Ein Fossil von der Fundstätte Abocador de Can Mata in Spanien liefert nun neue Hinweise zu dem letzten gemeinsamen Vorfahren dieser beiden Familien, wie Forscher um David M. Alba im Fachmagazin „Science” berichten. Die Wissenschaftler beschreiben darin eine neue Primatengattung namens Pliobates. Der Fund könnte den Wissenschaftlern zufolge an einer etablierten Annahme rütteln: „Der Ursprung der Gibbons ist ein Rätsel, weil es kaum fossile Überlieferungen gibt”, sagt Studienautor Alba. „Doch bislang gingen die meisten Experten davon aus, dass ihr letzter gemeinsame Vorfahre mit den Menschenaffen groß gewesen sein muss. Schließlich hatten alle bisher gefundenen Fossilien von Menschenartigen einen großen Körper.”
Kleiner Primat bringt Überraschung
Tatsächlich spielten kleinere Primaten in der Debatte um den Vorfahren von Gibbons und Menschenaffen bis jetzt eine eher untergeordnete Rolle. Ihnen fehlen die typischen Merkmale, die sich heute lebende Vertreter der Teilordnung der Catarrhini teilen, zu der auch die Menschenartigen gehören. Zudem werden laut den Forschern einige kleine Catarrhini aus Afrika als primitiver angesehen als der groß gewachsene ausgestorbene Proconsul – dem frühesten bekannten Vertreter der Menschenartigen. Aus diesem Grund ist folgende Theorie entstanden: Die bekanntermaßen vergleichsweise kleinen Gibbons seien eine Art Zwergenstamm, der sich aus einem größeren gemeinsamen Vorfahren mit den Menschenaffen entwickelt habe.
Doch der neu beschriebene Pliobates cataloniae ist ein kleiner Primat – und er weist neben primitiven Merkmalen auch viele solcher auf, die für die Überfamilie der Menschenartigen typisch sind. Er war etwa vier bis fünf Kilo schwer und lebte vor circa 11,6 Millionen Jahren. Alba und seinen Kollegen zufolge ist der Affe vor die Aufspaltung von Gibbons und großen Menschenaffen einzuordnen, ist jedoch weiter entwickelt als der Proconsul und andere bekannte kleine Catarrhini.
Primitives und Modernes
Das Fossil ist ein teilweise erhaltenes Skelett, das vor allem eine detaillierte Rekonstruktion des Schädels sowie der Anatomie von Ellenbogen und Handgelenk erlaubt. Die Analyse dieser Überreste zeigt: Pliobates war ein früchtefressender Baumbewohner, der auf bedächtiges Klettern spezialisiert war, sich aber auch von Ast zu Ast hangeln konnte. Dabei war er jedoch wahrscheinlich weniger akrobatisch unterwegs als heutige Gibbons.
Insbesondere einige Eigenschaften seiner Handgelenke sowie des Gelenks zwischen Oberarmknochen und Speiche ähneln schon der Struktur heute lebender Menschenartigen und erlaubten zum Beispiel eine bessere Rotation der Arme. Auch die Größe seines Gehirns rückt den Primaten näher an moderne Affen. Unter anderem die Ohrknochen sind jedoch in Teilen primitiver als etwa bei Proconsul.





