Der natürliche Wechsel von Tag und Nacht ist ein wichtiger Zeitgeber: Unsere innere Uhr, unser Schlaf-Wach-Rhythmus und unzählige Stoffwechselprozesse werden durch den Einfluss des Tageslichts reguliert. Morgens sorgt Licht dafür, dass wir in Gang kommen, abends löst das bei Dunkelheit ausgeschüttete Schlafhormon Melatonin die nötige Bettschwere aus. Auch Körpertemperatur, Hormone, Immunsystem und unsere Verdauung arbeiten im Rhythmus dieses Wechsels.
Die halbjährliche Zeitumstellung zwischen Normalzeit und Sommerzeit bringt diesen Rhythmus durcheinander - mit spürbaren Folgen für viele Menschen. Schlafstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme häufen sich und sogar die Zahl der Herzinfarkte steigt, wie Studien zeigen. Deshalb wird schon seit Jahren immer wieder darüber diskutiert, die Zeitumstellung ganz abzuschaffen.
Ganzjährig Sommerzeit oder Standardzeit?
„Aber dann müssen wir eine weitere wichtige Entscheidung treffen: Nach welcher Zeit wollen wir leben?“, fragt Raymond Lam von der University of British Columbia in Vancouver. Beide Möglichkeiten haben Vor- und Nachteile: Eine ganzjährige Sommerzeit sorgt dafür, dass es abends länger hell bleibt, das verschafft uns mehr helle Zeit für Sport im Freien, soziale Kontakte und andere Freizeitaktivitäten. Der Nachteil jedoch: Bei ständiger Sommerzeit verzögert sich der Sonnenaufgang im Winter um eine Stunde. Dadurch müssen mehr Menschen im Dunkeln aufstehen, zur Schule fahren oder zur Arbeit pendeln.
Bleiben wir dagegen ganzjährig bei der Normalzeit, wird es früher dunkel und früher hell als mit der Sommerzeit. Das spielt bei den langen Tageslängen im Sommer kaum eine Rolle. Im Winter sorgt die Standardzeit jedoch dafür, dass es zwar morgens gegen 08:00 Uhr hell wird und viele Menschen dadurch nicht im Dunkeln zur Arbeit oder Schule fahren müssen. Dafür wird es gegen 16:00 Uhr schon wieder dunkel – viele Menschen empfinden dies als einschränkend.
Warum unsere innere Uhr Morgenlicht braucht
Doch was sagt die Wissenschaft? Welches Zeitschema medizinisch und psychologisch günstiger ist, haben Lam und seine Kollegen noch einmal genauer analysiert. Ein wichtiger Faktor dafür ist die innere Uhr: „Unsere zentrale circadiane Uhr im Hypothalamus läuft im Verhältnis zum Sonnentag langsamer: Sie benötigt typischerweise etwa 24,2 Stunden für einen vollständigen Zyklus“, erklären die Forschenden. Ohne den natürlichen Tag-Nacht-Wechsel geht unsere innere Uhr daher nach.
Um die innere Uhr zu synchronisieren, reagiert unser Körper vor allem auf das Licht am Morgen. „Lichtexposition am Morgen verschiebt die innere Uhr nach vorne und gleicht so deren Nachgehen aus“, berichten Lam und sein Team. Unsere moderne Lebensweise behindert diese Synchronisation jedoch: Wir verbringen den größten Teil des Tages drinnen und bekommen so weniger Tageslicht und vor allem weniger helles Morgenlicht.
Der soziale Jetlag und die Folgen
„Zusätzlich verschieben künstliche Beleuchtung und Bildschirme die Lichtexposition in den Abend hinein“, erklären die Forscher. Das erzeugt einen zusätzlichen „sozialen Jetlag“ und lässt unsere innere Uhr noch stärker nachgehen. Die Folge des „sozialen Jetlags“: Viele Menschen leben permanent gegen ihre innere Uhr. Ihr Wecker klingelt morgens früh, obwohl ihr verlangsamter Biorhythmus noch auf Nacht gepolt ist. Abends sorgen künstliche Beleuchtung, Smartphones und Computer dafür, dass der Körper nicht rechtzeitig auf Müdigkeit und Schlaf umstellt.
„Studien haben gezeigt, dass der soziale Jetlag Schlafmangel, schlechtere mentale Gesundheit, metabolische Risiken und kognitive Einschränkungen hervorrufen kann“, berichten Lam und sein Team. So kann der eine Stunde spätere Sonnenuntergang während der Sommerzeit den Wochenschlaf um rund eine Stunde verringern, wie Studien in den USA und in Deutschland ermittelten. In den USA schnitten Schulkinder in Mathematik und Lesen besser ab, wenn sie mehr Tageslicht vor Schulbeginn bekamen.
Gesünder wäre die Standardzeit
Eine ganzjährige Sommerzeit könnte diese negativen Effekte noch verstärken. Denn vor allem im Winter verringert sie das Licht am Morgen noch stärker und verlängert gleichzeitig die Helligkeit am Abend. „Unsere biologischen Uhren benötigen Morgenlicht, um mit dem 24-Stunden-Tag synchronisiert zu bleiben“, erklärt Co-Autor Ralph Mistlberger von der Simon Fraser University in Vancouver. „Die ganzjährige Sommerzeit verschiebt dieses Licht um eine Stunde nach hinten – und das gerade dann, wenn die Wintermorgen ohnehin am dunkelsten sind.“
Nach Ansicht der Forschenden spricht die Studienlage daher gegen eine ganzjährige Sommerzeit: „Die Attraktivität einer ganzjährigen Sommerzeit ist leicht nachvollziehbar. Deren Vorteile am Abend müssen jedoch gegen wissenschaftliche Erkenntnisse abgewogen werden“, sagt Co-Autor Patrick Baylis von der University of British Columbia. „Diese sprechen für die Normalzeit. Das liegt vor allem daran, dass das Morgenlicht für unsere innere Uhr, unseren Schlaf und unsere Stimmung wichtig ist.“
Welche Erfahrungen haben andere Länder gemacht?
Es gibt einige Länder, die den Wechsel zur permanenten Sommerzeit schon ausprobiert haben – mit eher negativen Erfahrungen. So führte Russland im Jahr 2011 eine ganzjährige Sommerzeit ein, kehrte aber 2014 wegen großer Unzufriedenheit in der Bevölkerung wieder zur Normalzeit zurück. Die Menschen kritisierten vor allem die lange morgendliche Dunkelheit im Winter, durch sie Menschen schlechter in Gang kamen und morgendliche Verkehrsunfälle anstiegen. Auch Chile stellte 2015 auf ganzjährige Sommerzeit um, nahm diese Änderung aber wieder zurück.
„Die Regelung der Uhrzeit ist auch eine gesundheitspolitische Entscheidung“, sagt Co-Autorin Alexandra Choi von Vancouver Coastal Health. „Wenn Regierungen sich für eine ganzjährige Sommerzeit entscheiden, sollten sie die möglichen Folgen bereits vor dem ersten Winter einplanen – von sichereren Wegen am Morgen und flexiblen Anfangszeiten bis hin zur Überwachung von Schlaf, psychischer Gesundheit und Verletzungen.“
Quelle: Raymond Lam (University of British Columbia, Vancouver) et al., Canadian Medical Association Journal, 2026; doi: 10.1503/cmaj.261089





