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Schmilzt die Finsternis?
Die Dunkle Energie ist klarerweise das größte Rätsel im Universum. Denn sie macht hinsichtlich der Energiedichte mehr als zwei Drittel von Allem aus und dominiert dessen Dynamik. Hierbei zielen Formulierungen wie „klarerweise“ und „hinsichtlich“ nicht bloß auf den menschlichen Erkenntnisdrang, sondern passen gut zu…
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von RÜDIGER VAAS
Die Dunkle Energie ist klarerweise das größte Rätsel im Universum. Denn sie macht hinsichtlich der Energiedichte mehr als zwei Drittel von Allem aus und dominiert dessen Dynamik. Hierbei zielen Formulierungen wie „klarerweise“ und „hinsichtlich“ nicht bloß auf den menschlichen Erkenntnisdrang, sondern passen gut zu dem gespenstischen Geheimnis: Denn die Dunkle Energie ist überall, auch direkt vor unserer Nasenspitze – und doch absolut durchsichtig und unbegreiflich. Sie lässt sich weder erblicken noch erhaschen. Sie kann überhaupt nicht experimentell eingefangen oder dingfest gemacht werden, weil sie keine uns bekannte Materie und Strahlung beeinflusst – außer durch ihren abstoßenden Effekt, mit dem sie den Weltraum seit sechs Milliarden Jahren auseinandertreibt. Ohne sie wäre der Durchmesser des beobachtbaren Universums heute um ein Fünftel kleiner.
Einsteins größte Eselei?
Die einfachste Erklärung ist die Kosmologische Konstante. Sie wird üblicherweise mit Λ abgekürzt, dem großen Lambda des griechischen Alphabets. Albert Einstein hat Λ bereits 1917 in seiner ersten Arbeit zur Kosmologie eingeführt, um den Weltraum statisch zu halten (BDW 3/2017, „100 Jahre moderne Kosmologie“). 1931 widerrief er Λ als die „größte Eselei“ seines Lebens, weil astronomische Messungen von sich entfernenden Galaxien gezeigt hatten, dass der Weltraum nicht statisch ist, sondern expandiert.
Aber Λ war keine Eselei, sondern ist als Naturkonstante mathematisch zwingend ein Teil von Einsteins Gleichungen, wie später bewiesen wurde. Die Frage lautet also lediglich, welchen Wert Λ hat. Und dies lässt sich nur empirisch beantworten, also nur durch Messungen.
Das kosmologische Standardmodell nimmt der Einfachheit halber an, dass Λ hinter der Dunklen Energie steckt und den Großteil von allem ausmacht, noch mehr als die Dunkle Materie (CDM, cold dark matter). Daher heißt es auch ΛCDM-Modell. Es ist eine vorläufige Hypothese: pragmatisch, ökonomisch und wissenschaftstheoretisch sinnvoll, weil sich Λ im Gegensatz zu allen anderen Spekulationen am einfachsten überprüfen und in der Relativitätstheorie fundieren lässt. Lokal ist die Energiedichte von Λ winzig: etwa 5,8 · 10−30 Gramm pro Kubikzentimeter oder 5,2 · 10−10 Joule pro Kubikmeter (selbst das schwache Erdmagnetfeld hat in einem Kubikmeter Luft etwa zwei Millionen Mal mehr Energie). Doch in der universellen Summe ist sie riesig.
Freilich macht Λ und seine Konstanz große Probleme in der Grundlagenphysik (BDW 7/2001, „Die mysteriöse Dunkle Energie“). Λ könnte eine geometrische Eigenschaft der Raumzeit selbst sein oder aber eine Art Stoff mit negativem Druck: etwa ein unbekanntes Energiefeld oder das Quantenvakuum, das aus physikalischen Gründen kein „Nichts“ sein kann. Rätselhaft ist auch der Wert von Λ. So verwundert, dass seine heutige Größenordnung der der Materiedichte entspricht. Außerdem liegen seine Abschätzungen um einen riesigen Faktor von bis zu 10120 daneben. Daher wird seit den 1980er-Jahren spekuliert, dass Λ in Wirklichkeit exakt 0 sein könnte und die Dunkle Energie von etwas anderem geliefert wird – etwa einem physikalisch nicht unüblichen Skalarfeld, für das sich die Bezeichnung Cosmon oder Quintessenz durchgesetzt hat.
