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Rätsel der Kugelkristalle gelöst
Astronomie & Physik

Rätsel der Kugelkristalle gelöst

Kristalle bilden meist eckige Formen – vom Würfel bis zum Zackensternchen eines Schneekristalls. Doch unter bestimmten Bedingungen können auch kugelige Kristallformen entstehen. Wie solche Sphärulite gebildet werden und welche Bedingungen dafür nötig sind, hat nun ein Forschungsteam am Beispiel verschiedener…
Autor
Nadja Podbregar
02. März 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Astronomie & Physik

Von gewöhnlichem Kochsalz über Schneeflocken bis hin zu Edelsteinen und Diamanten – Kristalle begegnen uns überall in der Natur. Sie entstehen, wenn Wasser gefriert, eine Schmelze erkaltet oder wenn eine übersättigte Salzlösung länger steht. Angestoßen durch einen Kristallisationskeim bildet sich aus dem flüssigen Ausgangsmaterial nun ein geordneter Kristall – ein festes Gitter von regelmäßig angeordneten Atomen. Meist haben die dabei gebildeten Kristalle eine charakteristisch eckige geometrische Form: Sie bilden Würfel, Trapeze oder sechsarmige Sternchen wie bei den Schneeflocken. Doch es gibt kristalline Gebilde, die komplexe, polykristalline Kugeln bilden, sogenannte Sphärulite. Auch diese kommen in der Natur in vielen verschiedenen Materialien und Zusammenhängen vor. „Mineralogen erforschen metergroße Sphärulite in rhyolitischer Lava, in der Medizin kommen Sphärulite bei Nierensteinen oder den Ablagerungen von Amyloid-Proteinen von Alzheimer und Parkinson vor“, erklären Tess Heeremans von der Universität Amsterdam und ihre Kollegen. „Aber trotz ihrer weiten Verbreitung sind die Dynamik der Sphärulit-Kristallisation und die Bedingungen für das Wachstum solcher Kristalle bisher kaum verstanden.“

Kristallisationstests mit Sulfaten

Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Heeremans und ihr Team nun die Bildung dieser kugeligen Kristallgebilde im Labor untersucht. Mithilfe verschiedener Sulfatsalz-Lösungen probierten sie aus, wann und wie genau sich die Sphärulite bilden. Dafür mischten sie Natriumsulfat (Na2SO4) mit zweiwertigen Eisen- oder Magnesiumsulfatlösungen und gaben Tropfen dieser übersättigten Lösung auf eine Unterlage. Dabei zeigte sich: Bei bestimmten Konzentrationsverhältnissen von einwertigem Natriumsulfat zu einem der zweiwertigen Sulfate entstanden nicht die sonst üblichen polyedrischen Kristalle, sondern kugelige Sphärulite. Diese ähnelten unter dem Mikroskop winzigen Seeigeln oder Korallen. „Als wir sahen, wie sich unter dem Mikroskop diese Kugeln aus unseren salzhaltigen Mischungen entwickelten, konnten wir kaum wegschauen – es war einfach cool!“, schildert Heeremans ihren ersten Eindruck.

Weitere Experimente ergaben, dass die Sphärulite auch entstehen, wenn die Eisen- und Magnesiumsulfate durch andere zweiwertige Salze beispielsweise auf Basis von Kupferionen oder Zinn ersetzt werden. „Das legt nahe, dass der Mechanismus des Sphärulitwachstums nicht spezifisch ist, sondern in verschiedenen Mischungen von zweiwertigen Sulfatsalzen stattfinden kann“, schreiben die Forschenden. Die Mischung von Natriumsulfat mit einem weiteren ebenfalls einwertigen Sulfatsalz führte dagegen nicht zum Erfolg. Die Präsenz zweiwertiger Ionen in der Salzlösung ist demnach entscheidend, um Natriumsulfat-Sphärulite zu bilden, so das Team.

Cluster, Nanokristalle und dann Sphärulit

Nähere Analysen enthüllten den Mechanismus und Ablauf dieser Kristallisation: „Zuerst werden hochkonzentrierte, dichte Flüssigkeitscluster in einem hochviskosen Medium stabilisiert, weil die zweiwertigen Ionen die Fähigkeit besitzen, Komplexe zu bilden“, schreiben Heeremans und ihre Kollegen. Im zweiten Schritt kristallisieren aus diesen Clustern dann Nanokristalle aus. Sie bilden ein Zwischenstadium auf dem Weg zum Sphärulit und lagern sich im Laufe der Zeit durch Selbstorganisation zu losen, kugeligen Gruppen zusammen. Mit weiterem Wachstum verschmelzen diese Nanokristalle und entwickeln sich zu stabileren Formen. Damit gehören die kugelförmigen Sphärulite zu den Kristallen, die durch nicht-klassische Wachstumsprozesse entstehen, wie das Team erklärt: Sie wachsen nicht direkt aus der übersättigten Lösung heran, sondern bilden sich über einen metastabilen Übergangszustand aus Zwischenprodukten – in diesem Fall den Nanokristallen. „Dies liefert neue Einblicke in mehrschrittige Kristallisationsprozesse und demonstriert die metastabile Natur der Sphärulite“, schreiben Heeremans und ihre Kollegen.

Die neuen Erkenntnisse könnten auch praktische Anwendungen haben. Denn Kristallisationsprozesse spielen in vielen Bereichen eine wichtige Rolle, von der chemischen Abtrennung von Medikamentenwirkstoffen über die Züchtung von Halbleiterkristallen bis zu neuen Materialien. Mithilfe gezielt gezüchteter Sphärulite könnte man beispielsweise Materialien mit komplexen inneren Strukturen und außergewöhnlich großer Oberfläche entwickeln. „Indem wir die entscheidenden Wachstumsbedingungen identifizieren, können wir kristalline Salze dazu bringen, diese Strukturen mit hohem Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis zu formen, was die Eigenschaften vieler Materialien grundlegend verändern kann“, sagt Heeremans.

Quelle: Tess Heeremans (Universiteit van Amsterdam) et al., Communications Chemistry, doi: 10.1038/s42004-026-01892-0

Sphärulit

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