wären deutlich länger, weil die Mauterfassung nicht funktionierte und deswegen mehr Lastwagen unterwegs wären. Telefonierten wir dann im Büro mit einem Kollegen jenseits des Atlantiks, so könnte wie früher starkes Rauschen oder ein störendes Echo das Gespräch erschweren.
All dies ist eher lästig, aber doch nicht so schwerwiegend, dass die Raumfahrt unverzichtbar erscheint. Bis plötzlich das Licht ausgeht: Unsere Stromnetzwerke arbeiten weiträumig international zusammen, was eine hohe Präzision in der Synchronisation zwischen den weit verstreuten Energieerzeugern erfordert. Heute werden Navigationssatelliten, die immer Atomuhren höchster Präzision an Bord haben, als weltweit verfügbare Quelle für exakte Zeitsynchronisation in den Stromnetzwerken eingesetzt.
Hier sieht man, dass die Raumfahrt ihre wirkliche Stärke nicht auf den Gebieten entfaltet, die eher lokal und zeitnah sind, sondern dort, wo große zeitliche und vor allem räumliche Maßstäbe eine Rolle spielen. Da die Menschheit zu einem globalen Dorf zusammenwächst, nehmen auch die Probleme globale Dimensionen an. Es wird also ein erdumspannendes Werkzeug benötigt, um die Symptome festzustellen und eine Diagnose zu ermöglichen. Die Raumfahrttechnik mit ihrer einzigartigen Beobachtungsposition im Weltraum ist dazu in der Lage.
Russland schießt die meisten Raketen ins Weltall
Die Luft- und Raumfahrt ist als Industriebranche relativ klein. Nach der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) erbringt sie in den G8-Ländern weniger als 4 Prozent der Wertschöpfung im Produktionsbereich und weniger als 0,6 Prozent in der Gesamtwirtschaft. Die Dominanz der USA ist ungebrochen: mit den jährlichen Gesamtausgaben für die zivile und militärische Raumfahrt liegen sie mit 64 Prozent des Weltvolumens an der Spitze. Allerdings muss die Stärke der Raumfahrt betreibenden Länder auch an ihrer Fähigkeit im hart umkämpften Wettbewerb von Raketenstarts gemessen werden. Russland mit seinen 2 Prozent am Weltmarkt hat in den letzten Jahren die meisten Satelliten in den Weltraum transportiert und mit seiner großen Flotte an Raketen Europa als Weltmarktführer im kommerziellen Bereich abgelöst. Im Zeitraum Januar 2000 bis Dezember 2005 sind mit 382 Raketenstarts 540 Satelliten für staatliche und kommerzielle Kunden transportiert worden.
Das Satellitengeschäft für Telekommunikation, Navigation und Erdbeobachtung stellt das wichtigste Geschäft für die Raumfahrtindustrie dar. 1998 wurden weltweit 66 Milliarden Dollar umgesetzt, damals war die Steigerung zum Vorjahr noch 15 Prozent. Der jährliche Zuwachs verlangsamte sich in den folgenden Jahren stetig bis zum bisherigen Höchstumsatz 2002 von 106 Milliarden Dollar, was für den Zeitraum 1998 bis 2002 immerhin noch eine Zunahme von durchschnittlich über 10 Prozent pro Jahr ausmachte. Der Umsatz ging dann aufgrund der weltweiten wirtschaftlichen Rezession auf zirka 100 Milliarden Dollar im Jahr 2003 zurück und stabilisierte sich in diesem Bereich.
Die Satelliten selbst bringen viel weniger Geld ein als ihre Dienstleistungen
Der weltweite Umsatz der Satellitenindustrie im Jahr 2004 belief sich auf 97,2 Milliarden Dollar, aufgeteilt auf die Kategorien Satelliten/Nutzlasten (10,2 Milliarden Dollar), Raketen/Transport (2,8 Milliarden Dollar), Betriebs-/Bodensegmente (23,3 Milliarden Dollar) und Dienste (60,9 Milliarden Dollar). Der Umsatz in den beiden ersten Kategorien, mit je etwa gleichen Anteilen an öffentlicher und privater Finanzierung von zusammen 13 Milliarden Dollar, ist wegen des harten Wettbewerbs und teilweise staatlicher Subventionierung stark geschrumpft (von 24,6 Milliarden Dollar in 1998). Mit Satelliten und den für sie benötigten Raketenstarts wird also deutlich weniger verdient als im daraus resultierenden Dienstleistungsgeschäft, vor allem bei direkt verteilenden Fernseh- und Rundfunksatelliten, Telefon- und sonstigen Übertragungsdiensten. Daher konzentrieren sich die größeren Raumfahrtfirmen und neue Betreibergesellschaften zunehmend auf Letzteres, neben den bisherigen privaten Investoren (Banken, Venture Capital Firmen, Microsoft Inc.).
