Wenn in der Rock-Disco das legendäre Gitarrenriff von Deep Purples „Smoke on the Water” erklingt, kann man eine ganz besondere Spezies beobachten. Zumeist handelt es sich dabei um – nicht mehr ganz junge – Männer, oft in Jeans und Leder gekleidet, die virtuelle Instrumente bearbeiten und großartige Gitarrensoli aufführen: Es ist die Zeit der Luftgitarrenspieler.
Schade nur, dass die Gitarrensoli, die auf diese Weise schon entstanden sind, niemand hören kann. Das könnte sich nun schlagartig ändern, denn Forscher von der finnischen Universität Helsinki haben eine virtuelle Luftgitarre entworfen, die sie jetzt in einer neu gegründeten Firma (Virtual Air Guitar Company) vermarkten wollen. Ein sparsames Equipment und die passende Software reichen völlig aus, um auch ohne jahrelanges hartes Instrumentaltraining passable Ergebnisse auf dem Saiteninstrument zu erzielen.
Zwei leuchtend orangefarbene Handschuhe, eine Webcam und zwei Pedale sind – neben einem PC – die wichtigste Hardware, um Luftgitarre zu spielen. Der Spieler zieht die Handschuhe an und postiert sich so, dass er von der Webkamera aufgenommen werden kann. Mit einem Fußpedal startet er die Aufnahme, das andere Pedal dient dazu, zwischen verschiedenen Modi hin und her zu schalten. Stellt er sich nun in typischer Gitarristen-Pose auf – also die linke Hand am Griffbrett und die rechte Hand in Hüfthöhe dorthin, wo sich normalerweise der Corpus der Gitarre befindet –, ist das System bereit, das virtuelle Spiel in reale Klänge zu verwandeln.
Die Verarbeitung der Gesten eines Luftgitarristen läuft prinzipiell in drei Schritten ab. Zunächst kommt eine Software zum Erfassen der Gesten zum Einsatz. Sie erkennt die orangefarbenen Handschuhe, identifiziert Spiel- und Griffhand und berechnet die Entfernung zwischen beiden Händen. Damit lässt sich bestimmen, welchen Bund der Spieler auf seiner virtuellen Gitarre greift. Je nach Voreinstellung unterscheidet die Software auch Akkorde und Solospiel.
Im nächsten Schritt müssen die erkannten Gesten in Musik umgewandelt werden. Das ist der komplizierteste Teil der Technologie, denn dabei geht es nicht nur darum, den korrekten Ton zu treffen, es sind zudem eine bestimmte Klangcharakteristik und ein besonderer Stil, mit dem das Instrument gespielt wird, zu berücksichtigen. Schließlich klingt eine Gitarre in den Händen eines Jazzers vollkommen anders, als wenn sie ein Heavy-Metal-Freak im Griff hat.
Einer der zentralen Software-Bausteine für diesen Verarbeitungsschritt ist eine Bibliothek etlicher verschiedener Gitarrenstile. Die Gesten des Spielers werden zunächst dahingehend interpretiert, welcher der gespeicherten Stile ihm am ehesten entspricht. Mit dem zweiten Fußpedal lässt sich die Klangcharakteristik weiter anpassen.
Das letzte Software-Modul, die Soundwiedergabe, ist so programmiert, dass der Klang der virtuellen Gitarre dem der weltweit meistverkauften E-Gitarre vom Typ Fender Stratocaster nahe kommt. Dazu bedienten sich die Programmierer der so genannten Karplus-Strong-Synthese, um den Klang jeder einzelnen Gitarrensaite zu simulieren: Der synthetisch erzeugte Ton wird durch verschiedene Filter modifiziert und dann in eine Feedback-Schleife geschickt, die dem Ton einen gewissen Hall hinzufügt. Der wiederum ahmt die Intensität nach, mit der die Saite angeschlagen oder gezupft wird.
Mithilfe dieses technischen Equipments könnte künftig – noch gibt es die virtuelle Luftgitarre nicht zu kaufen – jeder Rocker seine Freunde mit einem krachenden Gitarrensolo und mitreißenden Riffs überraschen. Auch wenn er das Instrument nicht virtuos beherrscht. ■
Jürgen Brück





