Als die Bande von George „Machine Gun“ Kelly am 22. Juli 1933 den Ölmagnaten Charles Urschel entführte, lief zunächst alles wie geschmiert. Zügig zahlte die Familie 200 000 Dollar Lösegeld. Kurz darauf ließen die Kidnapper Urschel frei. Zu ihrem Leidwesen entpuppte sich Urschel jedoch als hervorragender Zeuge, der den Ermittlern zahlreiche Hinweise liefern konnte. Bald war das FBI den Tätern auf der Spur. Erst im Vorjahr hatte der Kongress der Bundesbehörde erlaubt, in Entführungsfällen zu ermitteln. Zügig wurden „Machine Gun“ Kelly, seine Frau Kathryn und seine Komplizen Albert Bates und Harvey Bailey gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Die Beteiligung Baileys am Fall war für das amerikanische Justizsystem einigermaßen peinlich, war dieser doch gerade erst aus dem Gefängnis entkommen. Überhaupt waren in den letzten Jahren häufig prominente Häftlinge getürmt, darunter „Baby Face“ Nelson und mehrere Mitglieder der Bande um John Dillinger.
Als dann eine Artikelserie des International News Service über das komfortable Leben berichtete, das Al Capone im Bundesgefängnis Atlanta genoss, stand das Bureau of Prisons (BOP) unter Druck. Direktor Sanford Bates musste dem Drängen von FBI-Chef J. Edgar Hoover und Attorney General Homer Cummings nachgeben, ein neues Gefängnis für „Verbrecher der bösartigen und unverbesserlichen Sorte“ einzurichten. Am 12. Oktober 1933 gab das BOP bekannt, dass das alte Militärgefängnis auf der Insel Alcatraz in der Bucht von San Francisco zu einem Hochsicherheitsgefängnis umgebaut werde.
Eigentlich widersprach Alcatraz allem, woran Bates gearbeitet hatte. Das BOP war 1930 eingerichtet worden, um die Empfehlungen der von Präsident Herbert Hoover (1929–1933) einberufenen „Wickersham Commission“ in die Tat umzusetzen. Angestrebt wurden eine Modernisierung des Justizvollzugs und die Umsetzung neuer Maßnahmen zur Resozialisierung. Alcatraz sollte hingegen einzig und allein der Verwahrung von „Unverbesserlichen“ dienen.
Doch die neue Regierung unter Franklin D. Roosevelt (1933–1945) wollte im Kampf gegen die Kriminalität Kompromisslosigkeit demonstrieren – und Roosevelt wusste, dass ein neues Supergefängnis, das den Vergleich mit der französischen „Teufelsinsel“ heraufbeschwor, zu diesem Image weit mehr beizutragen vermochte als ein moderner Strafvollzug.
Im September 1934 rollten die ersten schwer gesicherten Züge aus den Bundesgefängnissen in Atlanta (Georgia), Leavenworth (Kansas) und McNeil Island (Washington) in Richtung Bay Area. An Bord befanden sich bekannte Verbrecher wie „Machine Gun“ Kelly und Al Capone. Auf Alcatraz angekommen, wurden sie einem Regiment unterworfen, das um einiges strenger war als bisher.
Es galt der Leitsatz „maximale Sicherheit bei minimalen Privilegien“. Alle Gefangenen wurden in Einzelzellen untergebracht, der Kontakt untereinander so stark eingeschränkt wie möglich. Hofgang gab es nur am Wochenende. Auch der Kontakt nach draußen wurde beschränkt. Erlaubt waren ein Brief pro Woche und ein Besuch im Monat.
Zu den Grundsätzen gehörte auch, dass Anfragen von Pressevertretern nicht kommentiert wurden. Dennoch drangen bald Berichte über zweifelhafte Methoden an die Öffentlichkeit. Entlassene Häftlinge erzählten unter anderem, dass aufsässige Mitgefangene ins „Spanish Dungeon“ im Keller gesteckt wurden, wo sie bei Wasser und Brot, ohne Toilette und teilweise angekettet, dahinvegetierten.