Zum Vergleich: Nach einer Schätzung der International Telecommunication Union (ITU) wurden im selben Zeitraum auf dem Telekommunikationsmarkt weltweit rund 1400 Milliarden Dollar umgesetzt, 78 Prozent für Dienstleistungen und 22 Prozent für Ausrüstung. Dies bedeutet gerade mal 7 Prozent für den Satellitenbereich.
Der weltweite Umsatz der Raumfahrtindustrie im Jahr 2004 wurde laut einer Untersuchung der in Paris angesiedelten Euroconsult auf zirka 150 Milliarden Euro geschätzt. Diese Zahl schließt die institutionellen Budgets der Regierungen und Raumfahrtagenturen für zivile und militärische Raumfahrt-Programme und Aktivitäten von 44 Milliarden Euro sowie die mit kommerziellen Raumfahrtaktivitäten erzielten Umsätze von zirka 100 Milliarden Euro in den Bereichen Telekommunikation (inklusive 37 Milliarden Euro Mehrwert durch Dienstleistungen), Navigation (7,3 Milliarden Euro) und Erdbeobachtung (3,2 Milliarden Euro) mit ein.
Die USA investieren 26 Mal mehr in die militärische Raumfahrt als Europa
Zivile Anwendungen machen mit 25 Milliarden Euro gegenüber den militärisch geprägten Anwendungen von 19 Milliarden Euro den größten Teil des institutionellen Budgets aus. Die drei westlichen Raumfahrtmächte dominieren den institutionellen Markt mit zirka 95 Prozent der globalen Einnahmen für zivile Anwendungen: die USA mit 16 Milliarden Dollar, Europa – das heißt ESA-, nationale und Eumetsat-Budgets zusammen – mit zirka 5,5 Milliarden Euro und Japan mit 2,4 Milliarden Dollar. Bei den militärischen Aufwendungen konzentrieren sich 95 Prozent des global verfügbaren Budgets auf die USA (17,5 Milliarden Dollar), gefolgt von Frankreich mit 480 Millionen Euro. Die gesamten europäischen militärischen Aufwendungen umfassen nur 650 Millionen Euro. Man kann also sagen, dass Europa die zweitgrößte Raumfahrtmacht im zivilen Bereich ist (43 Prozent der USA) und im militärischen Bereich ein Zwerg gegenüber den USA ist.
Es ist schwierig, Zahlen der Föderalen Russischen Raumfahrtbehörde FKA (bis 2004 Rosaviakosmos genannt) vergleichenden ökonomischen Betrachtungen zu unterziehen. Beträchtliche Einschnitte in den frühen 90er Jahren ließen erst ab 1995 das Budget auf einem absoluten Minimum stabilisieren. Erst ab 2004 ist wieder eine deutliche Zunahme um über 30 Prozent, gemessen im westlichen Maßstab auf zirka 300 Millionen US-Dollar, zu verzeichnen. China und Indien sind aufstrebende Raumfahrtmächte mit ehrgeizigen Programmen und stetig steigenden Budgets.
Entsprechend einer Untersuchung der Euroconsult geben die wichtigsten Raumfahrt betreibenden Staaten jährlich zirka 30 Milliarden Euro allein für die Raumfahrt-Infrastruktur aus. Zu diesen staatlichen Mitteln kommen noch Aufwendungen für Aufbau und Betrieb der Internationalen Raumstation ISS (geschätzt zirka 8 Milliarden Dollar pro Jahr plus 500 Milliarden Dollar pro Shuttle-Flug) und öffentliche Ausgaben für Forschungslaboratorien, Simulations- und Kontrollzentren, Raumfahrtagenturen et cetera hinzu. Dies sind hauptsächlich „ öffentliche” Mittel, von denen der überwiegende Anteil von den USA kommt, gefolgt von Europa, Japan und Russland. Diese Staaten werden in der Zukunft ihre Mittel nicht in größerem Maße aufstocken, dafür werden Länder wie China, Indien und andere verstärkt in das Raumfahrtgeschäft einsteigen. Bei internationalen Forschungs- und Erkundungsprogrammen werden die Staaten verstärkt zusammenarbeiten; hierzu ist das ISS-Programm ein wichtiger Indikator. Bei kommerziellen und sicherheitsrelevanten Unternehmungen wird der Wettbewerb eher größer als bisher.
