Zum ersten Mal haben Astronomen negativ geladene Moleküle als Quelle von kosmischen Radiosignalen identifiziert. Bislang rätselhafte Radio-Emissionen von dichten Gaswolken im Weltraum stammen vom Anion einer Verbindung aus sechs Kohlenstoff-Atomen und einem Wasserstoff-Atom, berichten Forscher um Michael McCarthy vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics.
Bislang hatten Astronomen angenommen, dass Moleküle mit überschüssigen Elektronen im Weltraum selten sind, weil ultraviolette Strahlung die negativ geladenen Teilchen leicht aus einer Verbindung herausschlägt. McCarthy und seine Kollegen spürten die verdächtigen Radiosignale allerdings in zwei sehr unterschiedlichen Umgebungen auf: Zum einen emittierte die Gashülle eines Roten Riesen im Sternbild Löwe die fragliche Wellenlänge, zum anderen eine kalte molekulare Wolke im Sternbild Stier.
Astronomen entdeckten in den vergangenen Jahren immer komplexere Verbindungen im Weltall anhand charakteristischer Radiofrequenzen. Bislang beschränkte sich der Bestand aber auf 130 neutrale Moleküle und 14 positiv geladene Ionen. Allerdings gibt es noch zahlreiche Radiosignale, die sich keiner chemischen Verbindung zuordnen ließen.
McCarthy und Kollegen hatten im Labor untersucht, welche Radiofrequenzen das C6H-Ion aussendet. So fanden sie heraus, dass die Verbindung die Quelle von rätselhaften Radiosignalen sein muss, die bereits vor zehn Jahren entdeckt wurden. Das Molekül ist größer als alle bislang bekannten kosmischen Verbindungen. Womöglich erhöht sich dadurch seine Stabilität.
Experten glauben, dass die Entdeckung den Forschungszweig der interstellaren Astronomie von Grund auf verändern wird. “Dies ist definitiv die wichtigste Beobachtung, seit positiv geladene Ionen in solchen Wolken entdeckt wurden”, sagt etwa John Maier von der Universität Basel. Entdecker McCarthy hofft nun auf weitere spektakuläre Funde: “Unser Verständnis der interstellaren Chemie ist bislang rudimentär entwickelt. Unsere Beobachtungen lassen vermuten, dass es noch weitere molekulare Anionen, womöglich sogar viele, im Weltraum zu entdecken gibt.”
Michael McCarthy (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics) et al: Astrophysical Journal 652, L141 Ute Kehse