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Um das Rätsel der Dunklen Energie zu lösen, muss deren Zustandsgleichung bestimmt werden. In der Praxis bedeutet dies, den w-Wert dieser Gleichung zu messen und zu ermitteln, ob er sich im Lauf der Entwicklungsgeschichte des Universums verändert hat. Dieser Wert ist eine reine Zahl: der Quotient von Druck p und Energiedichte ρ. (Es gilt: w = p/ρc2, wobei die Lichtgeschwindigkeit c auf 1 normiert wird.) Für Λ ist w = -1, und zwar überall und immer. Andere Modelle für die Dunkle Energie, etwa die prominenten Quintessenz-Felder, nehmen meist einen größeren Wert an (-1/3 w -1). Es gibt allerdings auch extreme Modelle mit w -1: Eine solche Phantomenergie könnte das Universum schon in kosmisch naher Zukunft förmlich zerfetzen (BDW 8/2003, „Phantomenergie zerreißt das Weltall“). Viele Experten halten Phantomenergie aber für unphysikalisch, weil sie grundlegende Energiebedingungen verletzen und immer weiter zunehmen würde. Überdies muss w nicht konstant sein. Dann benötigen die kosmologischen Gleichungen ein zeitlich variables wa. Dabei bezeichnet a den Skalenfaktor als Maß kosmischer Distanzen und w0 den w-Wert heute.
Zu den wichtigsten Aufgaben der modernen Kosmologie gehört es also, w zu bestimmen. Daran arbeiten inzwischen einige tausend Personen auf Grundlage mehrerer, teils unabhängiger Methoden. Die große Metastudie eines internationalen Teams um Luis A. Escamilla und Eleonora Di Valentino von der britischen University of Sheffield resümierte 2023: „Trotz ein paar verstreuter Hinweise fanden wir keine überzeugenden Indizien, die ein Abrücken von der Kosmologischen Konstante erzwingen … bislang!“ Der beste gemittelte w-Wert beträgt dieser Analyse zufolge -1,013 plus/minus 0,04. (Die Planck-Sonde der Europäischen Raumfahrtagentur, die die Kosmische Hintergrundstrahlung des gesamten Himmels mit höchster Präzision vermessen hat, lieferte -1,03 plus/minus 0,03.)
Kurz darauf wurde dieser Konsens erschüttert. Denn die ersten Resultate des DESI-Teams passten schlecht zu Λ. Vielmehr fand es Hinweise darauf, dass die Energiedichte der Dunklen Energie mit der Zeit abgenommen haben könnte.
DESI und die Dichtewellen
Das DESI-Team besteht aus über 900 Personen, tätig in mehr als 70 Institutionen weltweit, und wird am Lawrence Berkeley National Laboratory geleitet. DESI ist die Abkürzung des Dark Energy Spectroscopic Instrument. Es befindet sich in der Fokalebene des 4-Meter-Teleskops auf dem Kitt Peak in Arizona und besteht aus zehn Spektrografen, an die insgesamt 5.000 Glasfasern angeschlossen sind. Damit kann man gezielt und simultan Spektren von einem acht Quadratgrad großen Himmelsareal aufnehmen. Das geschieht in drei Bereichen (blau, rot, nahinfrarot) bei Wellenlängen zwischen 360 und 980 Nanometer mit einer Auflösung von 1,5 Bogensekunden pro Faser. Unter idealen Bedingungen werden die Faserenden alle 20 Minuten robotisch millimetergenau neu positioniert, sodass sich pro Nacht über 100.000 Galaxien erfassen lassen.
So erstellt DESI seit Mai 2021 einen enormen Himmelskatalog. Das Hauptziel ist eine Kartierung und Vermessung der Baryonischen Akustischen Oszillationen (BAO). Diese Schwankungen der Materiedichte im Universum ergeben eine charakteristische Längenskala, die es erlaubt, den Verlauf der kosmischen Expansion zu rekonstruieren (siehe Grafik „Wellen im Weltall“). Im Rahmen des ΛCDM-Modells beträgt die BAO-Skala heute knapp 490 Millionen Lichtjahre.
Die ersten BAO-Messungen wurden 2005 unabhängig von den Teams der Himmelsdurchmusterungen 2dFGRS (Two-degree-Field Galaxy Redshift Survey) und SDSS (Sloan Digital Sky Survey) publiziert. Weitere Nachweise veröffentlichten 2011 die Forschergruppen der Projekte 6dF Galaxy Survey und WiggleZ sowie 2012 bis 2021 von BOSS (Baryon Oscillation Spectroscopic Survey des SDSS). Die Daten passen gut zum ΛCDM-Standardmodell eines flachen, also ungekrümmten Universums, wie auch das Team um Luis Escamilla betonte.
