“Der Planetoid Mathilde mußte schon erstaunlich viele Treffer einstecken”, sagt Joseph Veverka. “Auf den ersten Blick sieht man mehr Krater als Planetoid!”
Der Wissenschaftler von der Cornell University in Ithaca, New York, ist für die Kamera der Raumsonde NEAR (Near Earth Asteroid Rendezvous) verantwortlich. Gesteuert von einem Team des Labors für angewandte Physik der Johns Hopkins University im amerikanischen Maryland, flog NEAR Ende Juni binnen 25 Minuten in einem Abstand von nur 1200 Kilometer an Mathilde vorbei. Deren Entfernung von der Sonne betrug zu diesem Zeitpunkt rund 300 Millionen Kilometer – das Doppelte des Erdbahnradius.
Die im Kontrollzentrum versammelten Wissenschaftler haben auf der sonnenbeschienenen Seite des Kleinplaneten mindestens fünf Einschlaglöcher mit Durchmessern von über 20 Kilometern gezählt. Nach den Schatten zu urteilen, sind die “Narben” ziemlich tief. Die Wissenschaftler wundert, daß die Einschläge den Planetoiden, der selbst einen Durchmesser von 52 Kilometer hat, nicht völlig zerfetzt haben.
Eine mögliche Erklärung liefert eine Entdeckung von Donald Yeomans vom Jet Propulsion Laboratory im kalifornischen Pasadena: Aus einer geringfügigen Frequenzänderung der Radiosignale von NEAR während des Vorbeiflugs an Mathilde errechnete er, daß der Planetoid die Geschwindigkeit der Raumsonde um einen Millimeter pro Sekunde vermindert hat. Daraus schloß Yeomans auf die Stärke des Schwerefeldes und auf die Masse von “253 Mathilde”, wie der Planetoid wissenschaftlich exakt heißt. Das Ergebnis: Er wiegt lediglich etwa 100 Billionen Tonnen – ein Millionstel der Masse des Mondes. Seine Dichte beträgt somit nur etwa 1,3 Gramm pro Kubikzentimeter. Yeomans: “Wäre der Planetoid noch etwas leichter, könnte er auf Wasser schwimmen.”
Offenbar ist Mathilde ½ziemlich hohl. Sie scheint kein kompakter Körper zu sein, sondern eine lockere Ansammlung von Gesteinen, die von der Schwerkraft gerade zusammengehalten werden. Dies könnte auch erklären, warum Mathilde bei Kollisionen mit zum Teil kilometergroßen Geschossen nicht zertrümmert wurde: Die Hohlräume könnten die Wucht der Einschläge abgefedert haben.
Noch ein weiteres Rätsel stellt Mathilde den Wissenschaftlern: Ihre Umdrehungs-periode ist mit 17,4 Tagen extrem lang. Die vielen Treffer hätten die Rotationsgeschwindigkeit aber stark erhöhen müssen – es sei denn, sie wären alle in Richtung des Massenmittelpunktes auf Mathilde eingestürzt. Das aber ist höchst unwahrscheinlich. Denkbar ist vielmehr, daß die Drehung nach den Einschlägen durch ausströmendes Gas oder durch die Gezeitenwirkung eines kleinen Mondes wieder abgebremst wurde. Für beides haben die Wissenschaftler bislang jedoch kein Indiz.
Die Raumsonde NEAR ist die erste im neuen Discovery-Programm der Nasa. Mit diesen Missionen sollen interessante Objekte im Sonnensystem untersucht werden, wobei die Kosten pro Reise maximal 150 Millionen Dollar betragen dürfen – zuzüglich der Kosten für den Raketenstart.
Mathilde war für NEAR nur eine Sehenswürdigkeit am Wegesrand. Hauptziel der Sonde ist der Planetoid “633 Eros”, den sie im Februar 1999 erreichen und dann mindestens ein Jahr lang umkreisen wird. Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Sonde den Planetoiden in einem Abstand von teilweise nur 30 Kilometer durchs All begleiten. Damit wird Eros der am besten studierte Planetoid aller Zeiten sein.
Rüdiger Vaas





