Vor künftigen Umweltproblemen, die genauso überraschend auftreten könnten wie das Ozonloch, warnt der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen. Da die Forschung dazu neige, unerwartete Beobachtung zu ignorieren, um ihre Modelle nicht zu gefährden, könnten Frühsignale ähnlicher Umweltkatastrophen missachtet werden, so Crutzen. Der emeritierte Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz erhielt im Jahr 1995 den Nobelpreis für seine bahnbrechenden Forschungen zum Ozonloch in der Antarktis.
Die Zerstörung der Ozonschicht sei der klassische Fall einer unvorhergesehenen Umweltkatastrophe, die noch relativ glimpflich verlaufen sei, sagte Crutzen laut dem Wissenschaftsmagazin New Scientist auf der Global Change Conference in Amsterdam. Hätte die Industrie in den vergangenen Jahrzehnten brom- statt chlorhaltige Chemikalien als Kühlmittel und Treibgas für Spraydosen eingesetzt, wäre die für Menschen überlebenswichtige Ozonschicht der Erde bereits in den 70er Jahren vernichtet worden.
Das Ozon Abbau-Potential (Ozone Depletion Potential – ODP) von Brom ist wesentlich höher als das von Chlor. So zerstört Brom laut einem Bericht der World Meteorological Organization (WMO) über seine verschiedenen Reaktionsketten Ozon rund 40 mal wirksamer als Chlor.
In seinen Ausführungen bemängelte Crutzen, dass die meisten Atmosphären-Modelle das größte Risiko für die Luftverschmutzung nicht mit einbezögen: die Auswirkungen massiver Brandrodung der tropischen Regenwälder. Rund 9 Billionen Tonnen Biomasse würden jedes Jahr verbrannt. Sie seien Ursache für den fast permanenten Smog, der von Asien und Afrika ausgehe und große Teile des Indischen Ozeans bedecke. Er könnte zu einer Klimaänderung führen und ein Ausbleiben des lebenswichtigen Monsun verursachen.
“Wir entdeckten dicken braunen Smog 4.000 Meter hoch im Himalaja, über den Malediven im Indischen Ozean und überall in Süd- und Ostasien”, berichtete Crutzen. Viele Studien würden dies vernachlässigen. Die Luftverschmutzung könnte auch die Entstehung von Hydroxyl-Radikalen (OH) stoppen, die in der unteren Atmosphäre dazu beitragen, Schadstoffe wie Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid abzubauen. Hydroxyl wird Crutzen zufolge meist in tropischen Regionen der Erde aufgebaut.
Almut Bruschke-Reimer