Das hat sich durch DESI verändert. Diese Messungen der Baryonischen Akustischen Oszillationen sind bis auf Weiteres weltweit die präzisesten (teils weniger als ein Prozent Unsicherheit). Ihre beste Aussagekraft erhalten sie allerdings erst in Kombination mit anderen kosmologischen Datensätzen: vor allem von Supernovae-Katalogen und den Planck-Messungen der Hintergrundstrahlung.
Dynamische Dunkle Energie?
Im April 2024 gab das DESI-Team die Auswertung eines ersten Datensatzes bekannt (Data Release DR1). Er enthält die Messungen des ersten Betriebsjahrs von mehr als sechs Millionen Galaxien mit Rotverschiebungen von 0,1 bis über 2, also mit Distanzen von vielen Milliarden Lichtjahren. Die Daten sind mit dem ΛCDM-Modell vereinbar. Kombiniert man sie jedoch mit den Supernovae- und Planck-Messungen, passt ein Modell mit w0 -1 besser, folgerte das DESI-Team. Demnach läge die Dunkle Energie heute im Quintessenz-Regime. Und sie könnte früher stärker ausgeprägt gewesen sein (wa 0). Die Messunsicherheiten waren groß und genügten noch nicht den strengen Ansprüchen für eine formelle Entdeckung (die statistische Signifikanz betrug 2,5 bis 3,9 Sigma, nötig sind aber 5).
Trotzdem ist das Resultat sehr irritierend. Mehr noch: Unabhängige Analysen der DESI-Daten bestätigten die Ergebnisse – etwa von Eleonora Di Valentino und ihrem Team, das auch weitere Supernovae-Messungen und andere wa-Modelle berücksichtigt hat. George Efstathiou von der Cambridge University zeigte allerdings, dass das ΛCDM-Modell weiterhin unangefochten bleibt, falls die Daten naher Supernovae falsch geeicht wurden.
Im März 2025 legte das DESI-Team mit neuen Analysen und Daten aus nunmehr drei Jahren nach. Dabei wurden über 14 Millionen der bereits mehr als 30 Millionen spektroskopierten Galaxien berücksichtigt. Das ist die bislang größte dreidimensionale Karte des Universums. Am Ende des fünfjährigen Projekts sollen es sogar 50 Millionen Galaxien sein.
Die DR2-Auswertung bestätigte die vorige weitgehend. Sie erhärtete die Hinweise auf eine dynamische Dunkle Energie sogar (besonders bei z 0,3). Je nach Modell und zusätzlich verwendeten Daten liegen die w-Werte meistens zwischen -0,7 und -0,9 für w0 sowie zwischen -0,4 und -1,2 für wa. Wenn das stimmt, wäre Λ ausgeschlossen und, noch spektakulärer, die Dunkle Energie hätte in den letzten Milliarden Jahren abgenommen. Besonders delikat wäre es, wenn sie die Phantomgrenze überschritten hätte (bei z ≈ 0,5), also ursprünglich einen w-Wert von kleiner als -1 besaß.
„Es sieht immer mehr danach aus, als müssten wir das Standardmodell der Kosmologie modifizieren, damit die unterschiedlichen Datensätze zusammenpassen“, resümiert Will Percival von der University of Waterloo in Kanada, einer der Sprecher des DESI-Teams. „Eine veränderliche Dunkle Energie scheint vielversprechend zu sein.“
Die Indizien sind bereits beachtlich: DESI steht mit 2,3 Sigma im Widerspruch zu Planck, wenn das ΛCDM-Modell vorausgesetzt wird (bei DR1 waren es noch 1,9 Sigma). Bei variablen w-Werten widersprechen sich DESI und ΛCDM mit 2,8 bis 4,2 Sigma, wenn die BAO-Messungen mit Supernovae-Daten kombiniert werden. Nur mit Planck, ohne Supernovae, beträgt die Diskrepanz 3,1 Sigma.
