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Neu entdeckter Urvogel verzichtete aufs Fliegen
Erde & Umwelt

Neu entdeckter Urvogel verzichtete aufs Fliegen

Der neu entdeckte Urvogel Yuezhuornis yangyuanensis hatte zwar Flügel, konnte aber nicht fliegen – obwohl er im Stammbaum höher stand als Archaeopteryx. · Foto: © Chung-Tat Cheung

Flugverweigerer: In China haben Paläontologen das 150 Millionen Jahre alte Fossil eines Archaeopteryx-Verwandten entdeckt. Das Überraschende jedoch: Obwohl dieser Urvogel im Stammbaum höher steht als Archaeopteryx, konnte er nicht fliegen – seine Flügel waren verkürzt. Zudem besaß er noch die typische Fußklaue der Raubdinosaurier, wie die Paläontologen in „Nature“ berichten. Das wirft ein neues Licht auf die komplizierten Ursprünge der Vögel und ihrer Flugfähigkeit.
Autor
Nadja Podbregar
15. Oktober 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt

Der Urvogel Archaeopteryx galt lange als der älteste bekannte Urvogel, er flatterte schon vor gut 150 Millionen Jahren durch die Lüfte des Jura-Zeitalters. Doch inzwischen haben Paläontologen in China viele weitere Fossilien von Urvögeln und eng mit ihnen verwandten Dinosauriern gefunden. Diese Funde belegen, dass sich die ersten Urvögel schon vor rund 165 Millionen Jahren in die Lüfte erhoben. Allen Urvögeln gemeinsam schien aber, dass sie ihre vogeltypischen Merkmale vor allem in Anpassung an das Fliegen entwickelten.

„Der Übergang von terrestrischen zu flugfähigen Dinosauriern ist einer der wohl faszinierendsten evolutionären Umbrüche in der Wirbeltierevolution“, erklären Liming Xu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking und seine Kollegen. Doch ausgerechnet aus der Frühphase dieses Übergangs gibt es nur wenige Fossilien. Dadurch ist unklar, wann und in welchen Stammeslinien sich das Fliegen entwickelte.

Fossil mit überraschender Merkmalsmischung

Jetzt zeigt ein neues Fossil aus China Überraschendes. Das Team um Xu hat den Yuezhuornis yangyuanensis getauften Urvogel in einer rund 149 Millionen Jahre alten Gesteinsformation in Zhenghe im Südosten Chinas entdeckt. Das Fossil ist damit ähnlich alt wie der Archaeopteryx und andere flugfähige Urvögel. Auch seine Größe von rund 50 Zentimetern entspricht etwa der des Archaeopteryx. „Als wir Yuezhuornis näher untersuchten, waren wir jedoch verblüfft über seine außergewöhnliche Mischung von Merkmalen“, berichtet Xus Kollegin Min Wang.

„Dieser Urvogel besaß zwar schon ein vogelähnliches Becken und vogeltypische Hinterbeine. Gleichzeitig waren seine Zähne und Füße aber die eines fleischfressenden Dinosauriers“, berichtet Wang. So besaß Yuezhuornis noch eine lange Reihe dicht stehender Zähne im Schnabel und trug eine scharfe, große Mittelklaue an den Hinterfüßen – ein typisches Merkmal der zweibeinig laufenden Raubsaurier. Ebenfalls urtümlich: Die Vordergliedmaßen dieses Urvogels waren verkürzt.

Fossil und Rekonstruktion

Fossil und Rekonstruktion von Yuezhuornis yangyuanensis. — © Min Wang

Moderner als der Archaeopteryx – und dennoch flugunfähig

Es ist demnach offensichtlich, dass Yuezhuornis nicht fliegen konnte. Mit seinen verkürzten Flügeln, aber langen, kräftigen Hinterbeinen ähnelte dieser Urvogel den kleinen Raubsauriern jener Zeit, wie das Team erklärt. Aber seine Proportionen entsprachen eher denen von flugunfähigen Laufvögeln der Gegenwart. „Yuezhuornis war ein kleiner, gut ans Rennen angepasster Fleischfresser, der damit eine ansonsten kaum von Urvögeln genutzte ökologische Nische besetzte“, schreiben die Paläontologen.

Das Überraschende jedoch: Trotz seiner urtümlichen Merkmale und fehlenden Flugfähigkeit war Yuezhuornis eindeutig schon ein Vogel – und sogar stammesgeschichtlich jünger als der Archaeopteryx, wie Analysen ergaben. Die neue Urvogelart zweigt demnach erst nach dem Archaeopteryx vom Stammbaum der frühen Vogelverwandten ab. Yuezhuornis ist zudem die Schwesterart des zuvor in derselben Gesteinsformation entdeckten Urvogels Zhengheornis – einem Urvogel, die fliegen konnte.

Stammbaum

Stammbaumposition von Yuezhuornis: Er zweigte erst nach Archaeopteryx ab. — © Min Wang

Evolution des Fliegens verlief nicht geradlinig

„All dies zeigt uns, dass die frühe Evolution der Vögel weit komplizierter war als wir bisher angenommen haben“, sagt Wang. Entgegen gängiger Annahme gab es im späten Jurazeitalter offenbar keine geradlinige und systematische Anpassung an ein immer besseres Fliegen. Stattdessen entwickelten einige Dinosaurier unabhängig voneinander die Fähigkeit, sich flatternd in die Lüfte zu erheben.

Bei einigen flugfähigen Dinosauriern endete dies in einer evolutionären Sackgasse, beispielsweise beim Microraptor. Andere entwickelten sich dagegen zu den Vorfahren der Vögel. Unter diesen
gab es dann einige Vertreter wie Yuezhuornis, die wieder auf das Fliegen verzichteten und andere ökologische Strategien verfolgten – beispielsweise indem sie sich auf eine nichtfliegende, bodenlebende Lebensweise spezialisierten, wie die Paläontologen erklären.

Der neue Fossilfund zeigt aber auch, dass die Vielfalt der Vogelformen vor 150 Millionen Jahren deutlich größer war als zuvor gedacht: Der flugunfähige Yuezhuornis lebte Seite an Seite mit seinem engen, eher schwerfällig flatternden Verwandten Zhengheornis, während am Himmel über ihnen Archaeopteryx und der schon sehr moderne Urvogel Baminornis ihre Kreise zogen.

Quelle: Liming Xu (Chinese Academy of Sciences, Beijing) et al., Nature, 2026; doi: 10.1038/s41586-026-10972-z

ArchaeopteryxDinosaurierEvolutionUrvogelVögelVogelstammbaum
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