Ausgangspunkt für die Darstellung des Freiburger Wirtschafts- und Umwelthistorikers ist eine Beobachtung des Ökonomen Werner Sombart von 1902: Nicht Beherrschung oder Unterwerfung, sondern „Entwaltung“ und „Emanzipation“ von den Schranken der „lebendigen Natur“ seien das zentrale Grundprinzip der Moderne. Solchen Prozessen der „Entwaltung“ folgt Brügge-meier in elf chronologischen Kapiteln.
Akzente liegen zum einen auf dem Durchbruch von der „organischen Gesellschaft“ der Vormoderne zur Industriemoderne auf der Basis fossiler Energieträger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zum anderen auf der Umweltproblematik seit 1970. Das Buch konzentriert sich auf Deutschland, inhaltlich dominiert die Industrialisierung mit ihren Folgen. Die NaturschutzBewegung, aber auch die Umweltgeschichte der DDR werden nur knapp thematisiert, Tiere scheinen in den letzten zwei Jahrhunderten hierzulande nicht existiert zu haben.
Brüggemeier interpretiert die Umweltgeschichte seit 1750 als ein langwieriges, von Versuch und Irrtum geprägtes Überwinden und Verschieben natürlicher Beschränkungen durch Wissenschaft und Technik in allen gesellschaftlichen Bereichen. Diese Entwicklung war geprägt durch die Mehrdeutigkeit von Entscheidungssituationen sowie durch kontroverse, im Nachhinein oft unzutreffende wissenschaftliche Beurteilungen. Unbeabsichtigte Wirkungen, neue Schranken und neue Ungewissheiten waren die Folge, aber eben auch Wachstum, Wohlstand, Wissen, die Zunahme sozialer Steuerungskapazitäten und die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten.
Ziel der Darstellung ist eine Entdramatisierung der ökologischen Gegenwart. Was aus globaler Perspektive als Energierevolution und präzedenzlose Beschleunigung des Ressourcenverbrauchs erscheint, wird als zäher, mitnichten zwangsläufiger und kontrovers begleiteter Transformationsprozess in Zeitlupe präsentiert. Auf eine argumentative Hierarchisierung der einzelnen Entwicklungen wird verzichtet; Klimawandel und Energiewende werden dadurch zu Gegenwartsproblemen unter vielen. Relativierend wirkt schließlich die nationale Perspektive: Grenzüberschreitende Ressourcenfragen, die Einbettung in Welthandel oder Welternährungssystem, Tourismus oder der ökologische Fußabdruck der deutschen Konsumgesellschaft auf der Südhalbkugel (Öl! Baumwolle!) werden dadurch ausgeblendet.
Fazit: Auch wenn man Brüggemeier nicht in allen Punkten folgen mag, ist sein Buch ein unbedingt lesens- und bedenkenswertes, provo‧katives Korrektiv zu aktuellen Umwelt-Debatten.
Rezension: Dr. Bernhard Gißibl





