Kein Tag wie jeder andere, sondern der kürzeste des Jahres: Wintersonnenwende, mitten im Dezember. Die untergehende Sonne taucht die verschneite Landschaft in glühende Farben. Gespannte Erwartung liegt in der Luft. Seit Tagen schon bereiten sich die Indianer auf diese Stunde vor, führen kultische Tänze auf und verfolgen die Zeremonien ihrer Priester. Es ist bitter kalt, Rauch steigt aus den Kaminöffnungen des Pueblos. Das Gebäude aus Stein und Lehm steht auf dem blanken Sandstein eines schmalen Felsgrats im Südwesten des heutigen US-Bundesstaats Colorado, 2300 Meter über dem Meeresspiegel. Das Gelände fällt 400 Meter steil ab. Dort unten liegen die Felder, von deren kargen Erträgen sich die Indianer überwiegend ernähren. Mühsam schleppen sie Woche für Woche Baumaterial, Nahrung und Wasser auf den schroffen Bergrücken – ohne Lasttiere oder Wagen. Was hat die Menschen bewogen, sich in dieser entlegenen Gegend aufzuhalten? Die Antwort auf diese Frage weiß der Himmel. Noch ist es nicht richtig dunkel geworden, da taucht genau zwischen den beiden natürlichen Felstürmen am Ende des Grats ein fahler Lichtschein auf. Wie Kamine ragen ihre Silhouetten empor, nur ein paar hundert Meter östlich des Pueblos. Und dann geschieht, worauf die Indianer viele Jahre gewartet haben: In der Lücke zwischen den Felstürmen geht der strahlende Vollmond auf.
So ungefähr hat es sich abgespielt, vor 900 Jahren. Das meint jedenfalls J. McKim „Kim” Malville, Astronomieprofessor an der University of Colorado in Boulder, der unlängst mit seiner Entdeckung eines ägyptischen „Stonehenge” für Schlagzeilen sorgte – einer 5000 Jahre alten kreisförmigen Steinsetzung 100 Kilometer westlich des Nils bei Nabta, die nach den Sonnenwenden orientiert ist. Doch nicht nur in der prähistorischen alten Welt gab es erstaunliche astronomische Kenntnisse. Auch in Amerika wurde seit langem der Himmel beobachtet – und nicht nur von Inkas und Mayas. Malville wurde 1988 auf das Chimney Rock-Pueblo aufmerksam, das die Archäologen der University of Colorado um Frank Eddy bereits in den siebziger Jahren ausgegraben und erforscht hatten. Es besaß im L-förmigen Erdgeschoß ungefähr 35 Räume und im ersten Stock noch einmal rund 20. In der Umgebung gab es weitere, kleinere Pueblos sowie eine riesige Kiva mit 13 Meter Durchmesser – ein spiritueller Kultraum, wie er für die Pueblo- Indianer des nordamerikanischen Südwestens typisch war.
Diese Menschen lebten überwiegend von Mais, Bohnen und Kürbis, die sie trotz schlechter klimatischer Bedingungen (heiße Sommer, frühe Fröste) dem kargen Boden abtrotzten – häufig mit Hilfe von Bewässerungssystemen. Im Chaco Canyon lag im elften Jahrhundert ihr kulturelles Zentrum. Dort errichteten sie 13 riesige Pueblos mit jeweils mehreren hundert Räumen und Dutzenden von Kivas – bis ins 19. Jahrhundert die größten Bauwerke Amerikas. Es waren Pilgerstätten, die mit einem Hunderte Kilometer weiten Straßennetz und zahlreichen stattlichen Pueblos als Außenposten das gesamte Colorado-Plateau beherrschten, ein rund 100000 Quadratkilometer großes Gebiet. Die Handelsverbindungen reichten bis nach Mexiko und zur Pazifikküste. Wie sich die Pueblo-Indianer selbst nannten, ist mangels schriftlicher Zeugnisse unbekannt. Bei Archäologen hat sich „Anasazi” eingebürgert. Der Name stammt von den erst viel später in die Region eingewanderten Navajo und heißt „die Alten” oder „die alten Feinde”. Politisch korrekter ist „Hisatsinom”. Die Bezeichnung bedeutet „Vorfahren” und stammt von den Hopi – den heute noch in Arizona in Pueblos lebenden Nachfahren der Anasazi.
Chimney Rock ist der entlegenste Chaco-Außenposten, rund 150 Kilometer von Chaco Canyon entfernt. „Ich fragte mich, was die Menschen in diese unwirtliche Gegend verschlagen hatte”, erinnert sich Malville. „Weil in Mythen der Taos Pueblo-Indianer eine Verbindung zwischen den Zwillingsgöttern des Krieges und der Venus besteht, schaute ich zunächst, ob dieser Planet zwischen den Felsenkaminen stand. Doch dann entdeckte ich, daß manchmal der Mond in der Lücke aufging.”
