Aus der kleinen Schar von einem Dutzend Habenichtsen um Franziskus, denen Papst Innozenz III. im Mai 1209 versuchsweise seinen Segen für ihr Projekt einer ortsungebundenen Bruderschaft von freiwillig armen Wanderpredigern erteilt hatte, war in wenigen Jahren ein Orden von neuer Gestalt entstanden. In mindestens zwei wesentlichen Elementen ihrer Lebensform standen sie im Gegensatz zum klassischen monastischen Ordensleben nach der Regel des Benedikt von Nursia: Zum einen bezogen die Minderen Brüder, wie Franziskus und seine Gefährten sich nannten, ihr strenges Armutsideal auf jeden einzelnen Bruder, erweiterten es allerdings neuartig auf die Gemeinschaft im Ganzen.
Zum anderen betrachteten die Brüder die ganze Welt als ihr Kloster, soll heißen, dass der Eintritt in eine Klostergemeinschaft nicht mit dem Rückzug aus der Welt einherging, sondern die Aufnahme in einen Orden war, der sich als Personenverband verstand, in dem Brüder Klöster als Orte zum Zweck der Predigt und Seelsorge nutzten.
Dieses innovative Verständnis von religiösem Gemeinschaftsleben war ein Experiment, das getragen wurde von den unmittelbaren Glaubensbedürfnissen der Menschen des 13. Jahrhunderts und die Kirche als Heilsinstitution und als hierarchisch verfasste Institution vor Probleme stellte, aber nicht weniger auch die Akteure der neuen Kommunität selbst.
Wie schwierig die Gratwanderung zwischen Treue zum Ursprung und der Eigendynamik einer Wachstumsgemeinschaft ist, musste Franziskus schmerzhaft bei seinem Versuch in den frühen 1220er Jahren erfahren, die längst überfällige Regel für seine Ordensgemeinschaft zu formulieren. Lange Phasen des Schreibens, des Beratens und Veränderns führten schließlich Ende 1223 zum Regeltext, der von Papst Honorius III. bestätigt wurde. Indes setzte die Regel keinen Schlusspunkt hinter die Entwicklung der Bruderschaft zu einem kanonisch gefestigten Orden.
Richtungskämpfe führen zu Zerreißproben
Dieser Transformationsprozess, den der französische Ordenshistoriker André Vauchez zutreffend als „Normalisierung des Franziskanerordens“ bezeichnet hat, setzte sich etappenweise bis weit nach der Mitte des 13. Jahrhunderts fort. Die Ursachen sind vielschichtig und sowohl im Orden als auch in der Kirchenhierarchie zu verorten.
Im Kern waren es die Kämpfe um die Richtung, in der sich der weiterhin stark wachsende Orden bewegen sollte, die zu Zerreißproben führten. Welches Gewicht sollte das Erbe des Armen aus Assisi künftig noch im Orden haben, und die Gegenfrage: Wie weit sollten Minderbrüder in die kirchliche Hierarchie und ihre seelsorglichen Aufgaben eingebunden werden?
Anhand der Predigt, einem zentralen Element der franziskanischen Seelsorge seit frühester Zeit, ist abzulesen, in welchen Spannungsfeldern sich der Orden behaupten musste. Anfangs als einfache Ansprache zur Buße und Umkehr zu einem sündenfreien Leben auch den Laienbrüdern erlaubt, dehnte sich das Predigtwesen dank eingetretener Priesterbrüder auch auf die diesen vorbehaltene dogmatische Predigt zur lehramtlichen Unterweisung des Kirchenvolkes aus.
Mit der steigenden Zahl von Priestern in der Gemeinschaft nahm auch die Erwartungshaltung an den Gesamtorden zu. Von einer anspruchsvollen Hörerschaft in den Städten über adelige Herrschaftskreise bis zur päpstlichen Kurie mit dem Papst an der Spitze reichten die Stimmen, die eine Ausweitung des franziskanischen Predigtspektrums forderten und im Orden auf geteilte Resonanz stießen; waren doch die Konsequenzen ebenso weitreichend wie umstritten.