Tatsächlich gab es in den 1930er Jahren eine Reihe von Vorfällen, die kein gutes Licht auf die Leitung warfen. So war der erste Todesfall eines Häftlings vermeidbar gewesen. Der Insasse Jack Allen hatte wiederholt über Schmerzen und Krämpfe geklagt, der Internist des Gefängnisses hatte ihn jedoch als Simulant bezeichnet. Als Allen immer wieder um Hilfe bat, landete er statt auf der Krankenstation in einer Isolationszelle. Einen Tag später war er tot.
Auch der erste „Fluchtversuch“ endete tödlich. Joseph Bowers litt unter Epilepsie und hatte bereits mehrere Suizidversuche hinter sich, als er am 27. April 1936 während eines Arbeitseinsatzes den Zaun neben der Müllverbrennungsanlage hinaufzuklettern begann. Die Wachen schossen ihn nieder. Nach Ansicht vieler Häftlinge hatten sie damit keine Flucht vereitelt, sondern einen kranken Mann ermordet.
Einen ernst zu nehmenden Fluchtversuch unternahmen am 16. Dezember 1937 die Häftlinge Ted Cole und Ralph Coe. An einem nebligen Tag entkamen sie durch ein Fenster in einer Gefängniswerkstatt. Auch das Tor im äußeren Zaun stellte kein ernsthaftes Hindernis für sie dar. Erst nach einer halben Stunde wurde ihr Verschwinden bemerkt. Eine groß angelegte Suchaktion blieb erfolglos. Sie wurden nie wieder gesehen.
Zum Debakel für das BOP wurde dann ein Gerichtsprozess, der im Frühjahr 1941 geführt wurde. Im Dezember zuvor hatte Henri Young seinen Mitgefangenen Rufus McCain mit einem selbst gebastelten Messer getötet. Seine Pflichtverteidiger Sol Abrams und James MacInnis legten vor Gericht dar, er habe sich während der Tat in einem „psychologischen Koma“ befunden, ausgelöst durch die unmenschlichen Haftbedingungen. Der Richter stimmte ihrem Antrag zu, Häftlinge vorzuladen, um über das Leben auf Alcatraz zu berichten. Direktor Johnston musste vor Gericht einräumen, dass das „Spanish Dungeon“ wirklich existierte. Nicht nur für die Presse war das ein gefundenes Fressen. Auch die Jury ließ es sich nicht nehmen, eine Untersuchung der Zustände auf Alcatraz zu fordern.
Der Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 entzog Alcatraz dem Rampenlicht. In der dortigen Wäscherei wurden nun vermehrt Uniformen der Armee gewaschen. In einer solchen verkleidet und mit Papieren ausgestattet, die ein Soldat in einer Tasche vergessen hatte, gelang John Giles am 31. Juli 1945 beinahe die Flucht, nachdem er die Crew der Fähre nach Angel Island davon hatte überzeugen können, dass er ein Angehöriger des Armee-Telefondienstes sei. Bei seiner Ankunft auf der Nachbarinsel wurde er jedoch als Häftling erkannt.
Im Folgejahr kam es dann zur „Schlacht von Alcatraz“. Ausgangspunkt war ein Fluchtplan des Bankräubers Bernard Coy. Zu dessen Pflichten gehörte unter anderem, die Bücher aus der Gefängnisbibliothek zu verteilen sowie die Flure im Zellenblock zu wischen, weshalb er über eine relativ große Bewegungsfreiheit verfügte.
Er erkannte, dass Bert Burch, der von der „Gun Gallery“ aus den Zellenblock C überwachte, immer dann seinen Posten verließ und in den Nachbarblock D hinüberging, wenn die dort inhaftierten Häftlinge zum Duschen geführt wurden. Dies geschah stets zum gleichen Zeitpunkt, zu dem ein anderer Mitarbeiter, William Miller, den Häftling Marvin Hubbard, der in der Küche arbeitete, von dort zurück in seine Zelle führte.
Am 2. Mai passten Coy, der gerade den Flur wischte, und Hubbard diesen Moment ab, um Miller zu überwältigen. Dann kletterte der sehr magere Coy zur „Gun Gallery“ hoch, erweiterte mit einem selbst gebauten Werkzeug die Lücke zwischen zwei Gitterstäben, quetschte sich hindurch und überfiel Burch bei seiner Rückkehr aus Block D. Er würgte ihn bis zur Bewusstlosigkeit und nahm ihm sein Springfield-Gewehr und seinen 45er-Revolver ab.