Kommerzielle Produkte finanzieren die deutsche Raumfahrt
Es besteht kein Zweifel, dass das Verhältnis von staatlichen und industriellen Aufwendungen aus Gründen des ständig steigenden Marktes und eines enormen Wertschöpfungszuwachses bei Anwendungen wie Telekommunikation, Navigation, direktverteilenden Fernseh-Rundfunk-, Mobilfunk- und Umweltbeobachtungs-Satelliten sowie Raumtransportsystemen sich umkehrt. Dies gilt auch für den Fall, dass die staatlichen Mittel auf demselben Niveau bleiben sollten. Hier hat Deutschland einen großen Nachholbedarf: Gemessen an den gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben (FuE) des deutschen Bundesforschungsministerium (BMBF) hat die Raumfahrt sehr an Schubkraft verloren. Hatte die deutsche Raumfahrt 1991 einen Budget-Anteil von 17,3 Prozent der FuE-Ausgaben (von 920 Millionen Euro), so betrug dieser im Jahr 2002 nur noch 12,8 Prozent, das heißt 690 Millionen Euro. Im selben Zeitraum stiegen die gesamten FuE-Aufwendungen des BMBF um 36 Prozent, für die Raumfahrt stiegen sie nur noch um 0,5 Prozent (ohne Inflationsausgleich). Der Anteil für nationale Forschung, Entwicklung und Projekte sank dadurch von 40 Prozent auf zirka 25 Prozent, der größere Anteil geht an die ESA und fließt größtenteils wieder zurück.
Die deutsche Raumfahrtindustrie finanziert sich daher mit vergleichsweise vielen kommerziell motivierten Projekten, welche einen Geschäftsanteil von mehr als 45 Prozent ausmachen. Insgesamt beschäftigte die Branche 1999 zusammen 6100 Menschen (2004: 5000) und setzte 1,38 Milliarden Euro um. Weltweit waren 2002 etwa 250 000 Menschen in der Raumfahrtindustrie beschäftigt, davon die Hälfte in den USA und 2004 zirka 30 000 in Europa. Ungefähr die Hälfte aller Beschäftigten arbeitet in der Produktion von Satelliten, zirka 90 000 Menschen produzieren Raumtransportsysteme und Bodenausrüstungen. ■
ERNST MESSERSCHMID (unten links) ist Professor am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart, 1985 war er Astronaut an Bord der Raumfähre Challenger (Spacelab Mission D1). BERNDT FEUERBACHER ist Professor am neuen Institut des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt in Bremen. Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch der beiden Raumfahrt-Experten „Vom All in den Alltag – Der Weltraum als Labor und Marktplatz” (Motorbuch-Verlag Stuttgart, 250 S., € 29,90).
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· Mit Dienstleistungen im Weltraumgeschäft wird viel Geld verdient, aber nicht mit Satelliten und Raketen.
· Europa ist die zweitgrößte zivile Raumfahrtmacht.
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jährliche zivile und militärische Raumfahrtbudgets – gemessen am Bruttosozialprodukt und gemittelt über die Jahre 2001 bis 2003. „Europa” meint die Mitgliedsstaaten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA.
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Die Summe und der Durchschnitt der in den letzten Jahren ins All beförderten Satellitenmasse zeigen den Trend zu größeren Satelliten. Die Zahl der jährlichen Satellitenstarts scheint sich auf den gegenwärtigen Wert einzupendeln: 2005 waren von 55 Starts 18 für kommerzielle Kunden, 5 davon mit der europäischen Rakete Ariane 5 (für 10 Satelliten). Dies entspricht 33 Prozent. Russland ist mit 44 Prozent Weltmarktführer im kommerziellen Sektor.





