Ein internationales Team von Astronomen hat ein nacktes Schwarzes Loch ohne Heimatgalaxie entdeckt: Bei der Auswertung von Aufnahmen des Very Large Telescopes (VLT) und des Hubble-Weltraumteleskops stießen die Forscher um Pierre Magain von der Universität von Liège auf einen so genannten Quasar, der im Gegensatz zu seinen Artgenossen nicht von einer massiven, sternreichen Galaxie umgeben ist. Quasare sind hell strahlende Himmelsobjekte, die nach der gängigen Theorie entstehen, wenn sich supermassive Schwarze Löcher Materie aus der Umgebung einverleiben. Der Quasar namens HE0450-2958 scheint dabei im Gegensatz zu allen anderen bisher bekannten Quasaren lediglich von einer Gaswolke auf der einen und einer kleinen, verzerrten Galaxie auf der anderen Seite begleitet zu werden.
Supermassive Schwarze Löcher, deren Masse mehrere hundert Millionen mal so groß ist wie die der Sonne, verstecken sich in den Zentren der meisten großen Galaxien ? inklusive der Milchstraße. Manchmal treten sie auf eine spektakuläre Weise in Erscheinung: Sie beginnen, die sie umgebende Materie zu verschlingen und setzen dabei eine riesige Menge an elektromagnetischer Strahlung frei. Diese extrem intensive Strahlung macht es sehr schwierig, die Umgebung eines Quasars zu beobachten, da sie beispielsweise die umgebende Galaxie vollständig überstrahlt. Dieses Phänomen führte Astronomen zu der mittlerweile widerlegten Annahme, Quasare seien “nackte” Himmelsobjekte, die ohne Heimatgalaxie existieren können.
Später zeigte sich jedoch, dass alle bislang beobachteten Quasare von einer massiven Galaxie umgeben sind ? mit Ausnahme von HE0450-2958: Die Forscher konnten bei dem fünf Milliarden Lichtjahre entfernten Quasar keine Anzeichen einer massiven Galaxie entdecken. Entweder ist das Schwarze Loch demnach von einer extrem kleinen Galaxie umgeben, deren Durchmesser mit etwa 300 Lichtjahren 20- bis 170-mal kleiner ist als der typischer Quasar-Galaxien, oder die Sterne der Galaxie leuchten sehr viel schwächer als erwartet.
Begleitet wird HE0450-2958 von einer Gaswolke ohne Sterne, die dem Schwarzen Loch wahrscheinlich als Nahrung dient. Etwa 50.000 Lichtjahre von dem Quasar entfernt entdeckten die Astronomen außerdem eine kleine, stark verzerrte Galaxie, die offenbar vor etwa 100 Millionen Jahren einen schweren Zusammenstoß hatte ? vielleicht sogar mit der vermissten Heimatgalaxie, die dabei zerstört worden sein könnte. Möglicherweise besteht die Galaxie des Schwarzen Lochs aber auch hauptsächlich aus dunkler Materie und ist deswegen nicht sichtbar. Weitere Studien sollen nun zeigen, welche dieser Thesen zutrifft.
Pierre Magain (Universität Liège) et al.: Nature, Bd. 437, S. 381
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel