Mit dem Wandel der Schadstoffbelastungen in der Luft verfärben sich auch die Gebäude der großen Städte. So könnte das Grau-in-Grau der Wolkenkratzer und Kathedralen bald der Vergangenheit angehören, denn durch die Oxidation der angelagerten Rußpartikel beginnen sich die Gebäude zunehmend rötlich, gelb und sogar grün zu verfärben.
Derzeit hellen sich die Fassaden der Prunkbauten aus dem 20. Jahrhundert auf, aber auch ältere Gebäude verändern ihre Farbe, fanden Wissenschaftler der Universität von East Anglia in Norwich nun heraus. Der Klimawandel verursacht häufigere Niederschläge, welche die jahrhundertealten Rußablagerungen auswaschen. Begünstigt wird diese natürliche Reinigung der Gebäude durch strengere Abgasregelungen, die neue Ablagerungen von Schmutzpartikeln verringern. Unter den Schmutzschichten befinden sich oxidierte organische Verbundstoffe, die nun farbenprächtig zum Vorschein kommen. Diese Veränderungen im Farbton sind bereits jetzt an Gebäuden wie dem Tower of London sichtbar, sagen die Forscher: “Die Fassade der Londoner Sehenswürdigkeit beginnt langsam, gelblich und rotbraun zu schimmern”.
Die Forscher hatten die Verschmutzung von über 900 Gebäuden in London untersucht und festgestellt, dass die extreme Verschmutzung in den vergangenen 200 Jahren eine starke Ausnahme war. Riesige Industrieanlagen verpesteten die Luft mit ihren Abgasen, die ungefiltert in die Atmosphäre geblasen wurden, auch der Verkehr nahm in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm zu. Der im Rauch der Schornsteine und Autoabgasen enthaltene Ruß lagerte sich im Laufe der Jahre an den ebenfalls zu dieser Zeit entstehenden Prunkbauten ab. Der einstige Glanz heller Kalksteinfassaden vieler Wolkenkratzer war bereits nach kurzer Zeit einem schwarz-grauen Schleier gewichen.
Die Wissenschaftler werteten die Daten von aufgezeichneten Schadstoffbelastungen aus und konnten mit Hilfe mathematischer Formeln die Auswirkungen von Klima- und Abgasveränderungen berechnen. Da die Aufzeichnungen nicht bis zu den Anfängen der Industrialisierung zurückreichten, analysierten sie Steuerbilanzen, in denen der Verbrauch von fossilen Brennstoffen seit dem 19. Jahrhundert aufgezeichnet worden war. Mit diesen Daten und Analysen der Bausubstanz konnten die Forscher Verfärbungen der Fassaden in London über einen Zeitraum von 900 Jahren zurückverfolgen.
Neben den Rot- und Gelbtönen könnten sich Gebäudeoberflächen bald auch grün verfärben. Denn die modernen Zusammensetzungen von Benzin und Diesel begünstigen den Wuchs von Moosen, erklärt Cliff Davidson von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Die heutigen Kraftstoffe verbrennen mit weniger Rückständen und enthalten weniger Sulfate, die das Pflanzenwachstum hemmen könnten. Die Färbung der Oberflächen wird jedoch nicht einheitlich sein, da die Oxidation von der Oberflächenbeschaffenheit abhängt. So wachsen zum Beispiel Moose und Flechten an feuchten Orten und siedeln sich bevorzugt an Rissen und Ecken an.
New Scientist ddp/wissenschaft.de ? Stefan Pröll





