von DIRK EIDEMÜLLER
Im Herbst 2017 klingelten bei mehreren europäischen Strahlenschutzbehörden die Telefone. Über den gesamten Kontinent verteilte Messstationen hatten plötzlich eine erhöhte Konzentration des radioaktiven Isotops Ruthenium-106 gemessen. Dieser Stoff besitzt 44 Protonen und 62 Neutronen im Atomkern, ist radioaktiv und tritt nicht natürlich auf. Auch in Deutschland registrierten einige Stationen des staatlichen Integrierten Mess- und Informationssystems (IMIS) geringe Mengen an radioaktivem Ruthenium. Die gemessenen Spuren waren zwar sehr gering und stellten keine nennenswerte Strahlenbelastung dar. Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz betrug die höchste gemessene Konzentration in Deutschland lediglich etwa fünf Millibecquerel pro Kubikmeter Luft – weit unter allen Grenzwerten. Aber die ungewöhnliche radioaktive Wolke ließ die Experten stutzig werden, da die Freisetzung von radioaktivem Material auf ein unbekanntes Problem hindeuten könnte.
Bei der Suche nach der Quelle analysierten die Forscher die möglichen Ausbreitungswege. „Dabei halfen die Daten des Deutschen Wetterdienstes“, sagt Matthias Zähringer, Leiter der Abteilung Radiologischer Notfallschutz am Bundesamt für Strahlenschutz. „Wir arbeiten aber auch mit Ausbreitungsmodellen, um die wahrscheinlichste Ursprungsregion zu ermitteln.“
Eine gemeinsame Studie mit Teilnehmern aus fast allen Ländern Europas deutet nun auf den Südural als Quelle der Emission hin. Dort befindet sich der große Nuklearkomplex Majak, ehemals zentraler Bestandteil der sowjetischen Atomstrategie. Hierzu gehören neben Kernreaktoren zahlreiche Laboratorien sowie eine Wiederaufbereitungsanlage, in der verschiedene Radionuklide aus abgebrannten Brennstäben von Kernreaktoren gewonnen werden.
Wenn ein solcher Brennstab frisch aus dem Reaktor kommt, ist er glühend heiß. In ihm liegen als Spaltprodukte viele verschiedene hochradioaktive Substanzen vor – darunter mehrere Ruthenium-Isotope. Doch wenn es einen Reaktorunfall oder Probleme mit undichten Brennstäben gegeben hätte, dann hätte man nicht nur Ruthenium finden müssen, sondern eine große Bandbreite an radioaktiven Substanzen.
„Deshalb haben wir in unserem europäischen Verbund die Messdaten noch einmal sehr genau analysiert“, sagt Zähringer. In sehr geringen Mengen konnten die Wissenschaftler dabei Ruthenium-103 nachweisen, das mit 39 Tagen eine kürzere Halbwertszeit aufweist als Ruthenium- 106 mit 373 Tagen. Wie sich aus dem Verhältnis der beiden Isotope ergab, musste das Ruthenium aus vergleichsweise frisch abgebrannten Kernbrennstäben stammen. Die russische Seite blieb zwar bei einer Nachfrage schweigsam. Doch für die Forscher verdichteten sich nun langsam die Indizien.





