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Raubtier frisst Eroberer
Archäologie

Raubtier frisst Eroberer

Holzskulptur eines Tigers mit einem Menschen, der eine Flasche hält, auf einem blauen Sockel. mauritius images / CC BY SA / imageBROKER

Die britischen Kolonialkriege in Indien füllen ganze Bibliotheken. Wenig bekannt, vor allem im Westen, ist eine skurrile Tigerfigur aus Holz und Metall, die während der Mysore-Kriege (1767–1799) eine starke Symbolkraft entfaltete.
Autor
Redaktion
20. März 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Archäologie
Die britischen Kolonialkriege in Indien füllen ganze Bibliotheken. Wenig bekannt, vor allem im Westen, ist eine skurrile Tigerfigur aus Holz und Metall, die während der Mysore-Kriege (1767–1799) eine starke Symbolkraft entfaltete.

Eine künstlerisch gelungene Karikatur ist „Tipus Tiger“ nicht gerade. Mit Holz als Werkstoff wirkt der Körper für eine Raubkatze viel zu klotzig. Auch zeigt das schwarze Streifenmuster wenig von der Eleganz und Ästhetik eines lebenden Tieres. Doch als symbolischer Schlag gegen die britischen Kolonialherren taugte die Figur allemal.

Der hölzerne Tiger lässt sich als Sinnbild Indiens lesen, der unter ihm auf dem Rücken liegende, europäisch gekleidete Mann verkörpert die britischen Eroberer. Die Figur entstand im Umfeld der Mysore-Kriege im späten 18. Jahrhundert – einer Serie von Konflikten zwischen dem Königreich Mysore und der Britischen Ostindien-Kompanie, in denen es um die Vorherrschaft in Südindien ging. Der Tiger steht für Tipu Sultan, den Herrscher von Mysore, der das Tier zum Emblem seines Widerstands gegen die britische Kolonialexpansion machte.

Was man auf den ersten Blick kaum vermutet: Im Bauch der karikierten Wildkatze steckt ein Spiel- und Tonautomat, mit dem sich allerlei Schabernack auf Kosten der Briten treiben ließ. Angetrieben von einer Kurbel, wie bei einer Musikorgel, lassen sich im Inneren mit Blasebalgen und Pfeifen verschiedene Töne und Geräusche erzeugen. Beispielsweise entweichen dem britischen Soldaten wehklagende Laute, mit Heben und Senken des linken Arms kann die Tonlage verändert werden. Der mechanische Tiger kann aus den Pfeifen auch brüllen.

In der Überlieferung wird der Automat gelegentlich mit Sir Hector Munro in Verbindung gebracht, einem prominenten Offizier der Britischen Ostindien-Kompanie. Nachweisbar ist vor allem: Munros Sohn kam 1792 tatsächlich bei einem Tigerangriff ums Leben. Ob der Mann unter dem Tiger gezielt auf ihn anspielt, lässt sich jedoch nicht sicher belegen.

Tipu Sultan konnte am Ende den Briten nicht standhalten. Nach dem dritten Mysore-Krieg (1790–1792) war sein Reich bereits geschwächt; im vierten Waffengang fiel 1799 Shrirangapattana, die Hauptstadt von Mysore. Um sie einzunehmen, rückten die Briten und ihre Verbündeten mit rund 50 000 Soldaten an. Tipu Sultan starb im Kampf, sein Besitz wurde Beute. Auch der Tiger-Automat wechselte die Seite: Aus dem Spottobjekt gegen die Kolonialmacht wurde eine Trophäe der Sieger. „Tipus Tiger“ fraß fortan keine Eroberer mehr.

Autor: Rudolf Gruber

Info

„Tipus Tiger“ sollte ursprünglich im Londoner Tower ausgestellt werden, doch dann entschied die Britische Ostindien-Kompanie, ihn zunächst im eigenen Museum in London zu präsentieren. Heute kann der originelle Tonautomat (etwa 170 x 70 Zentimeter) in Gestalt einer hölzernen Raubkatze im Londoner Victoria and Albert Museum besichtigt werden.

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