Obwohl der Mars unser Nachbarplanet ist und er in seiner Frühzeit der Erde in vielem ähnelte, wissen wir bisher nur wenig über sein Innenleben. Klar scheint, dass er grundsätzlich ähnlich zusammengesetzt ist wie die Erde und eine ähnliche Schichtstruktur aus einem eisenhaltigen Kern, einem silikatreichen Mantel und einer Kruste besitzt. Doch die Dicke, Zusammensetzung und Struktur dieser Schichten konnten Planetenforscher lange nur grob abschätzen, unter anderem mithilfe von Modellen und Messdaten von Orbitalsonden. Erst mit der im November 2018 auf dem Mars gelandeten NASA-Raumsonde Mars InSight hat sich dies geändert. Denn ihr Seismometer registrierte in den rund vier Jahren ihres Betriebs mehr als 1300 Marsbeben, darunter auch einige Erschütterungen durch Meteoriteneinschläge. Die Laufzeit und Form solcher Wellen erlaubt Rückschlüsse auf Beschaffenheit, Dichte und Temperatur des Materials, durch das diese seismischen Signale gelaufen sind.
Zwei seismische Ereignisse mit Kernwellen
Im Sommer 2021 haben Wissenschaftler auf Basis dieser Daten ein erstes Modell der Marsanatomie erstellt. Damals fehlten jedoch wichtige Messdaten, um die Zusammensetzung und Größe des Marskerns genauer bestimmen zu können. Denn dafür sind seismische Wellen von der gegenüberliegenden Seite des Mars nötig, die auf ihrem Weg zum InSight-Seismometer direkt durch den Kern gelaufen sind. “Solche Farside-Ereignisse sind schwer zu detektieren, weil sie auf ihrem Weg viel Energie verlieren”, erklärt Erst-Autorin Jessica Irving von der University of Bristol. “Wir brauchten viel Glück und Erfahrung, um diese Ereignisse einzufangen.” Erst nach rund drei Jahren – an Missionstag 976 und Tag 1000 – detektierte das Seismometer zwei solcher kerndurchlaufenden Signale.
“Wir haben damit erstmals seismische Wellen eingefangen, die durch den Kern eines anderen Planeten gelaufen sind”, so Irving. Das erste seismische Signal stammte von dem stärksten während der gesamten Missionszeit von Mars InSight registrierten Marsbeben. Der zweite seismische Wellenschub wurde von einem Meteoriteneinschlag auf der anderen Marsseite verursacht. “Dieses zweite Signal war besonders hilfreich, weil wir genau wussten, wo die Quelle der seismischen Wellen lag”, erklärt Irving. Dennoch erforderte es einiges an Aufwand und seismologischer Erfahrung, um die schwachen Kernwellen aus den unzähligen Störgeräuschen und komplexen Seismogrammen herauszulösen und zu analysieren.





