Im Modell der Forscher gibt es ab 2037 erste Vorstöße. 2081 soll bereits der gesamte östliche Bereich des Beckens in ein lauwarmes Bad getaucht sein, 2095 auch der westliche Abschnitt. Dadurch erhöht sich den Forschern zufolge die jährliche Schmelzrate an der Unterseite des Schelfeises von derzeit 20 Zentimeter auf durchschnittlich vier Meter. An einigen Stellen kann die Eisdicke sogar um 50 Meter pro Jahr abnehmen, schreiben Hellmer und seine Kollegen. Das Schelfeis ist an der Stelle, wo es mit dem Land in Verbindung steht, mehr als tausend Meter dick. An der Schelfeiskante, wo das offene Meer beginnt, hat es noch eine Mächtigkeit von 200 Metern.
Der Schwund eines Schelfeises trägt zwar nicht direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei, da das Eis bereits schwimmt. Das Filchner-Ronne-Schelfeis, das größer ist als Deutschland, füllt allerdings eine riesige Bucht aus und wirkt damit als Barriere für Eisströme sowohl aus der Ost- als auch aus der Westantarktis. ?Wird ein Schelfeis dünner, kann sich das Eis auf dem Festland dahinter in Bewegung setzen?, sagt Hellmer. Fließt mehr Eis vom Kontinent ins Meer, steigt jedoch der Meeresspiegel. Wie die Eisströme auf dem Festland auf die Ausdünnung reagieren werden, untersuchen Bremerhavener Forscher derzeit noch.
Eine zweite Studie aus der Zeitschrift Nature Geoscience zeigt allerdings, dass auch das Inlandeis in der Region offenbar nicht so sicher auf dem Antarktischen Festland ruht wie bislang angenommen. Zwei große Eisströme, die das Filchner-Ronne-Schelfeis speisen, haben ihre Basis unterhalb des Meeresspiegels, stellten Neil Ross von der University of Edinburgh und Kollegen bei geophysikalischen Messungen vom Flugzeug aus fest.
Das Eis ruht in einem Becken von der Größe Hessens, das bis zu tausend Meter tiefer liegt als der Meeresspiegel. Zudem fällt der Untergrund von der so genannten Aufsetzlinie ? der Verbindungslinie zwischen Schelfeis und Land ? verhältnismäßig steil in Richtung Kontinent ab. Diese Geometrie macht die Eisströme anfällig für Veränderungen, berichten die Forscher. ?Das Eis in der Region liegt zwar noch auf dem Boden, aber es muss nur wenig dünner werden, um aufzuschwimmen?, sagt Ko-Autor Martin Siegert, ebenfalls aus Edinburgh.
Die Forscher sehen Anzeichen dafür, dass das in der Vergangenheit bereits passiert ist. Am Boden des heute mit Eis gefüllten Beckens befinden sich offenbar Meeressedimente. Die Landverbindung des Schelfeises lag demnach früher 200 Kilometer weiter südlich als heute.
Bislang hatten die Klimaforscher die Region am Weddellmeer nicht bei ihren Prognosen für den zukünftigen Meeresspiegelanstieg berücksichtigt. ?Die Ergebnisse sind aber robust, und sie zeigen uns, womit wir nach derzeitigem Wissensstand fertig werden müssen?, sagt Angelika Humbert vom AWI, Autorin eines Kommentars in Nature Geoscience. Bislang richtete sich die Aufmerksamkeit der Polarforscher vor allem auf die Westküste des Kontinents am Amundsen-Meer. Dort ziehen sich einige Schelfeise bereits zurück, und die Aufsetzlinien verschieben sich Richtung Inland. ?Die Prozesse, die wir derzeit am Amundsen-Meer sehen, werden sich am Weddellmeer wiederholen?, sagt Hartmut Hellmer. Das Risiko für einen Kollaps sei groß, sagt auch Martin Siegert: ?Die Region braucht zwar noch einen Schubs, damit signifikante Veränderungen in Gang kommen, aber keinen besonders starken.?