Eine qualitative und quantitative Steigerung des Predigtdienstes evozierte längerfristig eine neue Statik und Architektur des franziskanischen Ordensgebildes. Mit der anschwellenden Bedeutung der Predigt ging eine stärkere Position der Ordenspriester einher, sowohl hinsichtlich ihres ordensinternen Einflusses als auch ihrer Zahl. Zudem mussten Brüder zu Predigern ausgebildet werden. Das heißt, man schickte sie an Universitäten. In Regionen ohne Universitäten – wie im Reich nördlich der Alpen im 13. Jahrhundert – musste in ein eigenes Bildungswesen investiert werden.
Ein ausdifferenziertes Predigtwesen, das auf einer kostenintensiven Ausbildung sowie ordensintern auf einer Kleriker- und Bildungselite basierte, lief einer von Franziskus vorgelebten und eingeforderten Demut und Einfachheit der Brüder zuwider.
Unterdessen verschärften sich die internen Spannungen durch Interventionen von päpstlicher Seite. Als eine dem Papst direkt unterstellte Gemeinschaft erlangten die Minderbrüder vor Ort zwar eine weitreichende Unabhängigkeit von Bischof und Pfarrklerus, erfuhren aber zusehends eine Indienstnahme durch das Papsttum. So wurden sie zur Ketzerbekämpfung und zur Predigt für den Kreuzzug herangezogen und in den Machtkampf zwischen Gregor IX. (amt. 1227–1241) und dem Stauferkaiser Friedrich II. involviert.
Einen Höhepunkt der Konflikte innerhalb der Gemeinschaft markiert die 1239 erfolgte Absetzung des seit 1231 amtierenden Elias von Cortona als Generalminister. Elias, dessen autoritärer Führungsstil polarisierte, war Laienbruder und provozierte die Priesterbrüder und insbesondere die gelehrten Brüder unter den Klerikern mit seinen Entscheidungen für den Erhalt der unter Druck geratenen Fraktion der Laienbrüder.
Die innerhalb und außerhalb des Ordens an den Universitäten tätigen, einflussreichen Franziskanertheologen appellierten mit weiteren, mit ihnen konform gehenden Ordensklerikern erfolgreich bei Gregor IX. Der Papst kannte den Minderbrüderorden ganz genau, war er doch als Kardinal Hugolin von Ostia seit 1217 – auf die persönliche Bitte des Franziskus hin – zunächst als Ratgeber und seit 1220 als von Papst Honorius III. bestellter Protektor der Gemeinschaft eng mit ihr verbunden.
Er unterstützte die Umformung zu einem Priesterorden nach Kräften, denn ein Franziskanerorden mit qualifizierten Studien und ambitionierter Seelsorge nach dem Vorbild des Dominikanerordens lag den päpstlichen Interessen deutlich näher.
So erreichte die Koalition von Papst und „Ordensrebellen“ die Einberufung eines Generalkapitels, das Elias absetzte. Elias, der während seiner Amtszeit den Bau der Basilika San Francesco in Assisi durchsetzte und leitete, war der letzte Laienbruder an der Spitze des Ordens.
Sein Nachfolger und zugleich erster Priesterbruder als Generalminister wurde Albert von Pisa, der unter den ersten Brüdern war, die seit 1221 ihren Orden erfolgreich in Deutschland etablierten. Wie zu erwarten, leitete Albert einen Richtungswechsel ein, um den Orden als Klerikerorden zu konsolidieren.
Leitungspositionen sind für Laienbrüder nun verboten
Albert starb nach nur kurzer Amtszeit 1240, doch sein Nachfolger, der Engländer Haimo von Faversham, bestätigte dessen Entschluss, dass Laien nur noch dort zu Oberen zugelassen werden sollten, wo es in den Klöstern keine Priesterbrüder gab. Die Chronik der 24 Generalminister berichtet später, dass auf Initiative des Generalministers Haimo die Laienbrüder vollständig von der Leitung der Provinzen, Kustodien und Konvente ausgeschlossen worden sein sollen.
Auf eine noch weitergehende Zurückdrängung der fratres laici zielten die 1260 vom Generalkapitel in Narbonne beschlossenen Generalkonstitutionen ab. Diese bestimmten, dass nur in den Orden eintreten durfte, wer ein in Grammatik und Logik grundlegend gebildeter Kleriker war, und dass selbst für die häuslichen Dienste Laienbrüder nur in Notfällen und mit spezieller Genehmigung durch den Generalminister aufgenommen werden durften.
