Riffkalmare im Meerwasser der Zukunft
Welche Folgen die Ozeanversauerung für die intelligenten Kopffüßer hat, haben nun Biologen um Yung-Che Tseng von der Academia Sinica in Taiwan genauer untersucht. Für ihr Experiment zogen sie Gelege des Großflossigen Riffkalmars (Sepioteuthis lessoniana) unter verschiedenen Wasserbedingungen auf. Eine Gruppe der Kalmare wuchs in Wasser mit einem pH-Wert von 8,2 heran – dies entspricht dem heutigen Säuregrad der Meere. Die zweite Kalmargruppe wurde in Wasser mit einem pH-Wert von 7,8 gehalten, wie es für die Zeit um das Jahr 2100 vorhergesagt wird.
Nach 90 Tagen waren die Riffkalmare ausgewachsen und das Team untersuchte die Größe und Struktur ihrer Gehirne mithilfe der Diffusions-Magnetresonanztomografie (dMRT). Dabei zeigten sich überraschend deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen: „Ich sah sofort, dass die Kalmare aus dem sauren Wasser nur halb so große Gehirne hatten“, berichtet Co-Autor Garett Allen von der Acadia University in Kanada. „Das war eine echte Überraschung, so etwas hatte ich nicht erwartet.“

Großflossen-Riffkalmare sind im Pazifik und Indischen Ozean verbreitet, tauchen aber inzwischen auch schon im Mittelmeer auf. — © Su Huai
Gehirn schrumpft um die Hälfte
Nähere Analysen ergaben, dass sich die Körpergröße der Kalmare in beiden Gruppen zwar nicht unterschied, wohl aber ihr Hirnvolumen: Bei den im saureren Wasser aufgewachsenen Tieren war es Schnitt um 49 Prozent verringert. Am stärksten geschrumpft waren die visuellen Zentren und die optischen Loben der Kalmare: Ihr Volumen hatte um 62 beziehungsweise 52 Prozent abgenommen, wie Tseng und sein Team ermittelten.
Noch ist unklar, warum die Kalmare in saurerem Wasser kleinere Gehirne entwickeln. Die Biologen vermuten aber, dass dies mit mangelnder Energie oder fehlendem Sauerstoff während des Hirnwachstums der Kopffüßer zusammenhängt. Sie sind bereits dabei, die Veränderungen der Struktur und Hirnentwicklung genauer zu untersuchen.
Halbblind auf Beutejagd?
Schon jetzt legen Studien nahe, dass die Hirnschrumpfung für die intelligenten Kopffüßer negative Folgen hat. Denn Kalmare jagen ihre Beute typischerweise auf Sicht, eine schnelle Reaktion auf optische Reize ist für sie daher essenziell. Doch wie Biologen beobachtet haben, verhalten sich Riffkalmare aus saurem Wasser anomal: Sie jagen zwischen 40 und 65 Prozent seltener als es für diese Kopffüßer normal wäre und fressen auch deutlich weniger.
Nach Ansicht der Biologen könnte dies daran liegen, dass die Verarbeitung von Sehreizen und die Sehfähigkeit der Kalmare durch das geschrumpfte Gehirn nicht mehr richtig funktioniert. „Wir glauben, dass die Kalmare weniger jagen und fressen, weil sie schlechter sehen“, sagt Allen. „Das liegt jedoch nicht an der Netzhaut ihrer Augen, die unverändert bleibt, sondern vermutlich am geschrumpften Sehlappen.“
Sollte sich dies bestätigen, sind dies schlechte Aussichten für die mit Abstand intelligentesten wirbellosen Tiere. Die fortschreitende Ozeanversauerung verändert nicht nur ihre Umwelt und die Nahrungskette ihrer Lebensräume, sie beeinträchtigt auch ihren Beutefang.
Quelle: Yung-Che Tseng (Academia Sinica, Taiwan) et al., Society for Experimental Biology SEB Conference 2026





