von THOMAS BÜHRKE
In der Nacht vom 1. zum 2. September 1859 wurde ein ungewöhnlich starker geomagnetischer Sonnensturm registriert. Er ist benannt nach dem Sonnenforscher Richard Christopher Carrington, der damals eine Eruption auf der Sonne beobachtete und als Erster einen Zusammenhang zwischen der Sonnenaktivität und geomagnetischen Störungen auf der Erde erkannte. Das Carrington-Ereignis führte zu Polarlichtern, die noch in Kuba und Honolulu den Abendhimmel erleuchteten. In weiten Teilen Nordeuropas und Nordamerikas brach das Telegrafennetz zusammen. Neben dem Carrington-Ereignis zählen zwei solare Stürme im Jahr 1921 und 1872 zu den drei heftigsten bisher bekannten derartigen geomagnetischen Stürmen. Ein vergleichbares Ereignis hätte heute signifikante Auswirkungen auf unsere Hightech-Infrastruktur – insbesondere auf Satelliten.
Lange galt das Carrington-Ereignis als Maß aller Dinge. Doch im Jahr 2012 überraschte die japanische Astronomin Fusa Miyake von der Universität Nagoya die Fachwelt mit der Entdeckung von zwei weit stärkeren Ausbrüchen aus den Jahren 774/775 und 993/994. Diese zeigten sich durch einen markanten Anteil an Kohlenstoff-14-Isotopen (C-14) in den Jahrringen japanischer Zedern (BDW 1/2025, „Kosmischer Fingerabdruck in Baumringen“).
Das Miyake-Ereignis von 774/775 war etwa zehnmal so stark wie das von Carrington beobachtete. Einige Jahre später gelang es, die beiden Miyake-Ereignisse weltweit in weiteren Bäumen nachzuweisen. Doch im Juli 2025 wurde dieses Wissen noch übertroffen: von einem internationalen Team um Edouard Bard vom Research and Teaching Centre Environmental Geosciences (CEREGE) der Universität Aix-Marseille. Es entdeckte einen extremen Anstieg der C-14-Konzentration in zwei subfossilen Kiefern am Ufer des Flusses Drouzet in Südfrankreich. Als subfossil bezeichnet man einen toten Organismus, der noch nicht vollständig fossilisiert ist. Er enthält organische Substanzen, die sich beispielsweise mit der C-14-Methode (Radiokarbonmethode) analysieren lassen.
Das von Bards Team entdeckte Miyake-Ereignis geschah, nach den Jahrringen zu schließen, im Jahr 12.350 vor unserer Zeitrechnung. Es ist damit das stärkste und älteste Zeugnis explosiver Sonnenaktivität und zudem das erste bekannte, das aus der letzten Eiszeit stammt. Genau das erschwerte allerdings die quantitative Analyse der C-14-Messung erheblich.
Datierung mit Kohlenstoff
Wenn ein Teilchen der Kosmischen Strahlung in die irdische Hochatmosphäre eindringt, kann es mit einem Atomkern der Luft zusammenstoßen und dabei über Kernreaktionen ein Neutron freisetzen. Trifft dieses auf das Isotop Stickstoff-14, so wandelt es sich in Kohlenstoff-14 um. Der wird von organischen Substanzen wie Holz aufgenommen und in Baumringen eingelagert.