Zweifellos war die Absetzung des Elias eine Zäsur für den jungen Orden, doch blieben die nächsten Jahrzehnte unruhige Zeiten. Je mehr und je höher Brüder die Karriereleiter in der kirchlichen Hierarchie emporstiegen, desto kritischer und lauter stellten andere Brüder die Identitätsfrage: Wie hält es der Orden mit den Idealen des Franziskus?
Der schon 1228 heiliggesprochene Arme aus Assisi selbst hatte die „Normalisierung“ als Gefahr erkannt und mit seinem Testament versucht zu verhindern. Dies war gleichwohl vergeblich, denn sein früherer Protektor Gregor IX. höchstpersönlich erklärte 1230 das Testament für nicht bindend.
Nicht zuletzt ausgelöst von der brennenden Frage nach den eigenen Wurzeln kam es in den 1240er Jahren zu einer regen Produktion von neuen Sammlungen von Legenden, Wunderberichten und Lebensbeschreibungen des Franziskus. Ihre Heterogenität spiegelte die weiter auseinanderdriftenden Strömungen im Orden wider.
Währenddessen begann die Ordenslaufbahn des jungen Bonaventura von Bagnoregio, der 1243 in den Pariser Studienkonvent der Franziskaner eintrat und 1257 in das Amt des Generalministers gewählt wurde. Seine Amtszeit erwies sich als wegweisend, und daher ging er als „zweiter Gründer“ des Ordens in die Geschichte ein.
Um den immer zahlreicher kursierenden nichtoffiziellen, also ohne Beauftragung durch Papst oder Ordensleitung aufgezeichneten, Legenden und Textsammlungen Einhalt zu gebieten, beauftragte das Generalkapitel von Narbonne 1260 den Generalminister Bonaventura, eine neue, das vorhandene Material berücksichtigende, maßgebliche, quasi „amtliche“ Vita zu verfassen. Diese konnte er 1263 dem Generalkapitel in Pisa mit seiner ausführlichen „Legenda maior“ und der zusammenfassenden kürzeren „Legenda minor“ vorlegen, die von den versammelten Brüdern positiv aufgenommen wurden.
Handschriften mit früheren Viten werden beseitigt
Das nächstfolgende Generalkapitel 1266 in Paris definierte daraufhin, dass sich Bonaventuras Werke einzig und allein den „wahren“ Franziskus aneigneten, und beschloss deshalb, alle älteren Lebensbeschreibungen des Heiligen zu verbieten und zu beseitigen. Dieser Auftrag zur Büchervernichtung konnte zwar nicht einmal in den eigenen Konventen, geschweige denn in den Bibliotheken anderer Orden, vollständig ausgeführt werden, doch zeitigte er dennoch beträchtliche Handschriftenverluste.
Ein Jahrzehnt später, nachdem Bonaventura 1274 gestorben war, hob das in Padua zusammengekommene Generalkapitel das Vitenverbot 1276 wieder auf, und es erging sogar der Aufruf, nach neuen Informationen über Franziskus zu recherchieren und diese zu sammeln. Eine Pointe der Geschichte besteht darin, dass ausgerechnet Bonaventuras Sekretär, Bernhard von Bessa, sich nunmehr veranlasst sah, eine eigene Legende vorzulegen.
Doch die Wirkung der Franziskus-Biographien des Bonaventura auf das Franziskus-Bild blieb über Jahrhunderte prägend, am sichtbarsten in den Darstellungen der sogenannten Franziskus-Zyklen, prominent zu sehen in den Wandbildern Giottos in San Francesco in Assisi. In gleicher Weise bedeutsam ist die heilsgeschichtliche Deutung des Franziskus im Kontext der Apokalypse durch Bonaventura anzusehen.
Die Franziskus zugeschriebene und von Elias publik gemachte Stigmatisierung, also die ihm von einem Engel zugefügten Wundmale Christi, überhöhte den Heiligen zu einem „zweiten Christus“. Dies war eine Zuschreibung, die Luther und die reformatorischen Theologen als häretisch scharf zurückweisen sollten.