Tatsächlich geschieht das nur alle 18,6 Jahre. Denn aufgrund der zur scheinbaren Sonnenbahn um fünf Grad geneigten Mondbahn schwanken die Auf- und Untergangsorte des Mondes nicht im Jahresrhythmus, wie bei der Sonne. Und seine äußersten Auf- und Untergangspunkte liegen auch weiter nördlich beziehungsweise südlich als die der Sonne zur Winter- und Sommersonnenwende. „In einem Zeitraum von gut zwei Jahren alle 18,6-Jahre geht der Mond rund 40mal zwischen den Felsentürmen von Chimney Rock auf”, schließt Malville aus seinen Berechnungen. „Im elften Jahrhundert erreichte der Mond im März 1057, Oktober 1075 und Juni 1094 den nördlichen Extrempunkt seiner Bahn. Und zu meinem großen Erstaunen fällt die Entstehungszeit des Pueblos mit den beiden letzten Daten zusammen.” Frank Eddys Jahresring-Analysen der Baumstämme, die beim Bau des Pueblos verwendet wurden, zeigten nämlich, daß es in zwei Stadien errichtet worden war. Es scheint, daß das Pueblo primär zum Zweck der Mondbeobachtung geschaffen wurde.
Möglicherweise hat die Bevölkerung dort einen solchen spektakulären Mondaufgang zwischen den Chimneys um 1057 beobachtet, und die Priester im Chaco Canyon haben davon erfahren, spekuliert Malville. Als dann die nächsten Mondaufgänge 1073 wieder zwischen den Felskaminen stattfanden, schienen die Priester nicht lange gezögert zu haben und begannen 1076 mit dem Bau des Pueblos. Die zweite Bauphase im Jahr 1093 fiel in die nächste Periode extremer Mondaufgänge und wurde, wie unvollständige Jahresringe in den Balken zeigen, schon im Sommer begonnen – was ungewöhnlich ist und offenbar überhastet geschah, denn zu dieser Jahreszeit waren normalerweise alle mit Feldarbeiten beschäftigt. Das Chimney Rock-Pueblo war also nicht bloß irgendein Außenposten, sondern etwas Besonderes. Da sein Architekturstil dem der großen Häuser im Chaco Canyon gleicht, die traditionell von Frauen hergestellten Töpferwaren aber nicht im Chaco-Stil, sondern nach Art der ansässigen Bevölkerung bemalt sind, nimmt Eddy an, daß die Chaco-Priester allein, ohne Familie, nach Chimney Rock gekommen waren – vielleicht eigens zur Beobachtung der Mondaufgänge zwischen den Felstürmen. In der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts waren sie wohl besonders sensibel für das Himmelsgeschehen. Denn damals überschlugen sich ungewöhnliche Ereignisse: Im Juli 1054 leuchtete ein heller Stern auf, der kurzfristig sogar tagsüber zu sehen war – die Supernova, die den berühmten Krabbennebel schuf, wie man heute weiß. Ein Felsgemälde im Chaco Canyon, das einen Stern bei der Sichel des zunehmenden Mondes zeigt, könnte eine Darstellung dieses einmaligen Ereignisses sein.
Auch im Jahr 1066 wurde das Gleichmaß des Sternenhimmels gestört: Der Halleysche Komet erschien. Am 7. März 1076 ereignete sich südlich von Chaco Canyon eine totale Sonnenfinsternis. Ab 1077 zeigte die Sonne seltsame Verunreinigungen, die mit bloßem Auge zu erkennen waren, wie chinesische Quellen überliefern. Mit diesen riesigen Sonnenflecken begann eine 200jährige ungewöhnliche Sonnenaktivität, die auch Klimaveränderungen nach sich zog. Und am 11. Juli 1097 verfinsterte sich die Sonne erneut über dem amerikanischen Südwesten einschließlich der Gegend von Chimney Rock. Es liegt nahe, daß die Priester auf diese beunruhigenden Geschehnisse reagieren mußten. Wahrscheinlich spielten die Astrokulte für den sozialen Zusammenhalt der weit verteilten Anasazi-Gruppen sowie für die Vorherrschaft von Chaco eine wichtige Rolle.
Das astronomische Wissen der Pueblo-Indianer war freilich nicht auf Chimney Rock beschränkt. Im Chaco Canyon haben Astroarchäologen zahlreiche Indizien für den weit entwickelten Stand der Himmelskunde entdeckt. Da die meisten Visierlinien und Markierungen aber keine Voraussage der Sonnenwenden erlaubten, hatten sie wohl weniger kalendarische als rituelle Funktionen, sind also eher als Schreine denn als prähistorische Observatorien anzusehen.
Geografische Ausrichtungen von Gebäuden beweisen eine hervorragende Kenntnis der Himmelsrichtungen. So wurde eine Mauer von Pueblo Alto exakt in Ost-West-Richtung angelegt, ebenso bei Pueblo Bonito, und die Achse der Großkiva Casa Rinconada deutet genau nach Norden.
Rüdiger Vaas





