von ANDREA HOFERICHTER
Wie ein gestrandeter Wal liegt das 80 Meter lange Rotorblatt auf dem Betonpflaster des Bremerhavener Gewerbegebiets, kurz hinterm Deich. Ein Mann in Schutzmontur fährt auf einer mobilen Arbeitsbühne im Zeitlupentempo am Flügel entlang. Mit der Lanze eines Wasserstrahlschneiders zielt er auf die schmutzig graue Haut des Rotorblatts, bis sie aufbricht. Wasser spritzt, es zischt und dröhnt.
„Das Rotorblatt muss regelrecht filetiert werden, und man muss vorsichtig zwischen den Materialien entlangschneiden, um sie möglichst sauber zu trennen“, sagt, einige Meter von dem Getöse entfernt, Peter Meinlschmidt, Forscher am Fraunhofer-Institut für Holzforschung WKI in Braunschweig.
Das Rotorblatt, das aus Belastungstests am benachbarten Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES stammt, soll helfen, das Sezieren und Recyceln der Werkstoffe darin zu optimieren. Zu den Innereien gehören glasfaser- und karbonfaserverstärkte Kunststoffe, Kunstharze, Polyurethanschaum und Balsaholz. Meinlschmidt und sein Team haben es vor allem auf das Holz abgesehen.
Begehrtes Balsaholz
Aus dem extrem leichten Werkstoff, der bei Modellbauern beliebt ist und als Furnier in Tischtennisschlägern und Surfbrettern dient, wollen die Forscher etwa Dämmstoffe, Verpackungsmaterial und Terrassendielen fertigen.
Der Physiker klettert durch ein autogroßes Loch in den Flügel und zeigt, wo sich das helle Holz verbirgt. „Balsaholz bildet in vielen Rotorblättern die Tragstruktur für die Glasfasermatten auf der Windangriffsfläche“, erklärt er. Bis zu zehn Kubikmeter, und damit etwa 1500 Kilogramm Balsaholz, stecken in einem Rotorblatt. Das reduziert das Gewicht der Rotoren, denn Balsaholz hat eine Dichte von nur 100 bis 200 Kilogramm pro Kubikmeter.
„Und wenn man es als sogenanntes Hirnholz schneidet, also quer zur Faserrichtung, ist es auch sehr druckstabil“, sagt der Forscher. Das Holz aus einem Rotorblatt wieder herauszubekommen, ist allerdings mühsam, denn die Materialien sind fest miteinander verklebt. Rotorblätter gelten als Problemzone des Recyclings von Windkraftanlagen. Lediglich der Stahl und der Beton, aus dem Türme und Sockel im Wesentlichen bestehen, lassen sich derzeit mit etablierten Verfahren wiederaufbereiten.
Eine Lösung werde dringend benötigt, mahnten Meinlschmidts Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal bei Karlsruhe schon vor ein paar Jahren. Sie haben hochgerechnet, dass künftig pro Jahr Tausende Rotorblätter ausrangiert werden. Bis 2030 könnten es mehr als 150.000 sein.





