Zweimal im Jahr fahre ich nach Italien, um meinen Freund Franco zu besuchen. Natürlich haben wir immer ein wissenschaftliches Projekt, das wir bearbeiten. Aber wir sind auch gerne zusammen. Er kennt unglaubliche Geschichten und erzählt sie so gut, dass nicht immer klar ist, ob sie wahr sind, oder ob er sie – um sie besser erzählen zu können – zurecht gedichtet hat. Wir besuchen mehrfach am Tag den Lieblingsaufenthaltsort eines Italieners: eine Bar. Wenn Franco sagt „Beviamo un caffè!”, dann liegt in seiner Stimme eine raffinierte Mischung aus Aufforderung, Beschreibung einer Notwendigkeit und einem unabweisbaren Bedürfnis, der ich ich nie widerstehen kann. Ganz selten – nur wenn er bester Stimmung ist –, bestellt er sich etwas Alkoholisches: einen Ramazzotti, die italienische Antwort auf Jägermeister.
Eines Abends saß Franco da, bester Laune, bereit, Geschichten ohne Ende zu erzählen, und hielt seinen Ramazzotti in dem charakteristischen hohen Glas in der Hand. Er trank ihn nicht, sondern setzte die dunkle Flüssigkeit durch eine geschickte Bewegung in Rotation. „Una forma matematica”, sagte mein Freund unvermittelt und schaute in sein Glas. Nun ist es keineswegs so, dass ich alles verstehe, was er sagt. Deshalb ging ich zunächst gar nicht darauf ein, sondern wartete einfach.
Er wiederholte: „Eine mathematische Form. Man benutzt sie für Teleskope.” Es war nicht so, dass ich jetzt mehr verstanden hätte. Aber er erklärte es mir.
„Schau mal!” Er hielt sein Glas hoch und brachte es in eine leichte, konstante Bewegung, so dass sich der Inhalt drehte und dabei eine wirklich schöne Form annahm: An den Wänden stieg die braune Flüssigkeit auf, dafür sank sie in der Mitte ab. Franco wartete, bis ich sein Kunststück gewürdigt hatte, und sagte dann: „Das ist die Form eines Paraboloids. Und das verwendet man für Teleskope.”
Ich hatte zwei Fragen: „Was bedeutet Paraboloid?” „Wenn du dir eine senkrechte Schnittfläche denkst, dann ist die Kurve, die der Ramazzotti macht, eine Parabel. Das entsprechende räumliche Gebilde heißt Paraboloid.”
Meine zweite Frage lautete: „Was hat das mit Teleskopen zu tun?” „Das müsstest du eigentlich wissen”, entrüstete er sich, war aber glücklich, es mir erklären zu dürfen. „Eine Parabel hat einen Brennpunkt, ein Paraboloid auch. Das bedeutet: Licht, das senkrecht einfällt, bündelt sich im Brennpunkt.” Er hielt das Glas unter eine Lampe und versuchte, den Brennpunkt zu demonstrieren. „In der Astronomie benutzt man riesige solcher Parabolspiegel, um das bisschen Licht aus der Tiefe des Weltalls einzufangen und dann im Brennpunkt zu sammeln.”
Ich glaubte, verstanden zu haben: „Man schleift also einen großen Spiegel, der diese Ramazzotti-Form hat?”
„Du hast den Witz nicht verstanden! Man macht den Parabolspiegel aus Flüssigkeit. Und zwar aus Quecksilber, dem einzigen Metall, das bei normalen Temperaturen flüssig ist. Das riesige Ding, das einige Meter Durchmesser haben kann, versetzt man in Drehung. In eine ganz gleichmäßige Drehung. Dann bildet die Oberfläche ein Paraboloid. Wie beim Ramazzotti. Ein perfektes mathematisches Paraboloid. Nicht eines, das Menschen oder Maschinen geschliffen haben.” Seine Verachtung war gut gespielt.
Franco war zufrieden. Mit seiner Geschichte und mit sich selbst. Aber vor allem damit, dass er ein Stück wunderbare Anwendung der Mathematik bewusst gemacht hatte. Und jetzt – endlich – nahm er seinen Ramazzotti, drehte ihn noch einmal, roch daran, und trank den ersten Schluck.