Bonaventuras Generalat, an dessen Ende er zum Kardinal erhoben worden war, stellte in vielen Bereichen Weichen, konnte indes die ebenso wesentliche wie umstrittene Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Armutsgebot nicht befriedigend beantworten. Sie stellte den Orden in den Jahrzehnten nach Bonaventura, der 1274 starb, vor eine große Zerreißprobe.
Ein Teil des Ordens will zurück zu den Wurzeln
Die Einheit des Ordens provozierte der Konflikt mit den sogenannten „Spiritualen“. Unter dieser Bezeichnung firmierten verschiedene Gruppen, die sich gegen die „Kommunität“ der Mehrheit des Ordens abzugrenzen begannen. Sie lehnten die durch päpstliche Regelerklärungen, Privilegien und Konstitutionen angepasste Lebensweise ihrer zeitgenössischen Ordensbrüder zugunsten einer frühfranziskanischen und als „authentisch“ angesehenen Form des Minderbruderseins ab.
Wiederholte ordensinterne Ausgleichsversuche scheiterten und führten die – zum Teil von endzeitlichen Vorstellungen geprägten – Spiritualengruppen zu immer radikaleren Armutsauffassungen. Bald sahen sich die Päpste in Avignon mit den inneren Richtungsstreitigkeiten konfrontiert, ohne sie entschärfen zu können.
Papst Johannes XXII. (amt. 1316– 1334) gestand schließlich 1317 den Ordensoberen das exklusive Recht zu, über konkrete Fragen der Armut zu entscheiden. Die Spiritualen verurteilte er und ließ sie von der Inquisition verfolgen. Von Kirche und Orden ausgeschlossen, existierten Gruppen von Spiritualen in Italien und Frankreich weiter, beispielsweise die Anhänger des prominenten Wortführers Angelus Clarenus. Die als Klarener bis ins 15. Jahrhundert hinein Verfolgten fanden jedoch auf eigene Initiative hin bis 1517 schrittweise wieder in den Orden zurück.
Der spätmittelalterliche Franziskus-Orden zerfiel zusehends in auseinanderstrebende Fraktionen von Reformgruppen und Reformgegnern. Als Papst Leo X. (amt. 1513–1521) es auf dem Generalkapitel 1517 in Rom nicht schaffte, die einzelnen Strömungen zu vereinen, zog er die Konsequenzen und teilte den Orden in zwei Ordenszweige: Die verschiedenen Reformgruppen schloss Leo zum Ordenszweig der Franziskaner-Observanten (OFM) zusammen. Die reformunwilligen Franziskaner hingegen bildeten den Ordenszweig der Franziskaner-Minoriten oder Konventualen (OFMConv).
Dass die Ordensteilung ausgerechnet mit dem Beginn der Reformation zusammenfiel, ist Zufall, doch hatten beide Vorgänge gravierende Folgen für den größten Orden der Kirche. Einen historischen Augenblick später setzte ein dritter für den Orden weitreichender Prozess ein. Denn schon bald wurde deutlich, dass sich insbesondere die Franziskaner-Observanten mit neuen Reformfragen aus den eigenen Reihen konfrontiert sahen, die ihre gerade erst päpstlich verordnete Einheit wieder infrage stellten.
Aus den seit den 1520er Jahren vorhandenen Bemühungen italienischer Franziskaner-Observanten um ein erneuertes Ordensleben entwickelte sich der folgenreichste Aufbruch: Ihr wörtliches Regelverständnis sowie die starke Akzentuierung von Wanderpredigt und brüderlichem Leben in Einsiedeleien ließen sie trotz interner Widerstände und Rückschläge erfolgreich wachsen. Die wegen ihrer spitzen Kapuze „Kapuziner“ genannten Brüder erreichten bis 1619 schrittweise ihre Eigenständigkeit. Damit hatte sich der Franziskanerorden in drei bis zum heutigen Tag bestehende Zweige aufgeteilt.
Literatur
Heinz-Dieter Heimann/Angelica Hilsebein/Bernd Schmies/Christoph Stiegemann, Gelobte Armut. Armutskonzepte der franziskanischen Ordensfamilie vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Paderborn/München/Wien/Zürich 2012.