„Es scheint so, als würden die DESI- und die Supernovae-Daten die Planck-Daten in entgegengesetzte Richtungen zerren“, kommentierte Daniel Gruen von der Universitäts-Sternwarte München den Befund auf der Frühjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft im April 2025 in Göttingen. „Die DESI-Messungen sind ein starker Hinweis darauf, dass die kosmische Beschleunigung bereits ihren Höhepunkt überschritten hat und in jüngerer Zeit abnimmt.“
Wenn die künftigen, noch besser werdenden Daten von DESI und anderen Observatorien diese Tendenz verstärken, wäre das ein sensationelles Resultat. Entsprechend groß ist schon jetzt die Resonanz: Im Spätsommer 2025 waren bereits über 500 wissenschaftliche Artikel zu DESI-DR1 und -DR2 in Fachzeitschriften veröffentlicht oder zur Publikation eingereicht worden, und das Interesse hält an.
Hinzu kommt: Wenn Λ abdanken muss, ändern sich andere kosmologische Kennziffern. So wäre das Universum 50 bis 200 Millionen Jahre jünger, je nachdem, welcher Supernovae-Katalog berücksichtigt wird. Das hat Kevin Cahill von der University of New Mexico in Albuquerque ausgerechnet.
Im Dschungel der Detailprobleme
Auch für das ΛCDM-Modell gilt das Sprichwort „Totgesagte leben länger“. Denn einerseits reicht die statistische Signifikanz bislang nicht aus, andererseits wird sie kontrovers diskutiert. Bislang stehen die verschiedenen Datensätze allesamt in Konflikt miteinander, was auf systematische Fehler hindeutet. So wurden die drei verwendeten Supernovae-Kataloge unterschiedlich ausgewertet. Sie widersprechen sich teilweise deutlich. Außerdem sind sie nicht komplett unabhängig (so verzeichnet Pantheon+ rund 1.360 gleiche Sternexplosionen wie Union3 und 196 wie DESY5). Freilich weicht die DESI-DR2-Auswertung auch von Λ ab, wenn die Supernovae-Daten ignoriert werden.
Allerdings sind auch die DESI-Analysen mit Vorsicht zu genießen. Das betrifft einerseits die Kombinationen der Messungen und andererseits die Parametrisierung der w-Werte selbst. Diese ist nämlich weder von der Relativitätstheorie gedeckt noch unstrittig, sondern etwas willkürlich interpoliert. Weit verbreitet und vom DESI-Team favorisiert ist die w(a)-Parametrisierung w = w0 + wa(1 – a). Der Skalenfaktor a beschreibt über die Rotverschiebung z normierte kosmische Distanzen: a = 1/(1 + z). Alternative Parametrisierungen ergeben vor allem für größere z-Werte nicht dieselben Resultate, sodass hier die Indizien für eine dynamische Dunkle Energie schwächer sind. Diskutiert werden auch die Gleichungen w = w0 + wa (1 – a)/ (a2 + (1 – a)2), w = (w0 – wa) + wa (1 – a), w = w0 + wa a (1 – a), w = w0 – wa ln a und w = w0 – wa a ln a. Diese Vieldeutigkeit ist ein Problem.
Die Kombinatorik der Daten ist ebenfalls weder eindeutig noch zwingend. Besser wäre es, jeden Datensatz unabhängig zu analysieren, argumentieren etwa Deng Wang von der Universität Valencia im spanischen Paterna und David Mota von der Universität Oslo in Norwegen. Aber auch das spräche ihrer Auswertung zufolge gegen Λ. An der mutmaßlichen Widerlegung von Λ lassen hingegen detaillierte modellunabhängige Analysen zweifeln: Die Abweichungen seien viel geringer, als das DESI-Team meint, belegen Bikash R. Dinda, Roy Maartens und Chris Clarkson von der Universität des Westkaps im südafrikanischen Kapstadt. Für die Verletzung anderer Grundannahmen des Standardmodells – die großräumige Flachheit und das Kosmologische Prinzip – sehen sie ebenfalls keine gute Datenbasis, und dies in Übereinstimmung mit dem DESI-Team. Auch Yun Wang vom California Institute of Technology in Pasadena und Katherine Freese von der University of Texas in Austin kritisieren, dass die DESI-Analysen auf spezifis chen Modellen basieren. Ohne diese sind die Daten „konsistent mit einer Kosmologischen Konstante“, schreiben sie.
Ferner sind die Messungen bei z 1,5 unzureichend. Hierfür, das ist Konsens, sind mehr Präzisionsdaten nötig. Und diese werden auch kommen, nicht nur von DESI. Das europäische Weltraumobservatorium Euclid misst bereits seit 2023. Und für 2027 ist der Start des nach der Astronomin Nancy Grace Roman benannten Infrarotteleskops geplant, falls ihn die NASA noch finanzieren darf. Beide Missionen werden systematisch Galaxien mit Rotverschiebungen von 2 bis 3 erfassen. Und DESI soll weitere 3.000 Quadratgrad scannen.
