Ein winziges Wesen plumpste einst in einen See im heutigen China 55 Millionen Jahre später avancieren seine Überreste nun zur wissenschaftlichen Sensation: Sein gut erhaltenes Fossil repräsentiert den ältesten bekannten Vertreter aus dem Stammbaum der Primaten, zu denen auch der Mensch gehört. Den Untersuchungen eines internationalen Forscherteams zufolge handelt es sich konkret um eine urtümliche Art aus der Entwicklungslinie der heutigen Koboldmakis. Demzufolge hatte sich der Stammbaum der Primaten bereits vor 55 Millionen Jahren verzweigt.
Das Fossil stammt von einer Fundstätte in der chinesischen Hubei Provinz, nahe des Jangtse Flusses. Hier gab es vor rund 55 Millionen Jahren einen See, in dessen Sedimenten sich Fossilien besonders gut erhalten haben. Sie sind in die Schichten des Sedimentgesteins eingelagert wie in einen Blätterteig so auch die Überreste des frühen Primaten. Dadurch hat sich nicht nur sein Skelett erhalten, sondern es gibt auch einen beidseitigen Abdruck des Wesens im Gestein.
Die Forscher um Xijun Ni von der Chinese Academy of Sciences in Peking erfassten die Strukturen des Fossils mittels umfangreicher Röntgenaufnahmen. Auf diese Weise musste das filigrane Skelett nicht völlig vom Gestein befreit werden somit war also eine zerstörungsfreie Untersuchung möglich. Aus den Bildern konnten die Forscher schließlich ein dreidimensionales Computermodell der winzigen Kreatur erzeugen, das genaue anatomische Analysen ermöglichte. Die dreidimensionalen Scans ließen das Wesen gleichsam wieder auferstehen, sagt Co-Autor Paul Tafforeau von der European Synchrotron Radiation Facility in Grenoble.
Ein spannender Winzling
Das 3D-Modell offenbarte schließlich die Eigenschaften des urtümlichen Primaten, den die Forscher Archicebus achilles tauften. Er war nur etwa 71 mm groß und sein geschätztes Gewicht betrug 20-30 Gramm. Die spitzen Zähnchen und der Bau seiner Extremitäten lassen vermuten, dass Archicebus von Ast zu Ast hopste, um nach Insekten zu grapschen. Vermutlich war er kein Jäger der Nacht, sondern tagaktiv, vermuten die Forscher anhand der Eigenschaften seiner Augenhöhlen. Bestimmte Aspekte seiner Anatomie legen nahe, dass es sich um einen frühen Vertreter der Entwicklungslinie der Koboldmakis (Tarsiidae) handelte, berichten die Wissenchaftler. Die heutigen Arten kommen auf den südostasiatischen Inseln vor, wo sie mit ihren riesigen Augen nach Nachtinsekten Ausschau halten. Diese Primatengruppe bildet einen Unter-Zweig des Astes der sogenannten Trockennasenprimaten. Dieser gabelt zwischen Tarsiidae und den Anthropoidea, zu denen die Affen und auch der Mensch gehören.
Den Vergleichen der Forscher zufolge hat das neu entdeckte Wesen Eigenschaften, die nahelegen, dass die Aufspaltung zwischen diesen beiden Entwicklungslinien vor rund 55 Millionen Jahren bereits stattgefunden hatte. Obwohl Archicebus ein Mitglied der Tarsiidae-Linie zu sein scheint, besitzt er auch noch einige Eigenschaften, die ihn mit den Anthropoidea verbinden, darunter seine vergleichsweise kleinen Augen und die Anatomie seiner Füße, erklärt Co-Autorin Marian Dagosto von der Northwestern University in Chicago. Seine geringe Größe weist außerdem darauf hin, dass die frühen Vorfahren im Stammbaum der Primaten allesamt Winzlinge waren, sagen die Forscher.
Die ältesten bisher bekannten Vertreter aus der Evolutionsgeschichte der Primaten sind sieben Millionen Jahre jünger als Archicebus achilles. Außerdem handelte es sich bei diesen früheren Funden um Wesen, die der Entwicklungslinie der Lemuren zuzuordnen sind. Diese hatte sich bereits früher in der Entwicklungsgeschichte vom Stammbaum der Primaten abgespalten – Archicebus steht uns also evolutionär betrachtet näher. Das macht den Winzling so spannend und nun zum Gegenstand vieler weiterer Analysen, sagen die Forscher.
Xijun Ni (Chinese Academy of Sciences, Peking) et al.: Nature, doi:10.1038/nature12200 © wissenschaft.de – Martin Vieweg





