Schon im chinesischen Kaiserreich, zu Zeiten der Han-Dynastie, etwas über 200 Jahre nach Christus, wurde der Ling-Zhi-Pilz – hier bekannt als Reishi – in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet. Jetzt werben immer wieder Social-Media-Influencer mit der vermeintlichen Wirkung solcher „Vitalpilze“. Sie berichten von einem stärkeren Immunsystem, verbesserter Leistungsfähigkeit und Verdauung. Die Pilze sind als Pulver, Kapseln oder sogar Kaffee erhältlich.
Studien nicht am Menschen
Zu den bekanntesten Vitalpilzen zählen Reishi, Shiitake, Chaga, Maitake, Löwenmähne, Cordyceps, Agaricus und Hericium. Was ihnen ihre Wirkung verleihen soll, sind sogenannte bioaktive Bestandteile, darunter Beta-Glucane, Triterpene und Phenole. Diese Verbindungen sollen jeglichen Krankheiten vorbeugen oder sie lindern, zum Beispiel Asthma, Allergien, Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2, Magengeschwüren und Rheuma. Manchen wird sogar eine heilende Wirkung bei Krebserkrankungen zugeschrieben.
Studien – vor allem aus Asien – liefern tatsächlich Hinweise auf positive Wirkungen der Vitalpilze. So soll der Shiitake-Pilz Entzündungen verringern und in Verbindung mit dem Maitake-Pilz das Immunsystem stärken. Das Duo soll auch bei der Behandlung einiger Formen von Krebs, Gestationsdiabetes und hohem Cholesterinspiegel hilfreich sein. Allerdings: Die meisten dieser Studien führen Forschende an Tieren oder im Labor durch statt am Menschen. Ob die Vitalpilze also bei Menschen genauso wirken, ist fraglich.
Kein zugelassenes Arzneimittel
„Generell wissen wir, dass an der biologischen Aktivität von Pilzpräparaten etwas dran ist“, erklärt Biologe Marc Stadler vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gegenüber der Barmer-Krankenkasse. „Es ist allerdings extrem schwierig nachzuweisen, wie genau die Wirkmechanismen in den Vitalpilzen funktionieren. Außerdem ist eine Standardisierung, die wir benötigen, um ein verlässlich dosiertes Medikament zu entwickeln, schwer möglich.“ Bislang sind die Pilze in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen und werden daher meist als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Das bedeutet, ihre Herstellung unterliegt kaum Kontrollen, und die Inhaltsstoffe sind weder standardisiert noch auf Wirksamkeit, Sicherheit oder Nebenwirkungen geprüft.
„Gerade Produkte aus Asien enthalten oft nicht die angegebenen Substanzen oder Dosierungen und sind häufig mit gesundheitsschädlichen Stoffen wie Aflatoxinen und anderen giftigen Pilzsubstanzen verunreinigt“, erklärt die Verbraucherzentrale. Von einer Selbsttherapie mit Vitalpilzen rät die Organisation daher ab – besonders, wenn Anwender Medikamente einnehmen oder eine Chemotherapie durchlaufen. Dann können gewünschte Wirkungen sogar ins Gegenteil umschlagen.