Neben solchen Messungen ist es nötig, die heutige mittlere Materiedichte Ωm0 im All genauer zu bestimmen. Denn sie hat einen viel größeren Einfluss auf die BAO-Analysen als die Zustandsgleichung der Dunklen Energie. Darauf haben schon einige Kosmologen hingewiesen, zum Beispiel Seokcheon Lee von der Sungkyunkwan-Universität im südkoreanischen Suwon. „Von Ωm0 hängt auch ab, wann genau sich die Ausdehnung des Weltraums beschleunigt hat“, sagt er. Trotz vieler Jahrzehnte reger Forschungstätigkeit ist die Größe Ωm0 noch immer umstritten – was nicht verwundert, da das meiste davon selbst rätselhaft ist: die Dunkle Materie. Die Supernovae-Kataloge favorisieren eine bis zu 20 Prozent höhere Dichte als Planck, DESI jedoch eine etwas geringere als Planck.
Andere Forscher halten an Λ fest, hinterfragen aber Details zum Zeitpunkt und zur Physik der Freisetzung der Kosmischen Hintergrundstrahlung – was auch die eklatanten Widersprüche bei der Bestimmung der Hubble-Konstante auflösen könnte. Und manche Wissenschaftler sehen das Problem nicht in der Dunklen Energie, sondern bei der Dunklen Materie. Diese könnte exotischer sein als bislang angenommen. So argumentieren Xingang Chen und Abraham Loeb vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in Cambridge, Massachusetts, mit Matteo Braglia von der New York University, dass die Zustandsgleichung der Dunklen Materie nicht immer einen w-Wert von 0 haben müsse, sondern im späten Universum negativ werden könne. Das hätte auf die DESI-Daten einen ähnlichen Effekt wie eine dynamische Dunkle Energie, wäre aber mit Λ vereinbar. Freilich müsste dann das ΛCDM-Modell ebenfalls erweitert werden, um zwei bis vier Parameter, was mindestens eine so drastische Änderung bedeutet wie wa. Auch ist es denkbar, dass es eine Wechselwirkung oder Umwandlung zwischen Dunkler Materie und Energie gibt.
Die Zukunft ist offen
Noch ist es zu früh, einen neuen Durchbruch in der Kosmologie zu verkünden. Doch es wäre eine wissenschaftliche Revolution, falls sich hinter der Dunklen Energie etwas anderes verbirgt als Λ – was immer es auch ist. So würde der Nachweis der hypothetischen Quintessenz unser Verständnis vom Repertoire des Universums und den Naturgesetzen grundlegend erweitern. Dann gäbe es ein bislang unbekanntes und mutmaßlich sogar dynamisches physikalisches Feld. Das hätte tiefgreifende, noch nicht absehbare Folgen für unser Weltbild – wahrscheinlich auch im Hinblick auf den Beginn und das künftige Schicksal des Alls.
Wenn die Dunkle Energie nicht die Kosmologische Konstante ist, die ein ewig und beschleunigt expandierendes All zur Folge hat, lässt sich die ferne Zukunft nicht mehr voraussagen. Denn dazu müsste man wissen, was hinter der ominösen Antriebskraft steckt, wie sie sich entwickelt und ob sie völlig zerfällt (BDW 4/2002, „Finstere Zukunft“). Je nachdem könnte sich die Ausdehnung künftig wieder verlangsamen und von der Materie abhängen; oder es kommt sogar zu einem Kollaps mit Endknall … und vielleicht zu einem neuen Urknall; oder die Dunkle Energie wandelt sich in neue Materie um, aus der sich womöglich wieder Sterne bilden; oder das Universum erstarrt plötzlich oder seine Raumzeit zersplittert und löst sich förmlich auf. Die unübersichtliche Situation lässt sich mit einem berühmten Ausspruch des New Yorker Baseball-Spielers Lawrence „Yogi“ Berra aus den 1970er-Jahren zusammenfassen: Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist („It ain‘t over till it‘s over“).
Bis dahin sind viele akribische Detailarbeiten nötig. Sie könnten zu gigantischen Umwälzungen führen. Denn wie im Universum selbst ist auch in der Wissenschaft das Kleinste mit dem Größten aufs Engste verbunden. ■
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