Danach kletterte er wieder hinunter zu den Zellen, aus denen Hubbard bereits ihre Komplizen Joseph Cretzer und Miran Thompson sowie weitere Häftlinge befreit hatte, von denen sich Clarence Carnes ihnen anschloss. In der Folge gelang es der Gruppe, mehrere Mitarbeiter, die einzeln den Zellenblock passierten, gefangen zu nehmen und in die Zellen 402 und 403 zu sperren. Dann drangen sie in den Zellenblock D ein, wo sich ihnen Sam Shockley anschloss.
Nur langsam realisierten die Mitarbeiter im Kontrollraum, dass etwas nicht stimmte – und schickten dann immer wieder einzelne ihrer Kollegen los, um nachzusehen. Einer nach dem anderen landete in den Zellen 402 und 403.
Als schließlich der Alarm losging, waren die Geiselnehmer bereits frustriert. Keiner der Schlüssel, die sie Miller und den anderen abgenommen hatten, passte zur Tür, die nach draußen auf den Hof führte. Miller und seinen Kollegen war es gelungen, diesen wichtigen Schlüssel zu verstecken. Als er dann doch aus ihnen herausgeprügelt wurde, war das Schloss aufgrund zu vieler Fehlversuche bereits blockiert. Frustriert und angestachelt von seinen Mitstreitern ging Cretzer zu den Zellen 402 und 403 – und leerte das Magazin der 45er.
Inzwischen hatte Direktor Johnston das BOP informiert. Dessen Direktor James Bennett setzte Unterstützung aus umliegenden Gefängnissen in Marsch. Außerdem informierte er die Küstenwache und das US Marine Corps.
Mittlerweile feuerten die Mitarbeiter mit Gewehren durch die Fenster in den Zellenblock. Die Häftlinge versteckten sich hinter ihren Matratzen, um nicht von Querschlägern getroffen zu werden. Auch Thompson, Shockley und Carnes zogen sich zurück. Nur Coy, Cretzer und Hubbard beschlossen zu kämpfen.
Am Nachmittag versuchte ein Team unter Lieutenant Bergen, in den Zellenblock vorzurücken. Fast umgehend wurden sie von Kugeln getroffen. Diese waren nicht von Coy und seinen Komplizen abgefeuert worden, sondern von ihren Kollegen, die weiter auf alles schossen, was sich hinter den Fenstern bewegte. Ein Wärter wurde getötet, drei weitere verwundet. Erst beim nächsten Vorrücken am späten Abend gelang es, die Geiseln zu befreien, von denen die meisten durch die Schüsse Cretzers nur leicht verwundet worden waren. Nur William Miller erlag seinen Verletzungen.
Die ganze Nacht hindurch feuerten die Wärter mit Tränengasgranaten und einem aus San Quentin herbeigeschafften Thompson-Maschinengewehr in den Block. Am Morgen ließ ein Sprengstoffexperte der Marines Löcher ins Dach bohren, durch die es Splitter- und Blendgranaten in den Zellenbereich hinabregnete. Bald waren alle Wasserleitungen geborsten und Block C geflutet.
Erst am Morgen des 4. Mai rückten unter neuerlichem Deckungsfeuer wieder Mitarbeiter vor. In einem Wartungskorridor hinter den Zellen fanden sie die Leichen von Coy, Cretzer und Hubbard. Bei Coy und Cretzer hatte bereits die Leichenstarre eingesetzt.
Es ist unklar, ob die toten Häftlinge durch Kugeln von außen starben oder sich selbst getötet hatten. Die überlebenden Shockley und Thompson wurden im Dezember 1948 in der Gaskammer von San Quentin hingerichtet. Nur Carnes, der in der Küche gewesen war, als Cretzer auf die Geiseln schoss, kam mit einer Verlängerung seiner Haftstrafe davon.
Für Alcatraz war die Schlacht der Anfang vom Ende. Das Gefängnis war ein Relikt der Gangster-Ära, eine Erinnerung an die Zeit der Prohibition und der Großen Depression, an die Welt Dillingers und Capones. Im Amerika der Nachkriegszeit war kein Platz mehr für einen solchen Ort. Im März des Jahres 1963 verließen die letzten Häftlinge die Insel.
Geschichte zum Hören
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Literatur
David Ward/Gene Kassebaum, Alcatraz. The Gangster Years. Berkeley 2009.






