Dem Sonnenwind geht die Puste aus: Der Teilchenschauer, den die Sonne aussendet, hat den niedrigsten Wert in der 50-jährigen Beobachtungsgeschichte erreicht. Um beachtliche 20 Prozent hat der Sonnenwind seit Mitte der 1990er Jahre abgenommen, haben Forscher um David McComas vom Southwest Research Institute in San Antonio herausgefunden. Mit dem nach außen gerichteten Teilchenstrom schwächt sich auch die Schutzwirkung des Sonnenwinds ab: Die kosmische Strahlung kann stärker in unser Sonnensystem eindringen. Für die Erde besteht allerdings keine Gefahr, da sie diese Strahlen mit ihrem Magnetfeld ablenkt.
Die Astronomen werteten Beobachtungsdaten der
Raumsonde Ulysses aus, die von der Nasa und ihrer europäischen Schwesterorganisation
ESA gesteuert wird. Innerhalb von 18 Jahren umrundete Ulysses die Sonne knapp dreimal auf einer polaren Bahn. Dabei konnte sie die Aktivität unseres Zentralgestirns sowohl im Minimum als auch im Maximum eines
Sonnenfleckenzyklus messen. Als genereller Trend stellte sich heraus, dass der aus Protonen und Elektronen bestehende Teilchenschauer stetig abnimmt. Über die 18 Beobachtungsjahre sank die Teilchengeschwindigkeit ? die immerhin einige Millionen Kilometer pro Stunde beträgt ? zwar nur um drei Prozent, die Temperatur und Dichte sackten aber um 13 beziehungsweise 20 Prozent ab.
Wieso der Sonnenwind schwächer wird, können die Forscher bisher nicht erklären. Auswirkungen für die Erde werde es aber nicht geben, sagen die Nasa-Forscher. Allerdings wird die Strahlenbelastung durch die kosmische Teilchenstrahlung außerhalb der schützenden Erdatmosphäre größer. Darauf müssen sich die Hersteller von Satelliten und die Planer bemannter Raumflüge einstellen. Die hochenergetische Teilchenstrahlung von weit außerhalb unseres Sonnensystems kann beispielsweise Computerchips im Raumfahrtequipment zerstören.
Über den Sonnenwind definieren Wissenschaftler auch die Größe des Sonnensystems, die sogenannte Heliosphäre. In dieser birnenförmigen Blase mit einem Radius des 150-Fachen des Erde-Sonne-Abstands dominiert der Sonnenwind gegenüber der kosmischen Strahlung. Schwächt sich der Sonnenwind ab, so fällt auch die Heliosphäre leicht in sich zusammen. Dies könnten die Raumfähren Voyager 1 und Voyager 2 bemerken, die auf den Rand der Heliosphäre zusteuern: Sie befänden sich plötzlich außerhalb des Sonnensystems und wären stärkerer kosmischer Strahlung ausgesetzt.
Mitteilung der Nasa ddp/wissenschaft.de ? Martin Schäfer